Renée Schroeder: "Louis-Vuitton-Taschen sind das Letzte"

Die Biochemikerin Renée Schroeder spricht mit der "Presse" über Taschen, Arbeitsstunden und die Bezahlung von Wissenschaftlern.

Renée Schroeder
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Renée Schroeder – Die Presse

Die Presse: Sie haben uns im Vorfeld mitgeteilt, dass Sie das Thema Geld nicht so besonders bewegt. Das sagen Wissenschaftler und Künstler oft. Interessiert Sie das Thema wirklich nicht?

Renée Schroeder: Ich habe natürlich über die Erfindung des Geldes nachgedacht und über den Einfluss auf die Entwicklung des Menschen. Um komplexe Gesellschaften aufzubauen, benötigt man viele Tools. Die Erfindung von Gott war sehr wichtig für die Gesellschaft, und Geld ist wahrscheinlich genauso wichtig. Zunächst gab es Tauschhandel, aber man kann ja nicht immer alles tauschen. Ähnliche Dinge haben ja ganz unterschiedlichen Wert. Das ist etwas, was mich immer wieder total erstaunt: der Wert, den wir manchen Dingen geben. Das Übersetzungsmedium dafür ist das Geld.

Finden Sie, dass falsche Wertigkeiten gesetzt werden?

Was für mich das absolut Letzte ist, sind diese Louis-Vuitton-Taschen. Die sind so hässlich und kosten 2000 Euro, wenn sie klein sind. Wer zahlt 2000 Euro für so eine Tasche? Ein anderes Beispiel: Meine Vorfahren waren Bauern in Luxemburg. Der Bauernhof wurde nun um 300 Euro pro Quadratmeter verkauft. Dafür haben wir etwas in den Bergen in Salzburg um drei Euro pro Quadratmeter gekauft, das hundertmal schöner ist. Ein Quadratmeter am Rande einer Industriegegend in Luxemburg verglichen mit einem Quadratmeter auf der Postalm– das ist ein Faktor von 100. Aber wenn die Leute etwas wollen, von dem es wenig gibt, wird es halt viel wert.

Ist das nicht zu Recht so?

Wenn alle das Gleiche wollen, bekommt etwas einen tollen Wert. Evolutionär betrachtet ist das aber dumm, weil wir unterschiedliche Dinge brauchen. Es ist besser, wenn wir unsere Wertigkeit vielen Dingen widmen. Je mehr Diversität, desto reicher ist die Gesellschaft.

Gibt es ein alternatives System?

Darüber habe ich auch nachgedacht. Geld ist ein Medium, um den Wert verschiedener Dinge, der vollkommen subjektiv ist, darzustellen. Wenn etwas wertvoll ist, es aber keiner haben will, dann hat es keinen Wert. Manche bekommen ein oder zwei Euro Stundenlohn, andere 1000 Euro. Was ist da die Wertigkeit? Jemand mit zwei Euro macht oft etwas Wichtigeres als jemand, der 1000 Euro bekommt, nur weil er angesehen ist. Ich bekomme manchmal 2000 Euro für einen Abend, da denke ich mir: Bist du narrisch! Aber da sieht man, wo die Wertigkeiten sind. Aufgabe der Politik ist, da gegenzusteuern.

Macht unsere Politik das Ihrer Meinung nach richtig?

Es gibt kein richtig oder falsch. Das Ziel muss sein, eine Gesellschaft zu haben, die einigermaßen funktioniert. Dazu bedarf es Regeln, die von den meisten akzeptiert werden. Wenn die Politiker solche nicht aufstellen, werden sie wieder abgewählt. Ich glaube aber nicht, dass man zu viel Geld haben soll. Ich glaube, dass man gerade so viel haben soll, dass man nicht gesättigt ist. Dass man gesund lebt, sich ernähren kann. Aber wenn es zu viel wird, wird es eine Belastung. Viele wollen mehr haben, nicht, weil sie ihre Lebensqualität steigern wollen, sondern aus Geiz oder Neid anderen gegenüber.

Haben Sie genug Geld?

Ich habe teilweise zu viel Geld. Ich bin jetzt 62 Jahre alt, bin am Höhepunkt meiner Karriere, habe sicher noch nie so viel verdient wie jetzt und bekomme bereits eine Seniorenkarte zum halben Preis. Warum sollen 60-Jährige alles zum halben Preis bekommen? Die Kinder sind außer Haus. Ich wäre die Kuh, die zu melken wäre bei der Steuerreform. Aber ich habe mir ausgerechnet, dass ich noch weniger Steuern zahlen werde. Ich hätte auch nie Familienbeihilfe gebraucht. Das wäre besser investiert gewesen in eine Familie, die das mehr gebraucht hätte. So kauft man Dinge, die man eh nicht unbedingt braucht. Oder macht irgendwelche Projekte. Ich investiere jetzt in die Sanierung dieses Bergbauernhofes.

