Finnland: Generationen­wohnen

Die Finnen sind die Pragmatiker des nordischen Designs: Sie mögen Möbel, die mitwachsen.

Klassiker. Ein Dreibein geht um die Welt: der Artek-Hocker 60 aus den 1930er-Jahren.
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Klassiker. Ein Dreibein geht um die Welt: der Artek-Hocker 60 aus den 1930er-Jahren.
Klassiker. Ein Dreibein geht um die Welt: der Artek-Hocker 60 aus den 1930er-Jahren. – (c) www.artek.fi

Marianne Goebl ist Wienerin. Sie lebt allerdings in Berlin und Basel, und seit 2014 ist sie Managing Director in Helsinki – bei Artek, jener Möbelfirma, die 1935 von Alvar und Aino Aalto, Maire Gullichsen und Nils-Gustav Hahl gegründet wurde. „Artek ist international mini“, sagt Goebl, „aber in Finnland kennt jeder Artek.“

Goebl nennt die Rolle ihrer Firma „sinnstiftend“ für die Finnen, und wenn man auf die kurze Geschichte des Landes im Norden Europas blickt, erscheint das tatsächlich logisch. Denn nach den Entwürfen des Architektenpaares Aalto baute man Rathäuser, Gemeindezentren, Schulen – manifestierte Identität für die junge Republik, die 1917 ihre Unabhängigkeit erklärte (und somit 2017 ihren hundertjährigen Geburtstag feiert; vor 1917 war Finnland über Jahrhunderte entweder Teil Schwedens oder des russischen Reiches). Mit den Produkten, die die Aaltos schließlich bei Artek verkauften, wurden die Ideen der Moderne schließlich auch niederschwellig zugängig.

Futuristisch. Eero Aarnios „Pallotuoli“ (zu Deutsch: Kugelsessel) aus dem Jahr 1963.
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Futuristisch. Eero Aarnios „Pallotuoli“ (zu Deutsch: Kugelsessel) aus dem Jahr 1963.
Futuristisch. Eero Aarnios „Pallotuoli“ (zu Deutsch: Kugelsessel) aus dem Jahr 1963. – (c) Eero Aarnion

Die ganze Möbelindustrie erstarkte während des Aufbaus des Landes, wurde zu einer Säule nationaler Identität. Firmen wie die Keramikfabrik Arabia (gegründet 1874), die Glas- und Geschirrfabrik Ittala (gegründet 1881) oder eben Artek prägten schon in den frühen Jahren der Republik den plötzlich finnischen Stil. Seit daher sind ihre Produkte Bestandteil eines Großteils finnischer Wohnungen; von der „Savoy“-Vase der Aaltos für Ittala sagt man gar, jeder Finne besäße ein Exemplar davon. Kein Wunder, dass diese Designunternehmen wie Nationalheiligtümer behandelt werden.

Die Geschichte des Unternehmens Artek flößte Goebl daher „unglaublichen Respekt“ ein: „Am Anfang habe ich mir schon gedacht: Kann man es sich als Nichtfinne ­überhaupt anmaßen, zu verstehen, was das ist?“ Ja, was ist es denn, das finnisches Design und Lebensgefühl ausmacht? Immerhin: Das Land steht im Schatten der großen skandinavischen Designnationen Schweden und Dänemark. „Es ist typisch, dass man Stockholm und Kopenhagen kennt“, sagt Goebl, „Schweden und Dänemark sind die extrovertierten nordischen Länder. Helsinki ist sehr eigen, es ist nicht bloß eine weitere gentrifizierte Stadt. Man spürt sowohl den Norden als auch den Osten: Die Architektur ist trutzburgig; die Stadt ist einfach nicht feudal, die Alltagsästhetik ist sehr nüchtern und utilitär, aber sehr bewusst.“ Und die weitgereiste Unternehmenschefin ergänzt: „Außer Japan kenne ich neben Finnland kein Land, in dem so viel Wert auf Alltagsästhetik gelegt wird.“ Was, so meint Goebl, durchaus auch daran liege, dass man das halbe Jahr drinnen verbringe: „Das reicht schon mal. Es ist finster, aber man möchte es aufhellen.“ Die Liebe der Finnen zur Natur – Birken, Seen, Wälder, Weite, you name it – würde die Leute auch anregen, zu natürlichen Materialen zu greifen: „Man will die Natur in die Wohnungen hineinholen.“

Teestunde. Marimekkos Designs sind klar und farbenfroh zugleich.
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Teestunde. Marimekkos Designs sind klar und farbenfroh zugleich.
Teestunde. Marimekkos Designs sind klar und farbenfroh zugleich. – (c) Beigestellt

