Alta Badia: Eine Gastrorunde, umringt von Dolomitengipfeln

Die Zahl der Höhenmeter wird sich tendenziell in Grenzen halten, denn Skifahrern in Alta Badia ist so kulinarik- wie sportgetrieben.

Gegensatz. So wild die Kulisse, so sanft eigentlich das Gelände des Skigebiets.
Gegensatz. So wild die Kulisse, so sanft eigentlich das Gelände des Skigebiets.
Gegensatz. So wild die Kulisse, so sanft eigentlich das Gelände des Skigebiets. – (c) Beigestellt

In großen Skigebieten sind Skifahrer versucht bis dazu verleitet, viele Kilometer zu machen. Das trifft auch auf Alta Badia zu, schließlich liegen die Pisten in der Kernzone der Sellaronda rund um den monumentalen Sella­stock. Doch schon die erste Tagesbilanz an Pistenkilometern ist klein: Der Lift ist kurz, Tür auf, schon steht man in der ersten Station der selbst erstellten Hüttentour. Col Alt ist in der gleichnamigen Bergstation untergebracht, Wirt Fabio Targhetta betreibt seine „Baita Relax" (Hütte) seit mehr als zehn Jahren. Italienische Musik perlt im Hintergrund dahin, das Ristorante vermittelt trotz seiner Lage Mediterranes. Vor zehn Jahren schlug der aus Castelfranco stammende Wirt Wurzeln inmitten der Dolomiten, was sich auf der Karte bemerkbar macht. Vieles stammt von kleinen Produzenten, das Olivenöl aus der eigenen. „Den Rehburger solltet ihr kosten", meint der Wirt und empfiehlt auch die Shortribs vom Barbecue, das sie oft veranstalten. Wäre es nicht zu früh, ein Gläschen Kerner ginge schon. Die Etiketten, die er gelistet hat, sprengen das Vorstellungsvermögen des österreichischen Hütteneinkehrers: An die 700, darunter viele aus Alto Adige, einiges aus biodynamischem Ausbau.

Naturdenkmal. Dolomitengipfel kreisen das Skigebiet ganz ein.
Naturdenkmal. Dolomitengipfel kreisen das Skigebiet ganz ein.
Naturdenkmal. Dolomitengipfel kreisen das Skigebiet ganz ein. – (c) Südtirol Marketing /Alex Filz

Ein, zwei Berge weiter ohne jede Anstrengung, zumal die sämtlich von Gastronomie besetzten Gipfel nicht allzu hoch sind. Ulli Crazzolara, der Wirt der Las-Vegas-Hütte, läuft flink herum, da ein Gruß, da ein paar Worte. Er muss uns unbedingt sein Motorrad zeigen, mit dem er die halbe Welt erkundet hat. Das steht im neuen An- und Umbau, der nun acht Zimmer beherbergt. Als Apero steht schnell ein Gewürztraminer aus der Kellerei Girlan auf den Tisch. 1964 war die Las Vegas als eine der ersten Skihütten in Betrieb gegangen, erzählt Ulli, der früher Skirennen fuhr. 2000 hatte er sie übernommen und weiter ausgebaut. Die Las Vegas ist eine Kultlocation – mit Fotos an der Wand, die das bezeugen. Auch am Abend ist geöffnet. Die Gäste steigen mit Tourenski auf, nicht wenige aber nutzen den Schneekatzen-Transfer. Spiegeleier mit Speck und Röstkartoffeln sind wie auf vielen Hütten hier die beliebteste Mittagskost, und Gulasch mit Polenta, wenn’s gehaltvoller werden soll. Der Pizzaofen glüht bis 17 Uhr. Aus der eigenen Konditorei gibt’s Strudel, „den aber mit Mürbteig". Und dann stehen plötzlich zwei Teller davon da – eine spitzenmäßige Unterlage.

