Am Beispiel Marseille

Was der Besucher charmant patiniert findet, macht den Bewohnern den Alltag zur bisweilen tödlichen Mühe.

Gesamtansicht des Alten Hafens in Marseille
Gesamtansicht des Alten Hafens in Marseille
Gesamtansicht des Alten Hafens in Marseille – Reuters (Jean-Paul Pelissier)

Darf ich es gestehen? In die Stadt Marseille habe ich mich auf den ersten Blick verliebt. Fast jede europäische Hafenstadt schlägt mich Binnenlandkind mit dem brackigen Hauch der großen weiten Welt jenseits der Docks und Wellenbrecher in ihren Bann, aber Marseille hat es mir an diesem Wochenende besonders angetan. Dies ist die Hauptstadt der mediterranen Kultur, ohne die unser heutiges Selbstbild als Europäer schwer denkbar wäre, worüber man sich im sehr gelungenen neuen Museum namens Mucem belehren lassen kann.

Doch abseits dieser philosophischen Betrachtungen bezauberte mich der morbide Charme einer alten Stadt, deren Verwaltung nicht sehr viel Aufwand in die Erneuerung der Bausubstanz zu stecken scheint. Die verwitterten Fassaden, die soignierte Patina, aus der Tiefe und Dauer zu strömen scheinen: Das mag ich an Städten, ich bin altmodisch, die Glasturmmegalopolen Amerikas und Asiens erschrecken mich. Zwei Tage nachdem wir den Zug heim nach Brüssel bestiegen hatten, stürzten zwei dieser malerischen alten Wohnhäuser ein. Menschen starben, Kinder wurden zu Waisen.

War mein Entzücken über die bauliche Patiniertheit Marseilles im Lichte dieser Entsetzlichkeit nicht obszön? Mag sein, jedenfalls hat mir die Tragödie von der Rue d'Aubagne vom 5. November in Erinnerung gerufen, wie dünn das Eis ist, auf dem man als Reisender wandelt. Was wir charmant und malerisch finden, macht den Menschen, die diese Städte bewohnen, den Alltag oft zur Qual – und manchmal gar zur Todesfalle.

oliver.grimm@diepresse.com


Nächste Woche:
Timo Völker

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.12.2018)

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