Peru: Langer Atem für den Ausangate

Der fünfthöchste Berg des Andenstaats fordert den Wanderer ziemlich heftig und versöhnt ihn mit einer unglaublichen Landschaft. An manchen Stellen fast nicht von dieser Welt.

Die Seen am Fuße des Ausangate (6384 Meter) sind viel zu kalt zum Baden.
Die Seen am Fuße des Ausangate (6384 Meter) sind viel zu kalt zum Baden.
Die Seen am Fuße des Ausangate (6384 Meter) sind viel zu kalt zum Baden. – Imago

Die Trageriemen des voll beladenen Wanderrucksacks schneiden in die dünne Haut über den Schlüsselbeinen. Zelt, Matte, Schlafsack, Pyjama, Bikini, Kochtopf, Gaskartusche, Thermoskanne und Verpflegung für sieben Tage – alles ist eng um den Körper geschnallt, muss von Schultern und Hüften getragenwerden. Die 22 Kilogramm machen bereits beim Losgehen träge. Die Beine sind langsam. Langsamer als gewöhnlich. Die Atmung ist schneller. Schneller als gewöhnlich. 4408 Meter Seehöhe. Die Lungen und Muskeln müssen Höchstarbeit leisten und gleichzeitig mit weniger Sauerstoff in der klaren Luft auskommen. Das alles ist vergessen, wenn sich der Blick von der kahlen Wiese auf zu den schneebedeckten Gipfeln und den zerklüfteten Eisfeldern hebt. Sie, die spitzen weißen und grauen Zacken, durchschneiden die weich geformte moosgrüne Hügellandschaft. Der Ausangate, der fünfthöchste Berg Perus, und seine nicht minder hohen Brüder und Schwestern sind eine Wucht.

Rauf selten, rundherum öfter

Die Dimension von der Spitze auf 6384 Metern zu erfassen, gelang erstmals vor 65 Jahren. Dokumentiert ist, dass die Expedition in die entlegene Region am westlichen Rand der Cordillera Vilcanota der Kärntner Heinrich Harrer, der am Dach der Welt mit dem Dalai-Lama Freundschaft schloss, anführte. Besteigungen des Ausangate sind selten. Zu schwer sei der Zustieg der Hochtour, zu schlecht die Infrastruktur für eine Expedition, zu dürftig die Auskunft der Tourenanbieter und zu groß das Risiko für Unerfahrene.

Umrundet wird das gewaltige Massiv etwas öfter. Bekannt ist die 70 Kilometer lange Tour rund um den Ausangate, die fast ausschließlich in einer Karawane mit Führern und Huftieren gegangen wird, nicht. Weder bei Touristen noch bei Einheimischen. Wer in die Region der Touristendestination Cusco kommt, peilt andere Attraktionen an: die 140 Kilometer Luftlinie entfernte Inkastadt Machu Picchu.

Am Anfang ist der Ausangaterundweg nicht besonders fotogen. Staubig beginnt die Route durch das trockene, braun-ockerfarbene Anden-Tal auf 3800 Metern. Vom holprigen Marktplatz in der kleinen Stadt Tinki, dreieinhalb Stunden Fahrzeit im Bus von Cusco, führt eine Schotterstraße durch kleinere Siedlungen aufs Land. 20 Nuevo Soles Eintritt (fünf Euro) werden am Parkeingang in einer einfachen Holzhütte verlangt.

Höhe ist Ausnahmebelastung

Infomaterial gibt es nicht. Den Weg weisen entweder analoge Karten oder eine Applikation am Telefon, die ohne Verbindung zur Außenwelt gut funktioniert. Ein paar Wellblechhütten später endet die mobile Verbindung. Internet aus. Telefon aus. Freiheit ein. Mädchen mit Schultaschen, Frauen mit Pferden, Buben mit Fahrrädern begleiten einen abwechselnd ein Stück auf der Schotterstraße. Die Erde ist trocken. Die Kinder springen in ihren Sandalen dahin. Die Wanderer leiden unter der Last und der Höhe, die sich mit einem leichten Klopfen im Kopf bemerkbar machen.