Das Ziel ist der Nebengipfel. Die Ütia de Bioch war, als sie der Vater aufgebaut hatte, nicht viel größer als sechs mal sechs Meter, erzählt Markus Valentini. Auch jetzt, nach Erweiterung, vermittelt sie gemütliche Übersichtlichkeit. Gleich wird ein Teller mit selbst gemachten Linguine mit Zitrone, Bottarga und Miesmuscheln vor einem stehen, und es wird egal sein, dass da draußen Nebelschwaden die bizarre Form des Sassongher und des Lagazuoi einwickeln. Zur Eröffnung gibt es einen Schluck „Arunda Marianna Cuvée", feinen Sprudel aus der höchsten Sektkellerei Südtirols – und eine von den 400 Positionen auf der Weinkarte der Ütia, wie Hütte auf Ladinisch heißt. „Haben wir vorher noch zu zwei Drittel Bier verkauft, sind es heute zum überwiegenden Teil Weinflaschen", so Valentini, worin sich das Upgrade eines ganzen Skigebiets manifestiert. Der feststoffliche Digestif muss gekostet werden: Das Tiramisu wird hier nicht mit Rum, sondern mit Gin aus Gröden getränkt. „Hier oben sind wir alle Nachbarn. Man hilft sich gegenseitig", sagt Valentini. Und nennt als einen Impuls für die gastronomische Sonderstellung von Alta Badia den großen Norbert Niederkofler, der seit einem Jahr in seinem „St. Hubertus" (im Hotel Rosa Alpina in St. Kassian) drei Michelin-Sterne hält – und dessen Tortelli-Rezept in der Ütia umgesetzt wird.

Gastgarten. Küchenstandards vom Tal darf man hier am Berg erwarten.
Gastgarten. Küchenstandards vom Tal darf man hier am Berg erwarten.
Gastgarten. Küchenstandards vom Tal darf man hier am Berg erwarten. – (c) Armin Terzer

Kulinarischer Impuls. Vor zehn Jahre befanden Niederkofler und seine hochdekorierten Kollegen, dass Ski und Genuss noch stärker verbunden werden müssen. Weil oben auch sein soll, was unten im Tal längst Tatsache ist. Und es mittlerweile von allen erwartet wird. „Nach Ischgl fahren wir zum Feiern, nach Alta Badia kommen wir zum Essen", wird uns etliche Hütten später, im mondänen „Moritzino", eine saturierte Runde aus Stuttgart bei Jakobsmuscheln und Sauvignon Blanc drauflosschwärmen.

Vorher aber werden richtig Höhenmeter gemacht, der Weg führt über leerere Pisten hinüber nach Badia: La Crusc ist mehr Schutzhaus denn -hütte. Das Gebäude stammt von 1718 und dient nach wie vor als Mesnerhaus, weil die kleine Kirche in der postkartengleichen Landschaft (nennt man heute instagramable) im Sommer ein Ziel von Wanderern ist, etwa auf dem Weg zur Fanes. „Alle drei Jahre gehen die ladinischen Männer ins Villnösstal und weiter zum Kloster Säben. Drei Tage dauert die Ladiner Wallfahrt," erzählt die Wirtin dieses stilleren Ortes. „Früher hatten wir kein Wasser und keinen Strom", schildert Karin Irsara und rät zum Kaiserschmarrn, den Kaiserschmarrn im Umkreis. Er kommt in einer Riesenpfanne. Golden wie die Sonne, die sich langsam gegen das Schneetreiben durchsetzt und den Blick auf den Heiligkreuzkofel freigibt. Zeit, sich aus der Stube zu lösen und sportlich in die Gänge zu kommen.

