Francis Steiner: Möge Dir die Erde leicht sein!

Vom Glück, in zwei Ländern und zwei Religionen beheimatet zu sein.

Er hätte es natürlich gewusst, ohne in einem Wörterbuch nachschlagen zu müssen: Laburnum steht für die Pflanze Goldregen, auf Deutsch so benannt wegen ihrer strahlend gelben Blütenpracht. Nun aber liegt der 96-jährige Francis Steiner im Laburnum Ward des Krankenhauses von Banbury bei Oxford, und nur mehr für Momente kommt er zu Bewusstsein. Während Großbritannien des 80. Jahrestags des Beginns der Kindertransporte zur Rettung jüdischer Kinder aus dem Dritten Reich gedenkt, geht sein Leben unausweichlich zu Ende.

Aufgewachsen einen Steinwurf vom Stephansdom und unterrichtet im Schottengymnasium konnte der Sohn zum Katholizismus konvertierter Juden mit einem der letzten Züge Wien 1939 nach London verlassen. Die Spur seiner Eltern verliert sich auf dem Todestransport nach Auschwitz. In Großbritannien fand der vielsprachige, belesene und unendlich gebildete Franzi, aus dem nie wirklich ein anglifizierter Francis wurde, eine neue Bleibe. Steiner arbeitete in der Londoner City, trat dem renommierten Reform Club bei und zum Tod seines Bruders veröffentlichte die „Times“ einen Nachruf. Im Rückblick auf sein Leben sagte er: „Ich hatte das unendliche Glück, in zwei Ländern und zwei Religionen beheimatet zu sein.“

Wie kaum ein anderer konnte er nachfolgenden Generationen vermitteln, dass nur der seine Zukunft gestalten kann, der seine Vergangenheit kennt. Nicht (nur) durch sein nie versagendes Wissen und seinen unvergleichlichen Humor, viel mehr noch durch die Güte seines Herzens, das in diesen Tagen seine letzten Schläge macht. Levis sit tibi terra.

E-Mail: aussenpolitik@diepresse.com


Nächste Woche:
Jutta Sommerbauer

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.11.2018)

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