Martin Grubinger: "Die Mama ist daheim Finanzministerin"

Der Österreicher Martin Grubinger ist der beste Perkussionist der Welt. Der "Presse" verrät er, ob Ringo Starr ein guter Schlagzeuger war, dass er selbst oft gierig ist und warum er sich trotzdem kein Haus im Salzkammergut leisten kann.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wien. Martin Grubinger ist ein musikalischer Ausnahmekönner. Der junge Österreicher gilt als der schnellste und beste Schlagzeuger der Welt. Mit seinen künstlerischen und sportlichen Höchstleistungen an Schlagzeug, Pauken, Trommeln oder Vibrafon füllt er Konzertsäle von London bis Tokio. 270 Tage im Jahr ist der 30-Jährige auf Tour, für seinen Sohn bleiben drei Monate im Jahr. Die „Presse“ traf den Weltklasse-Perkussionisten und Marathonläufer nach seinem Konzert im Wiener Konzerthaus. Gespielt wurde ein Stück von Bruno Hartl, eigens für Grubinger komponiert. Kaum ein anderer Schlagzeuger weltweit könnte es spielen wie er.

Die Presse: Gratuliere, verglichen mit den Marathon-Konzerten, die man von Ihnen kennt, war das für Sie wohl ein Spaziergang. Dennoch: Um wie viel Liter Schweiß sind Sie jetzt leichter?

Martin Grubinger: Es stimmt, es war ein kürzeres Konzert. Aber dafür ist das Bruno-Hartl-Konzert extrem kompakt. Normalerweise hat man als Schlagwerker die Möglichkeit, einmal 30 Sekunden durchzuatmen. Das geht hier nicht. Da hast du keine Sekunde Ruhe. Ich schätze, dass ich eineinhalb bis zwei Liter verloren habe.

Und um wie viel Euro ist Ihr Bankkonto schwerer nach so einem Abend im Konzerthaus?

Grubinger: Das überschätzt man. Wenn man alle Stunden einrechnet, die man braucht, um so ein Stück einzustudieren, kommt man auf einen Stundenlohn, der weit unter dem deutschen Mindestlohn von 8,70 Euro liegt. Aber ich kann nicht klagen. Das Abenteuer, es als Schlagzeugsolist zu versuchen, hat sich zum Glück gelohnt.

War es zu Beginn schwer, Karten für Schlagzeug-Solo-Konzerte zu verkaufen?

Grubinger: Am Anfang waren die Säle leer. Mein erstes Konzert im Musikverein war vor 25 Leuten, die meisten waren Verwandte. Das war schon ein Risiko. Wenn man jetzt hört, was ich an einem Abend an Gage bekomme, klingt das natürlich gut. Aber man darf nicht vergessen, was ich bezahlen muss: einen eigenen LKW, Proberäume, zwei Vollzeitkräfte und wahnsinnig viel Instrumentarium. Wenn ich all mein Schlagzeug verkaufen würde, könnte ich ein paar Jahre auf Urlaub gehen. Aber das muss man zuerst auch einmal anschaffen.

Was ist denn das teuerste Instrument, das Sie je gespielt haben?

Grubinger: Das sind meine Pauken, die Sie heute gesehen haben. Vier Pauken kosten 150.000 bis 200.000 Euro. Im Vergleich zu einer Stradivari ist das natürlich günstig, aber es kommt schon etwas zusammen.

Sie besitzen in Summe über 600 Instrumente. Wie viele Quadratmeter widmen Sie der Musik zuhause?

Grubinger: Ich habe gerade ein Haus bei Neukirchen in Oberösterreich gekauft. Da, wo ich herkomme, im Salzkammergut, konnte ich mir kein großes Haus leisten. Da wäre ich pleite gewesen bevor ich den ersten Ziegelstein gesetzt hätte. Jetzt habe ich einen 52 Quadratmeter großen Proberaum, in den man mit dem LKW ebenerdig hineinfahren kann. Das klingt für die meisten vielleicht nicht so spannend, aber für einen Schlagzeuger sind das paradiesische Zustände. Beim Hausbau habe ich zum ersten Mal ein Gefühl für Geld bekommen. Ich habe zum ersten Mal gelernt, was es heißt ein Budget einhalten zu müssen. Geldfragen hat immer meine Mutter behandelt. Die Mama ist daheim die Finanzministerin.

Wenn man wirklich reiche Schlagzeuger finden will, sollte man nicht in klassischen Konzertsälen nach ihnen suchen. Wer, denken Sie, hat am Schlagzeug am meisten verdient?

Grubinger: Ringo Starr.

Richtig. Der Beatles-Schlagzeuger soll in Summe 300 Millionen Dollar verdient haben. Reizt Sie Rockmusik oder ist das künstlerisch zu wenig anspruchsvoll?