Klassiker. Die traditionelle
Klassiker. Die traditionelle
Klassiker. Die traditionelle Pralongià liegt etwas ruhiger. Ein Ort für gute Hausmannskost. – (c) Beigestellt

Zurück geht’s nach Corvara, wieder ein Stückerl Sellaronda. Am Fuße des Gebirgsstocks liegt der moderne Bau der Boè. Der schnelle Hunger wird hier bei einem lässigen Kiosk bedient, es gibt Brote, Pizza. Doch jetzt hüllt uns drinnen samtiger Sound ein. Wenn es einen Hipstertreff im Skigebiet gibt, dann ist es wohl diese „Alpine Lounge", wo ein DJ all das nicht auflegt, was viele österreichische Skihütten noch immer zur No-go-Zone macht. Lässig lümmelt man hier am Kamin. Im Diningbereich isst sich mit Erstaunen ein amerikanisches Grüppchen am Nebentisch durch die Karte und muss seine Sicht über den Grad der Zivilisation in Europa revidieren. Den Wein, den wir zum Risotto im Glas haben (Kellerei Terlan), ordern sie dann auch. Es hat gedauert, bis aus der alten Bergstation ein architektonisch hochwertiger Bau wurde, erzählt der Wirt. „Im Vergleich zur früheren Hütte wurde der Bau einen Meter gehoben, damit die Berge wie ein umrahmtes Bild wirken." Sehen wir durch die große Glasfront. Hierher muss man früh kommen, denn nachmittags liegt die Boè im Schatten des Sella-stocks.

Stammgäste und Klassiker. Jetzt haben die Wolken ganz aufgerissen. Wir bewegen uns von der Masse weg auf einem schönen, leicht windausgesetzten Höhenrücken. Die letzte Station des Tages ist die große, seit 1933 bestehende Pralongià, ein Familienbetrieb mit vielen Stammgästen. Im Keller lagern jede Menge Lagreins und Blauburgunder, man ordert den Gourmetteller und Beef Tatar, danach eine der herrlichen selbst gemachten Torten. Wenn man wollte, könnte man hinter dem Haus mit dem Hubschrauber landen.

Bergstation. Oben gleich einkehren in der Col Alt. Gegenüber: der Sassongher.
Bergstation. Oben gleich einkehren in der Col Alt. Gegenüber: der Sassongher.
Bergstation. Oben gleich einkehren in der Col Alt. Gegenüber: der Sassongher. – (c) Freddy Planinschek

Der nächste Tag beginnt ambitioniert. Der Nebel hat sich verzogen. Der Sassongher zeigt sein blankes Gestein. Die Dolomiten – ein Wunderwek der Erdgeschichte. Da hinten geht es ins idyllische Edelweißtal, gegenüber baut sich der Heiligkreuzkofel auf. Wir nehmen im hübschen Gastraum der großen Col Pradat Platz. Hier gibt es viel für den Gast, vom Frühschoppen bis Hüttenabend, auch im Sommer ist Betrieb. „Was darf ich euch bringen? Weißwurst vom Fleischhauer in Corvara? Frische Austern, gerade mit dem Motorschlitten gekommen?", fragt der Wirt Hannes Ebner. Schwierige Frage, denn der Skitag ist noch jung. Aber am besten beides.

Compliance-Hinweis: Die Recherche wurde von IDM Südtirol unterstützt.

Infos

Skigebiet: Alta Badia ist Teil der Dolomiti Superski (500 Pistenkilometer) und liegt an der Sellaronda sowie Gebirgsjägertour, altabadia.org, dolomitisuperski.com, suedtirol.info

Erwähnte Hütten: Col Alt, rifugiocolalt.com, Las Vegas, lasvegasonline.it, Ütia de Bioch, fornata.it, Moritzino, moritzino.it, La Crusc, lacrusc.com, Piz Boé Alpine Lounge, boealpinelounge.it, Pralongià, pralongia.it, Col Pradat, colpradat.com

Weitere Hütten: Vinothek Ursus Ladinicus Punta Trieste, originell, puntatrieste.it, Ütia Florian, feine Panini, plaoen.it, I Tablà Berghütte, gute ladinische Küche, ladinia.it

Am Abend: Drei Michelin-Sterne St. Hubertus/Norbert Niederkofler, rosalpina.it, zwei Sterne La Siriola/­ Matteo Metullio, ciasasalares.it, ein Stern Stüa de Michil/
Nicola Laera, hotel-laperla.it

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