Australien: Peter surft durchs Paradies

Fraser Island, die größte Sandinsel der Welt vor der Küste von Queensland, erkundet man am besten mit einem deutschstämmigen Natur-Ranger und Fotografen, der seine Gäste per Allrad durch Sand und Schlamm surft.

Symbolbild
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(c) Teresa Zötl

„Darf ich vorstellen, unser Serienkiller!“ Sagt es – und schaut in erschrockene Gesichter. Augen scannen die Umgebung: Eine giftige Schlange? Eine Riesenspinne? Oder der Dingo, dieser wolfsähnliche Wildhund, der angeblich nicht bellt, dafür aber beißt? Alles möglich, hier im Regenwalddschungel auf Fraser Island.
Aber nicht wahrscheinlich, denn Ranger Peter liebt Überraschungen, das merkt seine heutige Tourgruppe gleich fünf Minuten nach dem Start: „Hier ist er“, sagt Meyer und tätschelt einen Baum, „der hat schon drei Morde auf dem Gewissen.“ Peter schildert, wie diese Würgefeige ihre Opfer meuchelt: „Sie nistet sich in der Krone eines großen Baumes ein, treibt dann Luftwurzeln aus, die sich, unten angekommen, in den Boden graben. Dort saugen sie ihrem Wirt das Wasser weg, während sie ihn oben strangulieren, bis er morsch in sich zusammenfällt.“
Kein schöner, aber ein normaler Tod, hier im „Paradies“. So haben Aborigines, die Ureinwohner, diese Insel vor der australischen Ostküste einst genannt – „K'gari“ in ihrer Sprache. Als Garten Eden spricht die Insel tatsächlich für sich: Mit ihren gleichmäßig-beruhigend auf den Strand schwappenden Wellen. Mit paradiesisch-prallen Farben. Mit ihrem Gezirpe und Gekreische im Regenwald, gelegentlich übertönt durch das höhnische Lachen des Kookaburra, zu deutsch „Lachenden Hans“.
Doch der Tropenhaus-Sound ist nur die Ouvertüre fürs Crescendo: Meyer stoppt den Bus, führt seine Gäste durchs Unterholz zu einer Flughunde-Kolonie, die kopfüber in den Bäumen baumelt. 200 XXL-Fledermäuse flattern auf und veranstalten ein ohrenbetäubendes Gezeter.
Fraser trägt den Titel „größte Sandinsel der Welt“: 120 Kilometer lang, 14 breit, gut 100 Einwohner, drei kleine Touristenresorts und keine Straße. Nur Naturpisten, teils auf den fußballfeldbreiten Endlosstränden, teils kreuz und quer durch den Regenwald. Peter Meyer surft den Bus durch knietiefe Sandwege, nur Daumen und Zeigefinger auf dem Steuer. Lässig, aber nicht nachlässig. Denn der 38-Jährige mit Vorfahren aus Essen und herzigem Aussie-Deutsch weiß im Schlaf, wie er die Kurven nehmen muss. Seit 13 Jahren lebt er hier, mit beneidenswertem Job-Sharing: Zwei Tage pro Woche fotografiert der studierte Biochemiker das Paradies für Hochglanz-Kalender und Fraser-Bücher, an den anderen Tagen kutschiert er Touristen.