Sollte Ihnen die Politik mehr wegnehmen?

Wäre ich Finanzminister, würde ich Leuten wie mir nicht einfach mehr Geld wegnehmen, sondern ihnen sagen, dass sie einen bestimmten Betrag in ein sozial nachhaltiges Projekt investieren müssen. Das können sie von der Steuer absetzen. Das können ein Kindergarten, eine Schule oder Ähnliches sein. Warum traut man den Leuten keine Entscheidung zu? Die Politiker wollen das nicht, weil sie nicht so viel Macht aus der Hand geben wollen, aber ich glaube, es wäre ein interessantes Unterfangen.

Für welches Projekt würden Sie sich entscheiden?

Bildung, Projekte für Kinder, die wenig Zugang zu Bildung haben. Eine Freundin von mir ist schon in Pension, ist aber Lesetante in Kindergärten. Man kann auch Zeit zur Verfügung stellen. Oder man kann Leuten, die arbeitslos sind, finanzieren, dass sie in Kindergärten gehen und vorlesen. Vielleicht bin ich naiv, aber so könnte man Dinge ausprobieren, die vorher nicht ausprobiert wurden.

Sie sagen, man braucht nicht so viel Geld. Was passiert, wenn Sie 90 Jahre alt und pflegebedürftig sind?

So viel braucht man dann auch nicht. Natürlich kann Pflegebedürftigkeit viel kosten, aber keine Million. Es kostet vielleicht 40.000 Euro im Jahr, und zehn Jahre lang wird man das nicht brauchen. Meine Mutter ist 92 und nicht pflegebedürftig. Bildung trägt auch dazu bei, dass man nicht so schnell pflegebedürftig wird.

Nun sind Sie ja etabliert. Aber junge Wissenschaftler sind nicht gut bezahlt...

Die Jungen sind schlecht bezahlt. Aber es ist nicht nur die Menge des Geldes. Früher hatte man eine langfristige Perspektive. Die ist weg. Die Kurzfristigkeit kombiniert mit wenig Geld macht die Wissenschaft unattraktiv.

War es früher leichter?

Zu unserer Zeit hat man ohne Bezahlung dissertiert. Aber dann wurde es besser. Der Peak war 2008, 2009, da war die Situation relativ gut. Momentan ist die Situation ungewiss. Es ist halt sehr kompetitiv. Das ist an und für sich gut, aber wenn es zu kompetitiv wird, dann ist es kontraproduktiv. Dann selektiert man nicht mehr nach der Qualität, sondern weil jemand– Entschuldigung– ein Arsch ist oder sich besonders gut präsentieren kann und die Hülle so sehr glänzt, dass man den Inhalt nicht sieht.

Als Sie dissertiert haben, hat man nichts verdient. Wie hat man das finanziert?

Entweder ging man arbeiten, oder die Eltern haben einen unterstützt. Bei mir waren es die Eltern. Ich habe in den Ferien gearbeitet, aber das wäre nicht genug gewesen. Dann bekam ich ein Stipendium. Meine Eltern waren wohlhabend, das war nicht bei allen so.

Wieso sind Sie Naturwissenschaftlerin geworden?

Chemie ist etwas sehr Solides. Geisteswissenschaft wäre nichts für mich gewesen. Das ist nicht greifbar, das ist nicht konkret genug. Chemie ist total bodenständig. Wenn ich zwei Dinge mische, dann ist es so oder so. Ich komme aus einer sehr bodenständigen Familie. Mein Großvater war der erste grüne Ingenieur. Er hat die ersten Hochofenfilter entwickelt, und er hat die erste Fernheizung gebaut.

Frauen waren in Ihrer Studienrichtung damals wohl selten...

Wir waren zu dritt, die anderen 70 waren Männer. Auch die Professoren waren Männer. Man hatte keine Erwartungshaltung an uns, nach dem Motto: Lass sie, die wird schon auf die Nase fallen! Heute ist die Erwartungshaltung an alle hoch. Das macht es nicht leichter. Früher hat man keinen Karriereplan gemacht. Aber die Evolution hat auch keinen Plan. Wer zu viel plant, ist blind für alles andere.

ZUR PERSON

Renée Schroeder (*1953 in João Monlevade, Brasilien) ist Biochemikerin und Professorin am Department für Biochemie der Max F. Perutz Laboratories, eines Joint Venture der Universität Wien und der Medizinischen Universität Wien. Eines ihrer wichtigsten Gebiete ist die Ribonukleinsäure. Die Mikrobiologin und zweifache Mutter engagiert sich für die Förderung von Frauen in der Wissenschaft sowie für die strikte Trennung von Kirche und Staat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.05.2015)

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