Jean Cassegrain: „Männer sind gefangen in Gewohnheiten“

Jean Cassegrain ist Chef des französischen Lederwarenherstellers Longchamp. Mit der „Presse“ sprach er über Luxus, Diskretion und das Verhalten männlicher Kunden.

(c) Clemens Fabry

Die Presse: Sie führen das französische Modehaus Longchamp bereits in dritter Generation. Es ist eines der wenigen in Familienbesitz. Ist diese Herkunft eine Bürde? Oder haben Sie es stets als Ihre Pflicht empfunden, für Longchamp zu arbeiten?

Jean Cassegrain: Ich sehe es nicht als Bürde, sondern als Vergnügen. Ich habe es immer als meine Berufung betrachtet.


Wurden Sie stets in diese Richtung erzogen?

Ja, ich habe eine Gehirnwäsche verpasst bekommen (lacht).


Gab es nie die Idee, etwas anderes zu tun?

Eigentlich nicht.


Tradition verpflichtet. Wie schwierig ist es, eine eigene Handschrift durchzusetzen, ohne Altbewährtes zu zerstören?

Ich denke, Anpassung ist Teil unserer DNA. Bei uns gab es in den vergangenen Jahren viele Veränderungen. Schließlich haben wir mit lederbezogenen Pfeifen begonnen. Lang hat unsere Firma ausschließlich Männer angesprochen, heute sind vor allem Frauen unsere Kunden. Wir verändern uns also die ganze Zeit. Aber es gibt Werte, die bleiben. Etwa, dass wir als Manufaktur auf Qualität und Handwerk setzen.


Wie wichtig sind Ihnen männliche Kunden heute?

Männern waren ja unsere ursprünglichen Kunden. Im Lauf der Jahre haben wir uns aber von ihnen wegbewegt, weil die Verkäufe an Damen so stark gewachsen sind. Derzeit wird der Markt für Herren aber wieder aufregender. Früher war es so, dass Männer eine Tasche als nützliches Objekt betrachtet haben. Es ging ihnen etwa um die Anzahl der Fächer. Auch kauften Männer ausschließlich zwei Farben, Schwarz oder Braun. Jetzt sehen sie sich aber verstärkt nach Taschen als Modeaccessoires um. Bunte Herrentaschen hätten wir vor zehn Jahren nicht gemacht, weil es dafür kein Publikum gab.


Sind Männer die schwierigeren Kunden?

Männer sind einerseits präziser in ihrer Nachfrage, andererseits sind sie Gefangene ihrer Gewohnheiten. Frauen sind aufgeschlossener. Zeigen wir beispielsweise eine neue Handtasche, wird eine Frau sie vielleicht ausprobieren. Hat sich ein Mann einmal an etwas gewöhnt, dann will er genau das gleiche Produkt wieder haben, weil er seine Gewohnheiten nicht ändern will. Männer sind also ein bisschen schwieriger zufriedenzustellen.


Ist das bei Ihnen auch so?

Ich habe zwar einige Taschen, aber immer die gleiche Geldbörse.


Viele Frauen besitzen wohl mehr als eine Handtasche. Warum sollte man gerade eine Longchamp kaufen?

Unsere Marke ist sehr diskret. Es geht nicht darum, sie herzuzeigen. Unsere Taschen sollen ein kleiner Touch von Luxus im täglichen Leben sein.


Wer will eine Marke verbergen, wer will mit ihr protzen?

Es gibt viele verschiedene Konsumenten, und selbst der gleiche Konsument kann mal in einer, mal in einer anderen Gemütslage sein. Es gibt viele französische Marken, aber nicht viele werden auch von den Franzosen gekauft. Wir sprechen gern von der mühelosen Eleganz der französischen Frau. Elegant, diskret, aber nicht over the top. Das ist, was wir sind. Bei amerikanischen Firmen sieht man das Logo zum Beispiel schon stärker. Dann gibt es natürlich auch europäische Marken, die sich sehr stark auf die Schwellenländer konzentrieren.


Wollen die Menschen ihren Wohlstand dort zeigen?

Früher war das sicher so. Mittlerweile wird man der großen Logos aber auch dort müde. Wir haben das bei den Japanern vor 20 Jahren gesehen. Die Chinesen sind heute mehr am Produkt und der Qualität interessiert, weniger am Logo.


Es wird in diesen Ländern also leichter für Sie?

Ich denke schon. Der Trend spielt uns sicher in die Hände. Aber leicht ist es nirgends für uns. Viele verkaufen heute Handtaschen. Große Märkte wie Japan, China oder die USA sind noch schwerer, weil der Wettbewerb größer ist.


