Grätzelspaziergang: Kurze Pause von der Welt

Inkognito zu Fuß unterwegs: die Stadtspionin auf der Strudlhofstiege.
Inkognito zu Fuß unterwegs: die Stadtspionin auf der Strudlhofstiege. / Bild: Die Presse 

Undercover durchstreift die Stadtspionin die Viertel von Wien. Eines ihrer liebsten Jagdreviere liegt im neunten Bezirk. Oder genauer: in der Rossau.

 (Die Presse)

Es gibt in fast jedem Wiener Grätzel einen besonderen Ort, an dem die Stadt wegtaucht: „Plötzlich verschwindet der Lärm, man fühlt sich unter einer Glocke, irgendwie beschützt“, meint Sabine Maier alias die „Stadtspionin“ oben auf dem Absatz der Strudlhofstiege. Bekannt ist die Treppe im neunten Bezirk als Schauplatz in Heimito von Doderers Roman. Doch der Genius Loci rührt von weit früher: „Der Bereich um Strudlhofstiege und Strudlhofgasse hieß früher Gaisberg. Hier haben aber keine Ziegen geweidet, sondern gais bedeutet im Keltischen so viel wie geheiligter Platz, Kraftplatz. Wenn man hinaufsteigt und eine Minute bleibt, spürt man, dass hier oben Pause von der Welt ist“, erklärt die Betreiberin des bekannten Wiener Onlineguides www.diestadtspionin.at.

Etliche Stiegen überwinden am Alsergrund den Niveauunterschied zwischen dem früheren Linienwall und dem Donau(kanal)abbruch. Die Stadtspionin kennt alle Verklammerungen des Mikrokosmos im Bezirk. Jahrelang betrieb sie ihr Büro unweit der Servitengasse, bevor sie in den vierten Bezirk emigrierte. Das Warten, Nachschauen, Hineinhorchen hat sie auf ihren geheimen Streifzügen – als Scout arbeitet Maier inkognito – kultiviert. „Um ein Gefühl für ein Viertel zu bekommen, muss ich zu Fuß gehen. Dieses Gehen und Stadtaneignen hab ich zum Job gemacht“, erklärt sie ihre Recherche von wöchentlichen Gastro- und Einkaufsempfehlungen für Website, Newsletter und Wien-Bücher. Ihre Beobachtung, dass – im Gegensatz zur jüngeren Vergangenheit – derzeit in Wien vor allem Lokale und nur wenige interessante Shops eröffnen, trifft auf die Gebiete der Rossau nicht so stark zu. Dies ist ein bürgerliches, traditionelles Wohnrevier, in dem die Kaufkraft höher ist als in anderen innerstädtischen Bezirken – und damit können hier eine Schokolademanufaktur, ein Gewürzspezialist oder eine Ökomodeboutique leichter Fuß fassen als vielleicht in anderen Grätzeln.

 

Vintage, Bridge, Lycee

Die Erdgeschoßzonen gestalten sich in der Serviten- und der Porzellangasse sowie in der Liechtensteinstraße daher optisch erfreulicher, zumindest in größeren Abschnitten. Und der Gestus der Erneuerung ist nicht zwingend radikal modern. Der Geist eines früheren Gemischtwarenladens existiert noch: „Da hat man vom Biogemüse bis zum Ameisenvertilgungsmittel alles bekommen. Und Neuigkeiten erfahren, weil die alte Besitzerin jeden im Viertel kannte.“

Manches wird traditionell weitergeführt wie etwa der Vintageladen Catrinette in den Räumlichkeiten eines früheren Trödlers. Dass man sich am Nachmittag zum Brigde in einer Auslage in der Porzellangasse trifft, passt ebenso ins Bild wie der legere Chic rund ums Lycee: „Diese Ecke ist sehr französisch beeinflusst. Hier gibt's einen schönen Schuhladen mit Pariser Modellen, eine Papeterie, eine französische Tanzschule, ein französisches Kindermodegeschäft oder einen neuen Buchladen mit einem Schwerpunkt auf romanischer Literatur“, zählt die Stadtspionin auf.

Nur der schlichte Kasten des Studios Moliere wirkt trist in diesem Winkel, den man an manchen Stellen durchaus in Paris verorten könnte. Ansehnliche Gründerzeitbauten mit historistischem Dekor und großzügigen Wohnungsgrundrissen säumen die Straßen. Viele Rohdachböden wurden hier schon frühzeitig ausgebaut, als wollte man sich den besten Platz im Theater sichern. Der schönste Blick ist ein etwas versteckter: Er fällt in das Liechtenstein'sche Ensemble, ein Idyll aus Palais, Garten und schönem Baumbestand. So einladend, dass das Stadtspionageteam hinter der Palaismauer oft Mittagspause gemacht hat.

DAS UMFELD

Preise in 1090 Wien: Monatsmiete/m2netto: 11,65 Euro (Wohnungen), 9,5 bis 14 Euro (Büro), 10 bis 30 Euro (Geschäftslokale in A-Lage). Quelle: EHL

Quadratmeterpreis Eigentumswohnung mit sehr gutem Wohnwert: 4508 Euro (Quelle: Immo-Preisspiegel 2013)

Vorgeschichte: Der Bezirk Alsergrund wurde 1850 aus sieben Vorstädten gebildet, darunter Rossau, die Gegend zwischen Rossauerkaserne und Gartenpalais Liechtenstein.

Linktipp: www.diestadtspionin.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.02.2014)

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