Stephan Vary: Innenansichten einer Marke

Stephan Vary entschlüsselt mit seinem Büro Labvert Codes, bewundert Loos’sche Formen und gestaltet internationale Beautywelten. Porträt: Christine Pichler

(c) Christine Pichler

Den Überblick und die ganzheitliche Sicht, beides kann man sich auf unterschiedlichste Weise holen. Entweder man steigt im trüben November mit Architekt Dominique Perrault in die obersten Etagen des nunmehr höchsten Gebäudes Österreichs, den DC-Tower. Oder man hat sich seit jeher antrainiert, die Dinge aus verschiedensten Winkeln zu betrachten. Für den Designer und Architekten Stephan Vary gilt beides. Zwischen Städtebau und dem Feilen am Detail, zwischen ganz schön groß und klitzeklein bewegen sich seine Gedanken. Die Zugänge zu den jeweiligen Extremen des gestalterischen Spektrums haben sich für ihn beim Studium geöffnet, an der Universität für angewandte Kunst. Schlüsselfiguren war dort Wolf Prix, zuständig für die urbanen Strategien. Und Paolo Piva für die Entwürfe der Dinge, die durch eine Tür passen. Mit der ganzheitlichen Sicht haben es auch seine großen Wiener Vorbilder wie Adolf Loos, Otto Wagner oder Josef Hoffmann nicht anders gehalten.

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Irgendwann haben Vary die Innenräume doch mehr interessiert als Häuser, die es als Wettbewerbsentwürfe kaum aus den Schubladen schaffen. Inzwischen gehört das Vordringen ins Innere zur Routinearbeit – auch bei Weltmarken wie Dior etwa. Denn schließlich galt es auch dort anfangs erst einmal, die Codes der Marke, die DNA
des Unternehmens, freizuschürfen, um sie heute in die Gestaltung von Dior-Concept-Stores und Showrooms in der ganzen Welt zu integrieren.

Wiener Weitsicht. Labvert heißt das Design- und Architekturbüro von Stephan Vary. Das Büro allein ist schon ein Schmuckkästchen, das spätbarocke Haus entstand in Zeiten, als die Landstraßer Hauptstraße in Wien wirklich noch eine Landstraße war. Von dort schauen Vary und sein Team in die Ferne nach Paris, wo das Kreativteam von Dior seine Interieurentwürfe diskutiert und absegnet. Und zuletzt auch nach London, wo gerade ein Dior-Concept-Store in Convent Garden eröffnet wurde. „Gleich nach dem Studium habe ich Packaging-Design für die Kosmetiklinie P2 von Palmers gemacht“, erzählt Vary. Dann folgten L’Oréal und Giorgio Armani als Auftraggeber. Schließlich öffnete sich bei Dior der entscheidende Türspalt. Bei aller internationaler Perspektive: Die Wiener und österreichische Produktionskultur sowie Designexpertise verliert Labvert dabei nie aus den Augen. Für die Schminksessel, die bald in den Concept-Stores weltweit stehen, hat das Büro etwa auf das Herstellungs-Know-how der Wittmann-Möbelwerkstätten zurückgegriffen. „Das unterscheidet Dior auch von anderen Unternehmen“, sagt Vary, „ihnen geht es auch um das qualitätsvolle, lokale Handwerk.“

Gedanklich hält sich Vary auch gern in Wien auf, vor allem in der Zeit, als Wien tatsächlich noch Designstadt war. Besonders Adolf Loos hat er dabei im  Auge. Genauer gesagt, die Leuchten, die er 1930 für das Shop-
design des Herrenausstatters Knize am Graben entworfen hat. Geometrisch gesehen sind die Objekte „Pentagondodekaeder“, also zwölfflächige Körper, aus Messing und geschliffenem Glas. Oder auch: eine Kugel aus zwölf Fünfecken. Sie hat Vary zu einem „gestalterischen Dialog der Generationen inspiriert“, wie er sagt. Beim Projekt „Loos Lamps“ entstehen so zurzeit Prototypen, die die traditionelle Form in neuen Materialien fassen und neuen Lichttechnologien befüllen.
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Einfühlungsvermögen. Nicht nur geometrische Körper muss ein Designer nachempfinden, sondern auch Persönlichkeiten. Vor allem jene, die Marken gern formal ausdrücken. Auch via Mineralwasserflasche: Vary hat für Römerquelle die Gastronomiekollektion entworfen, also jene Markenbotschafter aus Glas, die vom Wirtshaus bis zum Dinnerclub auf den Tisch kommen. Dabei ist die Flasche fast wieder Karaffe. Der große Verschluss ist die markanteste Innovation. „Marken modernsieren“ zählt Vary zu den Hauptaufgaben seines Designbüros. Oder auch – wie es die Aufgabenstellung von Dior ausdrückt: „transformation of the codes“. Wie in einer DNA sind die Werte und Merkmale eines Unternehmens in ihrem Kern verschlüsselt. Labvert wurde eingeladen, mit einer Designstudie zu zeigen, wie man die traditionellen Dior-Codes neu interpretieren könnte. Drei Monate lang tüftelten Vary und sein Team daran. „Da hatten wir Zeit, uns auf die Marke Dior einzuschwingen.“ Dabei füllte sich eine „library“ mit Mustern, Linien, abstrakten Motive und Oberflächen. Ein Gestaltungskatalog entstand, „auf den man bei verschiedenen Designaufgaben zurückgreifen kann“, erklärt Vary. Ein Bausteinsatz, der die Historie Diors hochhält und gleichzeitig für die Technologie- und Digitalgegenwart adaptiert: für den Einsatz in Produktinszenierungen, Displays, Shopdesigns, Fassadenelementen. „Es wird von allen gestalterischen Seiten am Haus Dior gearbeitet“, sagt Vary. Er und sein Team erschaffen derzeit den begehbaren Teil davon.  
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Rauer Chic. Für die Gestaltung des Concept-Store in
London durfte auch der raue Charme von Convent Garden ins Innere hineinblitzen, erzählt Vary, und zwar zwischen der überbordenden Produktwelt, die das Design aufräumen und arrangieren muss: auf „Bühnen“ unterschiedlichster Größe und Aufmachung, auf Präsentationsskulpturen im Schaufenster genauso wie in Displays oder „Lookboards“, die noch zusätzlich Begehrlichkeiten unter den Frauen anfachen, die der Lifestyle-Shoppingbummel im Trendviertel in den Showroom schwemmt. Dann sitzen die Frauen auf den Schminkhockern, die im Kamptal gefertigt wurden, und überlassen sich den Make-up-Artists und der Beautywelt von Dior.

In der Wiener Landstraßer Hauptstraße entstehen zunächst die fotorealistischen Renderings dazu. Der schwierigste Schritt kommt danach: Wenn sich die Entwürfe schließlich materialisieren müssen. Das Dior-Kreativteam spricht hier aufgrund seiner langjährigen Erfahrung mit. Aber auch Vary und seine Mitarbeiter, die ebenso einen kleinen Wiener Lampenhersteller heranziehen, um den Parfumflakon ihren Vorstellungen entsprechend auf einer goldenen Metallspirale zu platzieren. Oder von einem tschechischen Glasfabrikanten Goldblättchen in schwere Glasmonolithen einstreuen lassen, damit das Parfum auch die gebührende Bühne erhält.

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