Unterführungen: Überdrüber statt unten durch

Früher brachten sie Fußgänger sicher unter der Straße durch. Heute werden Wiens Passagen schon anders genutzt oder bald neu gestaltet.

Seit der Schleifung der Stadtmauer in der Mitte des 19.Jahrhunderts reihen sich entlang der etwa vier Kilometer langen Ringstraße bedeutende öffentliche Gebäude und Parkanlagen aneinander. Doppelalleen flankieren die 57 Meter breite Straße und bieten Fußgängern eine Flaniermeile rund um die Innenstadt. Ab den 50er-Jahren nahm der Individualverkehr zu – und die Fußgänger wurden kurzerhand unter die Erde geschickt, um die Autos nicht zu behindern. So entstanden zwischen Schottentor und Oper von 1955 bis 1964 unter Bürgermeister Franz Jonas fünf Unterführungen: die Opernpassage – oder „Jonasgrotte“ – als erste Wiener Unterführung überhaupt, gefolgt von der Schottenpassage – besser bekannt als „Jonasreindl“ – der Babenberger-, der Bellaria- und zuletzt der Albertinapassage. Beim U-Bahn-Bau 1978 wurde schließlich die Opernpassage zum Karlsplatz verlängert.

 

Partypeople statt Passanten

Was in den 60er-Jahren noch als ideale Lösung für Verkehrsprobleme propagiert wurde, mutet heute eher befremdlich an – und wird umfunktioniert. „Fußgängerpassagen sind als reine Fahrbahnunterquerungen bei den Benutzern nicht beliebt und werden wegen mangelnder sozialer Kontrolle oft als Angsträume empfunden“, sagt Richard Kronberger von der Magistratsabteilung für Architektur und Stadtgestaltung (MA 19).

Die Babenbergerpassage etwa ist bereits 2003 aufgelassen und zu einem Club umfunktioniert worden. Die sachlichen Stiegenüberdachungen hat man als Charakteristikum erhalten, die dreiecksförmige Deckenbeleuchtung discotauglich gemacht. Nun soll auch die Albertinapassage umfunktioniert werden, die unterirdischen Geschäfte machen zu. „Die Passage wird in ihrer Funktion nicht mehr benötigt, in den vergangenen zwei Jahren wurden entsprechende Schutzwege geschaffen“, erklärt Kronberger. Ein Souvenirkiosk hat Ersatzquartier im Tageslicht bezogen, an der Stelle des überdachten Stiegenaufgangs. Zwei der ursprünglich vier leichten Einhausungen, die aus städtebaulichen Gründen damals mit freiem Durchblick ausgeführt wurden, sind schon verschwunden. Was genau sich ansiedeln wird, ist noch offen, bei der MA 28 (Straßenverwaltung und Straßenbau) kann man sich „eine ähnliche Entwicklung wie im Fall der Babenbergerpassage“ vorstellen.

Obwohl auch in der Albertinapassage die Originalausstattung praktisch unverändert ist, wurde sie vom bisherigen Denkmalschutz (gem. §2 DMSG bis 31.12. 09) freigestellt. Zwei andere allerdings sind als Denkmäler erfasst: die Opern- und die Schottenpassage. Schon bei der Erbauung hat man sich genau überlegt, wie man den Fußgängern die Unterführungen schmackhaft machen könne. Die Lichtgestaltung sowie der Einbau von Geschäftslokalen sollten helfen, auf die Gestaltung der Läden und Vitrinen wurde großer Wert gelegt. „Gerade diese Details, die Sockel, gebogenen Glaswände und Portale der Ladenzonen, sind charakteristisch und besonders erhaltenswert“, so Friedrich Dahm vom Bundesdenkmalamt. „In der Opern- und in der Schottenpassage sind sie trotz der häufigen Veränderungen bis heute vollständig erhalten.“

 

Freundliche Flanierpassage

An der Zukunft einer weiteren Passage wird ebenfalls bereits gearbeitet. Den U-Bahn-Knoten Opernpassage etwa frequentieren täglich 200.000 Passanten, die Geschäftslokale sind vollständig vermietet, die verwaltenden Magistratsabteilungen 28 und 34 sind zufrieden. In dieser Lage erzielt man oberirdisch Mietpreise von rund 200 Euro pro Quadratmeter. Dennoch kann die in die Jahre gekommene Unterführung zwischen Oper und Karlsplatz ein Facelifting vertragen: „Zur Schaffung einer hellen und freundlichen Flanierpassage“ haben MA19 und Wiener Linien einen europaweiten Architektenwettbewerb ausgeschrieben; die Ergebnisse sollen noch diesen Herbst präsentiert werden.

AUF EINEN BLICK

■Umnutzen: Die fünf großen Wiener Fußgängerunterführungen Karlsplatz- bzw. Opernpassage (Jonasgrotte), Schottenpassage (Jonasreindl), Babenberger-, Bellaria- und Albertinapassage verlieren ihre Funktion immer mehr.

■Abtanzen: Statt Passanten unterirdisch über die Ringstraße zu bringen, werden die Unterführungen zum Teil anderen Nutzungen zugeführt.
So dient die Babenbergerpassage bereits seit 2003 als Club-Location, bei der Albertinapassage wird derzeit ebenfalls über eine ähnliche Entwicklung nachgedacht.

■Umgestalten: Wie die Karlsplatzpassage künftig aussehen wird, soll noch im Herbst dieses Jahres feststehen. Dann werden die Ergebnisse eines europaweit ausgeschriebenen Architektenwettbewerbs präsentiert. Geplant ist die Neugestaltung der Passage, aber auch der Stationsabgänge zu den U-Bahn-Linien und des Beleuchtungskonzepts.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2008)

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