Keine Frage von Prestige. „Finnland ist an einer geografisch sehr besonderen Stelle zwischen Ost und West, und man kann die Einflüsse des skandinavischen Minimalismus und des slawischen Ornamentalismus in unserem gestalterischen Erbe erkennen“, sagt Minna Kemell-Kutvonen: „Finnischer Funktionalismus schließt eine gewisse Verspieltheit, einen Wagemut nicht aus, ganz im Gegenteil.“ Kemell-Kutvonen arbeitet für das finnische Traditionsdesignhaus Marimekko, das unter anderem berühmt wurde, als Jacqueline Kennedy Marimekko-Kleider in den markentypischen kräftigen Farben im US-amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 1960 trug – und damit Optimismus und Aufbruch signalisierte.

Kemell-Kutvonen betreut allerdings nicht das Bekleidungssegment des Unternehmens, sondern ist zuständig für die Design- und Produktentwicklung der Haushaltswaren der Marke, die international für den klaren finnischen Stil steht.

„Gutes Design darf kein Prestigeobjekt sein, das nur schön anzuschauen ist, es soll etwas sein, was man im täglichen Leben nutzen kann, was einem im Alltag Freude bereitet“, sagt Kemell-Kutvonen, und auch Goebl kommt zu dieser Ansicht: „Es geht um die Schönheit im Alltag und nicht im besonderen Moment. Es geht nicht um das Repräsentationszimmer, das man einmal im Monat am Wochenende aufsperrt, wenn jemand zu Besuch kommt.“ Dinge, die immer da sind also  – und dementsprechend auch Charakter bekommen. Und altern. „In Finnland ist das Qualitätsbewusstsein ein anderes. Man sucht sich etwas aus, weil man das sein Leben lang behalten möchte, und man weiß, dass man dafür auch etwas zahlt – und das ist in Ordnung“, sagt Goebl.

Wohnzimmer. Alvar Aalto lebte und arbeitete in seinem Haus in Helsinki-Munkkiniemi.
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Wohnzimmer. Alvar Aalto lebte und arbeitete in seinem Haus in Helsinki-Munkkiniemi.
Wohnzimmer. Alvar Aalto lebte und arbeitete in seinem Haus in Helsinki-Munkkiniemi. – (c) Alvar Aalto Museum/Maija Holma

Teil der DNA. „Das Empfinden für gutes Design ist so sehr Teil unserer DNA“, meint Jukka Savolainen. Er ist Direktor des Designmuseums in Helsinki, das aktuell zum 100. Geburtstag Finnlands eine umfassende Schau über die Rolle des Designs in der Republik zeigt. „Wir lernen schon sehr früh: Gutes Design ist normal“, meint er. Das werde nicht in der Schule vermittelt, sondern „ganz einfach dadurch, wie wir leben, weil uns gutes Design umgibt“. Wie niederschwellig, demokratisch gar dieser Zugang tatsächlich ist, zeigt sich an jenem Objekt, das Savolainen als „das“ finnische Designstück ansieht: die Schere mit den orangefarbenen Griffen von Fiskars. (Den Werkzeugmacher gibt es seit dem Jahr 1649.)

Und zu dieser Betrachtung passt auch die Geschichte, die Marianne Goebl über einen Aalto-Holzesstisch zu erzählen weiß: „Unlängst hat mir jemand gesagt, dass seine Eltern den Tisch nach 25 Jahren nicht mehr als Esstisch gebraucht hätten – da haben sie einfach die Beine abgeschnitten. Jetzt ist das ein Sofatisch. Und ich finde das eigentlich großartig. Es ist ein sehr selbstverständlicher Umgang mit Design, nicht Design als Statussymbol, das man verehrt, sondern Design als Element der Welt, die einen umgibt.“ Im Projekt „2nd Cycle“, bei dem alte Artek-Möbel zurückgekauft und restauriert werden, beobachtet Goebl immer wieder Ähnliches. „Da kommen Sachen herein, die sind wild bemalt, und man kann wirklich Sedimente abtragen. Man sieht: Jedes Kind hat das einmal übermalt. Die Sachen haben dadurch einen Wahnsinnscharakter. Es ist eine Qualität des Imperfekten.“

Wohnen ist also ein generationenübergreifendes Anliegen der Finnen, und zwar ein ganz ruhiges, natürliches. So meint Kemell-Kutvonen: „Design, das funktionell, aber doch erfinderisch ist, überdauert die Zeit.“

Tipp

100 Jahre Finnland feiert das Designmuseum in Helsinki mit der Ausstellung „Utopia Now   – The Story of Finnish Design“: eine Übersichtsausstellung, die bislang umfang­reichste. Weitere Informationen dazu auf www.designmuseum.fi

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