Mit jedem Kilometer wird die Einsamkeit größer, bis nur noch eine Herde Lamas nach der Abzweigung den schmalen Fußweg kreuzen und ein einsamer Andischer Kondor seine Kreise zieht. Luft tief durch die Nase ziehen und das Gefühl, die Atmung würde aussetzen, unterdrücken. Bis zum Dorf Pachanta mit seinen drei Hütten lässt sich die Schinderei nur mit Superlativen beschreiben. Kopf und Körper müssen sich erst an die Ausnahmebelastung gewöhnen. Die meisten Wanderer umgehen diesen Weg. Die Bequemen wählen die flotte Variante, steigen in ein Taxi, lassen sich bis zum Zeltplatz, der mit einer motorisierten Kutsche erreichbar ist, chauffieren und nehmen ein Bad in den Quellen.

Heiß ist das Wasser, wenn es aus den Erdlöchern sprudelt, angenehm ist es, wenn es im Schwimmbecken aufgefangen wird. Der Zugang ist kostenlos. Der Ausblick ist unbezahlbar, besonders wenn Kälte und Dunkelheit ins Tal kriechen, wenn die Mondsichel über die weißen Gipfel des Ausangatemassivs zieht, sich der Nebel lichtet und der Schnee das Massiv im Dunkeln hervortreten lässt. Die Nächte sind in der Trockenzeit lang, mehr als zwölf Stunden. Der Tag beginnt für die Geher früh. Eine Handvoll Haferbrei mit Kialmano-Pulver, das auf Märkten als Wundermittel angepriesen wird, soll Kraft für den 4820 Meter hohen Arapa-Pass geben. Der Magen ist nach dem Frühstück voll, der Hunger nach den Bergen noch nicht gestillt.

Lamas, Alpacas, Vicuñias

Der wuchtige Ausangate ist hier in der kargen Landschaft hinter seinen Geschwistern aus dem Panorama verschwunden. Ebenso Eis und Gletscher. Die Natur ist fast still. Nur der Wind pfeift über den kurz geschorenen Rasen. Herden von weiß-braunen, wolligen Lamas und den zierlicheren, etwas kleineren Alpakas sowie den grazilen und sehr scheuen Vicuñias durchqueren die Ruhe. Mit rhythmischem Schmatzen rupfen sie das zart gewachsene grüngelbe Gras in Büscheln ab, heben hie und da ihre Köpfe und traben weiter, sobald sie stapfende und keuchende Menschen in Goretex wahrnehmen. Im Umkreis der Tiere wacht meist ein Hirte und döst. Oder eine Hirtin, die sich mit Stricken die Zeit vertreibt und dabei die kurzatmigen, schwer bepackten exotischen Eindringlinge ungläubig anstarrt.

Keine soziale Plattform, sondern das Fremde fasziniert die indigene Bevölkerung, die in schätzungsweise 15 bis 20 Kommunen rund um ihren „Awsanqati“ lebt. Barrieren sind nicht nur ihre Zurückhaltung, sondern auch ihre Sprache. Spanisch verstehen die wenigsten. Zwischen den mächtigen Bergen, ihren Beschützern, die vor Netzverbindungen und der modernen Welt im Internet abschirmen, wird seit Generationen Quechua gelernt und gesprochen. Der Ursprung ist dem Kastellan fremd. Genauso wie die Religion. Im südlichen Peru glauben die Menschen an Apu, den Gott der Berge, zu dem sie für reiche Ernteerträge und ein gutes Leben beten. Mutter Erde, Pachamama, gilt als die allmächtige Gottheit, der im August besonders gehuldigt wird.

In dieser Zeit ist das Klima in den Anden zwar besonders rau, aber auch besonders für die menschlichen Bergziegen und ihre Bergbesteigungen geeignet. Saison ist zwischen April und November, weil meist trocken und kalt. Doch der facettenreiche Ausangate und sein Wetter sind unberechenbar. Scheint in einem Tal noch die Sonne, tänzeln im nächsten weiße Flocken vom Himmel.

Zwei Aufstiege und ein Abstieg weiter beginnt sich die Natur in all ihren Farben zu entfalten. Schmale, tiefe Rinnsale suchen sich ihren Lauf durch die Ebenen, dazwischen bilden Polster aus hellgrünem Moos kleine Inseln. Die eisblauen Gletscherseen, in denen sich die weißen Gipfel spiegeln, sind sehr kalt. Aus ihnen wird getrunken und Wasser zum Waschen und Kochen geschöpft. Gaskocher und Campingkochtopf werden ausgepackt. Pasta, Reis und Quinoa werden mit Salsasauce aus der Packung, Thunfisch aus der Dose oder frischen Karotten im Plastikgeschirr serviert. Für den verwöhnten Gaumen werden noch Nüsse, Milchpulver, Frischkäse, Honig, Zucker, Zimt und Kräuter mitgeschleppt.

Der Regenbogenberg, ein Sight

Der Luxus kennt auch auf 5000 Metern keine Grenzen und gipfelt in der Mitnahme des Kopfpolsters, der Platz nimmt. Gewicht gespart wird bei der Garderobe. Nur die Skiunterwäsche aus Merino, eine Weste, Handschuhe, Haube, ein Paar Socken und drei Stück Unterwäsche werden in den Rucksack gepresst und zum Schutz vor Nässe umweltunfreundlich in Müllsäcke gewickelt. Das schlechte Gewissen der Mitteleuropäer folgt deswegen auf Schritt und Tritt.

Auch auf den Regenbogenberg. Der gestreifte, bunte Bergbuckel ist seit einigen Jahren im Pflichtprogramm vieler Peru-Besucher und nur eine Abzweigung von der Ausangate-Runde entfernt. Der 30-km-Umweg wird in die Tourenplanung aufgenommen.

Der Geist ist wach, als der Morgen nächtens um 3:30 Uhr beginnt. Leichtrucksack packen, Zelt absichern und marschieren. Die wunden Zehen sind abgeklebt. Der Körper quält sich in der Dunkelheit über schwer erkennbare Wege, durch dünn besiedelte Dörfer, Gartenzäune, auf allen vieren über einen Wasserfall bis ins inzwischen bekannte Vinicunca.

Pferdetransport für Gäste

Der kleine Ort, in dem die Reisebusse täglich Tausende Touristen abladen und wieder nach Cusco mitnehmen, hat sich für den Ansturm schon um sechs Uhr morgens gerüstet. Seit drei Jahren ist er einer der meistbesuchten Attraktionen Perus. Die Wege hinter dem Eingang sind breit und ohne Grün. Mitten in der Natur sind hinter Holzverschlägen Toiletten ohne Spülung aufgestellt. Weiter drüben bauen Frauen frühmorgens ihre Verkaufsstände auf, bieten stumm Frittiertes und Süßes an.

Bauern warten mit ihren Pferden auf die Gäste. Wer für den Fußmarsch nicht fit genug ist, wird von ihren Tieren im Trabschritt auf die 5200 Meter getragen. Egal, um welchen Preis, rauf wollen sie alle. Um ein Foto der roten, pinkfarbenen, gelben und grünblauen Sedimente, die durch die Bewegung der Erdplatten vor Millionen Jahren an die Oberfläche gedrückt wurden, ins digitale Album zu heften.

Spätestens zum Sonnenaufgang, den sich einige Individualreisende teilen, ist auch der jaulende Biorhythmus beruhigt. Der Blick auf den Berg, gefärbt von Eisenoxid, Mangan, Schwefel, Granit und Kupferablagerungen, ist schön. Umwerfend ist aber das Gipfelpanorama ringsum. Ausangate und Mariposa strahlen im Nordosten unter der Vormittagssonne, Takusiri und Wasaqucha im Norden. Bevor die Speicherkarte der Kamera gefüllt ist, die Tourenanbieter mit Tausenden Tagestouristen anrücken und die Scharen von Gehfaulen vom Huftier auf den Berg gebracht werden, beginnt der Rückweg zum Bergmassiv und die Rückkehr in die Einsamkeit.

Komfortwanderer mit Koch

Vollkommen allein sind Weitwandernde nicht. Ab und zu kreuzen andere Marschierende, die von Bergführern geleitet und von Koch und Pferden begleitet werden, den Weg. Die Ausangate-Deluxe mit Bergführern in Begleitung, Frühstück und mehrgängigen Menüs zu Mittag und zum Abendessen, die frisch von geschulten Köchen zubereitet werden, haben mit bis zu eintausend Dollar ihren Preis. Ein nicht vorstellbarer Geldbetrag für die dort ansässigen Bergmenschen, deren Bedarf fürs tägliche Leben mit weniger als einem Euro gedeckt ist.

Für sie symbolisiert das Kurzzeit-Nomadentum der voll beladenen weißhäutigen Wanderer aus dem Norden großen Reichtum. Und der soll geteilt werden. „Veinte Soles para un contribution de tourismo“ – 20 Peruanische Soles für einen Tourismusbeitrag: Ein klein gewachsener Mann in zerschlissenen Hosen, löchrigen Schuhen, mit fleckigem Hemd, vielleicht 60, vielleicht 70 Jahre alt, erbittet eine Tourismusabgabe. Das Warum und Wofür bleiben unbeantwortet. Zu groß sind die sprachlichen Barrieren. Zu klein die Einsichtigkeit. Der Mann ist enttäuscht. Die Weißen frustriert. Unbegründete Geldforderungen sind keine Seltenheit, besonders auf diesem sogenannten Gringo-Pfad in Südperu, der millionenfach von vermeintlich reichen Hellhäutigen passiert wird. Worte, die bei jedem tiefen Atemzug beim Anstieg auf den schneebedeckten Palomani-Pass nachwirken.

Cocapastillen vom Apotheker

Die 900 Meter Höhendifferenz machen sich bemerkbar. Die Luft bleibt immer wieder weg, während die Trekkingschuhe im knietiefen Schnee Halt suchen. Ein schneller Griff in die Jackentasche, die Notration Coca-Lutschpastillen einer bolivianischen Apothekerfamilie muss her. Und etliche Blätter getrocknete Kokablätter, wie sie die Einheimischen wie Zuckerln in ihre Backen schieben, gibt's dazu. Nach zehn Metern wird der Mund schleichend taub, der Geist wieder frischer und der Blick nur noch auf den braunen Pfad im Schnee gerichtet. Dreimal, zweimal, einmal noch tief einatmen, das leichte Unwohlsein unterdrücken.

Geschafft. Ein Holzpflock markiert die 5200 Meter auf dem windigen Bergrücken. Nirgends ist die Luft dünner. Nirgends zeigt sich die Vielfältigkeit der Region besser. Nirgends auf dem Ausangate-Rundweg ist die Erschöpfung größer gewesen, wird später, am Ende der sieben Tage bilanziert werden.

Soweit es hinaufging, so weit zieht sich das Bergmassiv hinunter ins Jutumpata-Tal, das der Winter eingenommen hat. Der Kopf wird mit jedem Kilometer müder, die Beine ebenso. Der Marsch durch Hagelschauer, die wie versteinerte Heidelbeeren ins Gesicht prasseln, und eine Steinwüste, die Stonehenge blass aussehen lässt, ist nur noch mit Gedanken an warmes Essen, heißen Tee und trockene Socken zu ertragen.

Am Ziel heiße Quellen

Der Geist muss den Körper schließlich auch am vorletzten Tag über die 600 Höhenmeter auf den Jampa-Pass, 5100 Meter über dem Meeresspiegel, jagen. Die Gletscher, die Einsamkeit, die Schönheit der Natur werden ausgeblendet. Der Blick fixiert den holprigen Weg zwischen Hunderten Steintürmen und über Tausende Steine. Bloß nicht stolpern. Endlich. Es geht bergab. Vorbei an türkisfarbenen Seen, die zwischen den Ausläufern des Ausangate eingebettet sind und über denen dunkle Gewitterwolken hängen.

Die Vorstellung vom Bad in den heißen Quellen im elf Kilometer entfernten Pacchanta macht die Füße, die mehr als 70 Kilometer marschiert sind, wieder schnell. Ebenso die Vorfreude auf die Rückkehr in die Zivilisation.

Im Dorf mit bunten Häuschen warten Frauen mit ihren traditionellen Llikllas, den bunten Webtüchern, auf die Ankömmlinge aus den Bergen. Bieten Waren zum Kauf und offerieren eine Schlafgelegenheit. Danke. Nein. Die letzte Nacht will noch einmal unter dem Zeltdach und unter dem Kreuz des Südens, unter Millionen Sternen, verbracht werden. Noch bevor in den heißen Quellen nach dem morgendlichen Bad zwischen Fingern und Zehen Schwimmhäute wachsen, wird noch ein letztes Mal Haferbrei mit Nüssen aufgekocht, wird ein letztes Mal abgewaschen und wird ein letztes Mal der Rucksack mit Zelt, Matte, Schlafsack, Pyjama, Bikini, Gaskartusche und Thermoskanne umgeschnallt.

OBEN IM SÜDEN VON PERU

Der Ausangate (auf Quechua „Awsanqati“) steht im Süden von Peru, südöstlich von Cusco. Erst 1953 wurde er offiziell erstbestiegen, Heinrich Harrer war Teil der Seilschaft. Der 6384 Meter hohe Berg wird religiös verehrt.

Tour: Die Umrundung des Ausangate dauert rund fünf Tage. Vier Pässe führen auf über 5000 Meter hinauf, das erfor- dert längere Akklimatisation vorab. Übernachtet wird im Zelt. Ausgangspunkt ist der Ort Tinki.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.12.2018)

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