Unterwegs

Whitechapel

Aus einem einst verruchten Londoner Viertel wird eine schicke Gegend.

Die Faszination Londons ist die scheinbar unerschöpfliche Wandlungs- und Erneuerungsfähigkeit der britischen Hauptstadt. Wer heute einen Spaziergang durch den Ostlondoner Stadtteil Whitechapel genießt, wird kaum mehr erkennen können, dass es sich hier einst um ein verruchtes Armenviertel handelte. Für Generationen von Einwanderern war der Bezirk eine erste Bleibe, die so elend war, dass sie alles daran setzten, so schnell wie möglich weiterzuziehen.

Wo einst Jack the Ripper seine Blutspur zog, reiht sich heute ein Luxusneubau an den nächsten. Die in einem Jahr bevorstehende Eröffnung der Zuglinie „Elizabeth Line“, die den reichen Westen mit dem armen Osten verknüpfen wird, hat zu einer weiteren Aufwertung geführt. Wo man vor zehn Jahren nur ein gestandenes „Full English“ zum Frühstück bekam, kann man heute zwischen französischer Patisserie, italienischen Dolci und Dutzenden Arten von Zerealien schwelgen.

Je schöner die Gegend, desto schicker die Menschen. Wer etwas auf sich hält oder für jemanden gehalten werden will, siedelt sich heute im Einzugsgebiet der Postleitzahl E1 an. Für die Stammbewohner wird es immer härter, sich zu behaupten. Gegen die Umwidmung historischer Altbauten entlang der Whitechapel Road regt sich Protest. Aber vergeblich. Denn der Verdrängungswettkampf ist gnadenlos und längst entschieden. Auf Hilfsbereitschaft, Zivilcourage und Solidarität zählt man heute vergebens. Moskau, heißt es in Russland, glaubt den Tränen nicht. Über die britische Hauptstadt muss es heißen, London kennt das Mitgefühl nicht.

aussenpolitik@diepresse.com


Nächste Woche:
Jutta Sommerbauer

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.12.2017)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgelesen
    Meistgekauft
      Kommentar zu Artikel:

      Whitechapel

      Schließen

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.