Zurück in die Eiszeit

Ein gutes Stück Fraser Island sei gar nicht mehr hier, sondern stecke im Suezkanal. Der sei mit 25.000 Satinay-Bäumen gebaut, einer besonders ölhaltigen und damit wasserresistenten Art, die nur auf Fraser wachse und nach radikaler Abholzung bis 1991 jetzt unter Naturschutz stehe, ebenso wie die gesamte Insel nun Unesco-Weltkulturerbe sei. Apropos Wasser: Im Grunde sei die Insel ein Schwamm, vollgesogen mit Süßwasser. Sagt's, macht eine Vollbremsung am Strand und deutet auf ein Rinnsal, das aus den Dünen ins Meer sickert. „Damit könnten wir eine Millionenstadt wie Brisbane mit Wasser versorgen.“ Wie bitte? Nach einer Kunstpause dann die Erklärung: „Aus unzähligen dieser Bäche fließen täglich 18 Millionen Liter ins Meer.“ Im Schlagloch-Slalom geht es weiter, mit 80 Sachen auf der Strandpiste vorwärts – und gleichzeitig 800.000 Jahre zurück: Eiszeit, Meeresspiegel auf Tiefstand, Stürme verfrachten Sand an die Küste, der sich auf den Felsen immer höher auftürmt – Meyers Schöpfungsgeschichte das Fraser-Paradies betreffend. Heute ausnahmsweise im Zeitraffer, denn er muss schnell zurück in die Neuzeit, brettert er doch mit seinem Jeep schnurstracks auf das Jahr 1935 zu. Damals strandet hier die „Maheno“. Ein altersschwacher Luxusdampfer, von einem Sturm vorm sicheren Tod im japanischen Abwrackdock gerettet und nicht nur ins Paradies gespült, sondern auch in die Unsterblichkeit. Denn da vorn am schneeweißen Strand liegt dieses rostrote Schiff-Skelett bis heute im Schaumbad der Wellen – längst Frasers meistgeknipstes Fotomotiv. Wie oft Peter Meyer es schon vor seiner Linse gehabt hat, weiß er nicht, wohl aber, zu welcher Tageszeit: „Nachmittags sind die Farben kräftiger, macht eure Bilder besser nachher!“
Trotzdem muss die Ausflugsgesellschaft jetzt kurz warten, auf den Insel-Piloten. Da, wo eben noch Land Rover, Busse und Jeeps wie auf einer Autobahn über den linealgerade bis zum Horizont reichenden „75-Mile-Beach“ gedüst sind, landet Gerry mit seiner Cessna. Auf dem „Paradise-Airport“ sozusagen. Einfach auf dem Strand. Ohne Tower, ohne Leuchtfeuer, nur mit einem in den Sand gesteckten Warnschild: „Achtung, Flugzeuge“. Auf einem dieser Rundflüge über Fraser Island kann man dem Paradies in die Augen schauen: So jedenfalls nennen die Aborigines die mehr als 40 blaugrün schimmernden Süßwasserseen der Insel. Der schönste: Lake McKenzie, einer Ureinwohnersage zufolge das Auge einer Prinzessin. Erst hier lässt Peter Meyer seine Gäste baden. „Zu gefährlich da unten im Meer“, sagt er, „wegen gefährlich starker Unterströmungen und wegen der Haie.“
„Los, jetzt noch zu meinem Lieblingsplatz“, stachelt Meyer seine Tagestour-Gäste zur letzten Etappe an und stoppt am Fuße des Stonetool Sandblow: „Diese 250 Meter hohe Riesendüne habe ich schon x-mal fotografiert, aber sie verändert sich täglich – ich habe bis heute noch nicht jede Lichtstimmung erwischt“, sagt er er und bietet seiner Gruppe quasi die Einbürgerung ins Paradies an: „Wer von dieser Düne runterspringt und dann Sand in der Unterhose hat, der ist in meiner Welt angekommen.“

Dschungel und Sand

Anreise: siehe Flüge der Woche Seite R 4. Fraser Island liegt 200 Kilometer nördlich von Brisbane. Fähren verbinden das Hafenstädtchen Hervey Bay mit der Insel.

Übernachten: Am besten im Kingfisher Bay Resort. 152 Hotelzimmer bzw. Apartments, zwei Tage Mindestaufenthalt. Ab ca. 100 Euro pro Hotelzimmer und Nacht, ab ca. 178 Euro im Apartment. kingfisherbay.com

„Beauty Spots“-Tour im Bus, acht Stunden mit allen Sehenswürdigkeiten der Insel und Picknick oder Private-Ranger-Tour, bis zu vier Teilnehmer im Jeep inkl. Picknick (470 Euro pro Person). Wer auf eigene Faust die Insel erkunden will, kann Allrad-Jeeps buchen, ab ca. 158 Euro pro Tag. Rundflug mit Gerry, 20 Minuten für ca. 75 Euro.

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