Wäre es als Teil eines großen Konzerns einfacher?

Es gäbe da sicherlich Vor- und Nachteile. Als Teil einer Gruppe ist man zwar stärker, aber als Familienfirma haben wir dafür keinen finanziellen Druck. Ist man an der Börse gelistet, muss man in jedem Quartal Ergebnisse liefern. Ist ein Quartal nicht gut ist, dann ist das noch okay. Läuft es zwei Quartale schlecht, hat man ein Problem. Als Familie hat man mehr Freiheiten, Dinge zu tun, von denen man glaubt, dass sie gut für ein Unternehmen sind. Bei uns gibt es mehr Stabilität. In einer großen Firma wird das Management oft gewechselt, was Strategieänderungen nach sich ziehen kann. Außerdem sind wir in der Lage, schnell zu reagieren, weil die Entscheidungswege überschaubar sind. Etwa, wenn es die Möglichkeit gibt, ein Geschäft zu mieten, so wie in Wien. Dann sind wir schnell und schlagen zu.


Ist es für Sie eigentlich eine Option, die Firma zu verkaufen?

Was soll ich dann bitte machen? Wir als Familie, also meine Eltern und meine Geschwister, fühlen uns stark mit dem Unternehmen verbunden. Die Firma ist Teil unseres täglichen Lebens. Wir brauchten einen guten Grund, um das zu ändern, und den haben wir nicht.


Gab es in der Vergangenheit Angebote?

Es gibt immer Leute, die interessiert sind. Wir schenken dem aber nicht so viel Aufmerksamkeit.


Können Sie mir erklären, was Luxus in der Modeindustrie heute bedeutet? Heißt Luxus Qualität oder eine limitierte Auflage?

Das ist eine schwierige Frage. Viele Dinge fallen heute unter den begriff Luxus. Jeder versteht etwas anderes darunter, jede Firma hat ihre eigenen Ansichten dazu. Wir wollen, dass unsere Kunden mit Luxus Glück, Wärme und Fröhlichkeit verbinden. Andere Luxusmarken sind hingegen ein bisschen arrogant und kalt. Wir denken, dass Luxus etwas für das tägliche Leben sein kann. Luxus ist nicht etwas, was man unter einen Glassturz stellen und nicht angreifen darf.


Sie betreiben einige Produktionsstätten in Frankreich und im Ausland. Könnte die Firma nicht mehr Geld verdienen, würde alles im Ausland erzeugt?

Kurzfristig ja, langfristig würde das jedoch die Marke gefährden. Wenn wir Teil einer großen Gruppe wären, die an der Börse notiert, würden wir das vielleicht tun. Als Familienbetrieb ist es uns aber wichtig, ein französischer Hersteller zu sein.


Gibt es denn einen Qualitätsunterschied zwischen den Produktionssorten?

Uns ist es möglich, auch außerhalb Frankreichs die gleiche Qualität herzustellen wie in Frankreich selbst. Nicht einmal ich bin in der Lage zu sagen, welches Produkt wo gefertigt wurde. Aber die Franzosen definieren alles, sie setzen den Standard und entwickeln neue Techniken.


Wie oft kommt der durchschnittliche Kunde zu Ihnen zurück?

Es kommt darauf an. Wir haben Produkte für die ganze Familie. Mal kommt man, um einen Koffer zu kaufen, mal wegen eines Geschenks. Unsere Kunden sind sehr loyal. Für jemanden, der kein Experte ist, ist es nicht leicht, die Qualität eines Produktes zu erkennen, wenn es im Geschäft steht. Wie gut etwas ist, zeigt sich oft erst nach ein paar Monaten. Die Leute beurteilen das also auf diese Weise und kommen dann wieder. Mit laufend neuen Kreationen versuchen wir, unseren Kunden einen weiteren Grund dafür zu geben.

Zur Person

Jean Cassegrain (*1965) leitet das französische Modehaus Longchamp bereits in dritter Generation. Das Unternehmen wurde 1948 in Paris von seinem Großvater gegründet. Damals verkaufte das Unternehmen noch mit Leder bezogene Pfeifen. 1970 wurde die erste Handtaschenlinie auf den Markt gebracht. Die bekannteste Tasche „Le Pliage“ wurde weit mehr als 30 Millionen Mal verkauft. Longchamp setzte im vergangenen Jahr 495 Mio. Euro um.

Kommentar zu Artikel:

Jean Cassegrain: „Männer sind gefangen in Gewohnheiten“

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen