Sigmund Freuds letzte Heimstätte

Kolumne Vor 80 Jahren musste Sigmund Freud Wien verlassen. In London fand er seine letzte Heimstätte.

SIGMUND FREUD
SIGMUND FREUD
SIGMUND FREUD – APA

Manchmal hilft ein Blick in die Vergangenheit bei den Herausforderungen der Gegenwart. Im Londoner Sigmund-Freud-Museum erinnerte diese Woche eine kleine, feine Ausstellung an die Flucht des Begründers der Psychoanalyse aus dem Wien des Jahres 1938. Ein Symposium beschäftigte sich zudem mit der Erfahrung der Flucht und ihren psychischen Folgen.

Freud war im Juni 1938 nach London gekommen. Lang hatte er sich dem Verlassen Wiens auch wider besseres Wissen verweigert. Seine vier Schwestern wurden in Konzentrationslagern ermordet. Doch selbst nach dem Eintreffen in der britischen Hauptstadt notierte er: „Das Gefühl des Triumphs über die Befreiung ist zu stark vermischt mit Trauer, denn trotz allem liebe ich das Gefängnis immer noch allzu sehr, aus dem ich befreit worden bin.“

Die zum Museum umgewidmete letzte Wohnstätte beherbergt auch seine legendäre Couch. Freud, der zum Zeitpunkt seiner Flucht bereits 82 Jahre alt war, setzte in Nordlondon seine Arbeit als Psychoanalytiker fort. Hier notierte er: „Ist es möglich, in England jemals etwas anderes zu sein als ein Einwanderer?“

Unheilbar an Krebs erkrankt, beendete er noch sein letztes Buch, „Der Mann Moses und die monotheistische Religion“. Seinem Freund Arnold Zweig schrieb er, nun müsse ihn „kein Buch mehr interessieren bis zu meiner Wiedergeburt“. Als die Nazis im Jänner 1933 seine Bücher auf den Scheiterhaufen warfen, schrieb er: „Welchen Fortschritt wir gemacht haben! Im Mittelalter hätte man mich verbrannt.“ Freud starb im September 1939. Sein Werk ist unsterblich.

aussenpolitik@diepresse.com

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Jutta Sommerbauer

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.09.2018)

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