Urlauberwellen in Seegezeiten: Der Ruf der WIENER MEERE

Neusiedler See. Das seichte Gewässer überstand manche Ansinnen: Trockenlegung, Brücke – dabei will man hier doch baden, Boot fahren, Natur schützen, Vögel beobachten.

Der Neusiedler See mit bestem Surfwind und Nationalparkbewohnern.
Der Neusiedler See mit bestem Surfwind und Nationalparkbewohnern.
Der Neusiedler See mit bestem Surfwind und Nationalparkbewohnern. – (c) Burgenland Tourismus/Mike Ranz

Die Burgenländer sind Meister des Feierns. Das Hundert-Jahr-Jubiläum der Republik Österreich wird das erneut bestätigen. Zwar waren das Burgenland und mit ihm der gesamte Neusiedler See im Jahr 1918 noch Teil Ungarns, aber gern und mit Überzeugung feiert das kleine Bundesland mit. In drei Jahren werden die freundlichen Leute aus dem Osten dann die nächste Gelegenheit nutzen und hundert Jahre Zugehörigkeit zu Österreich begehen.

Schon bald nach dem Eintritt des Landes in die Republik begann man, die Werbetrommel in Richtung des neuen Zentrums, der Stadt Wien, zu rühren. Vorher war das Land nach Osten orientiert, die wichtigen Verbindungen gingen nach Budapest und ins ungarische Kernland. Aber bereits 1931 liest man im „Neuigkeits-Welt-Blatt“ zur Zehn-Jahres-Feier: „Festtage in Eisenstadt. In feierlich-würdiger Weise begeht das Burgenland heute die Erinnerung an seine Vereinigung mit Österreich. Die Obstmärkte Wiens werden vom Burgenland reich beliefert, der Wein, der in den Weingärten am Neusiedler See wächst, ist weltberühmt . . . Und der Neusiedler See ist längst das populäre „Meer der Wiener“ geworden.

„. . . selbst eine Eisenbahn wurde zur Verbindung des nördlichen und südlichen Teils gebaut.“ Den Begriff des Meeres der Wiener haben also nicht anmaßende Hauptstädter erfunden, sondern er war die werbliche Einladung an den sich entwickelnden Fremdenverkehr.

Allerdings gab es auch andere als touristische Überlegungen. Immer wenn der Wasserstand besonders niedrig war, kam jemand auf die Idee, den See überhaupt trockenzulegen. So etwa 1933, als Planungen begannen, um ihn im Norden aufzustauen und den südlichen Teil zu opfern. Knapp vierzig Jahre später wurde im Landtag beschlossen, eine Brücke von mehr als drei Kilometern von Mörbisch nach Illmitz zu spannen. Aber glücklicherweise setzten sich Naturschützer in beiden Fällen durch.

1946 wurde der Neusiedler See mit einer skurrilen wie berührenden Geschichte in der „Weltpresse“ erwähnt. Junge Leute mit Rucksäcken wollten sich im Zug nach Wien ein wenig Platz verschaffen, worüber sich die anderen Passagiere mokierten. Bis sich herausstellte, dass sie unter ihren Pullovern Eier von Reihern, Störchen und anderen Vertretern der Vogelwelt des Neusiedler Sees trugen, um sie warmzuhalten. Die Studenten brachten so die ersten Bewohner in die Biologische Lehr- und Arbeitsstation zum später berühmt gewordenen Otto König.

Heute ist der See zum neuen Sehnsuchtsort für viele Wiener, aber auch Österreicher aus anderen Bundesländern geworden. Das Konzept von unberührter Natur, bester Kulinarik, Nebeneinander verschiedener Volksgruppen und freundlichen Menschen eignet sich bestens als Konzept für das ganze Land. So feiern also die Burgenländer mit großem Recht das hundertjährige Jubiläum einer Republik, der sie erst drei Jahre nach ihrer Gründung beigetreten sind.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2018)

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