Grubinger: Das ist die ewige Diskussion bei uns: Ist Ringo Starr ein guter Schlagzeuger oder nicht? Ich bin skeptisch. Aber Leo Schmidinger, bei dem ich studiert habe, ist ein totaler Ringo-Starr-Fan. Er sagt, die Beatles-Songs klingen deswegen so geil, weil Ringo Starr den perfekten Stil dafür entwickelt hat. Natürlich habe ich als Junger davon geträumt, mit U2 vor Hunderttausenden zu spielen. Aber dann bin ich mit Sinfonien von Bruckner und Mahler in Berührung gekommen. Und habe gesehen, dass ich mich da ausprobieren will.

 

Was Sie auf der Bühne machen, ist Hochleistungssport. Wie hoch sind Ihre Hände versichert?

Grubinger: Die sind versichert, aber wie hoch ...? Das weiß die Mama.

Für Fußballer ist meist mit vierzig Schluss. Wie lange können Sie auf diesem Niveau spielen?

Grubinger: Ich denke schon, dass Schlagzeuger mit Spitzensportlern gut vergleichbar sind. Wenn auch vielleicht nicht mit Fußballern. Da werden ja nur noch 20- bis 23-Jährige engagiert. Ich habe schon Angst davor, dass ich irgendwann auf der Bühne stehe und nicht mehr das Maximum abrufen kann.

Was kommt dann?

Grubinger: Mein Traum ist es, dann Geschichte zu studieren.

 

Und wann ist es so weit?

Grubinger: Mein Vater sagt immer, Schlagzeugspielen geht noch länger und noch länger.

Er beweist das ja auch. (Grubingers Vater, Martin Grubinger senior, gibt immer noch Konzerte – und will jetzt mitreden, Anm.)

Grubinger senior: Musik ist ein Lebenselixier. Man kann nicht irgendwann sagen: Das lasse ich.
Grubinger junior: Da sind wir unterschiedlich. Mein Vater ist im besten Sinne ein Freak. Er spielt morgens Schlagzeug, dann unterrichtet er, abends spielt und arrangiert er wieder. Er kann sich leicht 16 Stunden am Tag mit dem Schlagzeug beschäftigen. Ich kann wunderbar ein paar Tage ohne Schlagzeug oder Musik auskommen.

Nach Ihrem Marathon-Konzert, als Sie 2006 acht Konzerte hintereinander auswendig gespielt haben, hat Ihnen die Familie abgeraten, das zu wiederholen. Sie haben es dennoch gemacht und erklärt: „Ich bin geworden wie ein Börsianer.“ Was haben Sie damit gemeint?

Grubinger: Eigentlich sollte das eine einmalige Angelegenheit bleiben, weil ich nachher streichfähig war. Aber es wurde zur Sucht, ich habe den Kick immer wieder gesucht. Eben wie ein Börsianer, der den Kick sucht, immer wieder mit Millionen zu jonglieren.

 

Sind Sie ein gieriger Mensch?

Grubinger: Ja, gierig bin ich definitiv. Aber nicht, wenn es um Geld geht. Ich zahle etwa gerne Steuern und glaube fest daran, dass man damit Kunst, Kultur und Soziales finanzieren muss. Aber ich habe das Gefühl, das Vertrauen der Bürger schwindet, dass mit ihren Steuern mit Obacht umgegangen wird. Stichwort Hypo oder Eurofighter. Das macht mich verrückt, ich fühle mich ohnmächtig. Und ich fürchte, immer mehr Leute sind nicht länger bereit, diesen Vertrag mit dem Staat einzugehen. Wirklich gierig bin ich aber, wenn es um die Erweiterungsmöglichkeiten des Instruments geht. Ich will das Maximum ausreizen, damit ich mir nie den Vorwurf machen muss, dass ich es nicht probiert habe.

Ihr Vater hat Sie unterrichtet, seit Sie vier Jahre alt waren. Sie haben selbst einen Sohn in dem Alter. Würden Sie das auch tun?

Grubinger: Auf jeden Fall. Das Gute war, mein Vater hat gesagt: Wenn, dann machen wir es ordentlich. Ich glaube niemandem, der sagt, dass alles immer lustig und einfach war. Bei Spitzensportlern und Musikern geht es nur mit Disziplin von Anfang an. Mein Sohn hat sein eigenes Schlagzeug, er spielt jeden Tag, und das freut mich. Wenn er wirklich Schlagzeuger werden will, wird auch Konsequenz nötig sein. Insgeheim hoffe ich aber, dass er Fußballer wird.

[ Fabry]

ZUR PERSON

Martin Grubinger (30) wuchs im Salzkammergut auf. Im Alter von vier Jahren wurde er von seinem Vater zum Schlagzeuger trainiert. Er studierte am Bruckner-Konservatorium in Linz und am Mozarteum in Salzburg. Heute gilt er als bester Perkussionist der Welt. Der Durchbruch gelang 2006, als Grubinger in vier Stunden acht Konzerte auswendig gespielt hat. Seitdem füllt der Vater eines Sohnes alle Konzertsäle– alleine oder mit seiner Band Percussive Planet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.04.2014)

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