Ubimet-Gründer: "Kein jungunternehmerfreundliches Land"

Michael Fassnauer und Manfred Spatzierer haben den Wetterdienst Ubimet gegründet. Sie erzählen von Skepsis gegenüber Jungunternehmern in Österreich und, warum sie lieber Red Bull als Partner haben, als an die Börse zu gehen.

(c) Stanislav Jenis

Die Presse: Wie kamen ein Chemiker und ein Meteorologe dazu, einen Wetterdienst zu gründen, obwohl es schon einen auf dem österreichischen Markt gibt?

Michael Fassnauer: Für mich als Chemiker war es nicht selbstverständlich, da etwas zu machen. Aber Manfred hat um 1999 herum gesagt, er würde sich gern in dem Bereich selbstständig machen. 2002 hat er ein paar Tage vor dem Hochwasser prognostiziert, dass es schwere Hochwasser geben wird. Da habe ich gesehen, es gibt eine Marktlücke. Dann hat es noch einmal zwei Jahre gedauert, bis wir tatsächlich gegründet haben.

Und das hat gleich funktioniert?

Es war unser Ziel, die besten Wetterprognosen zu machen. Im Nachhinein wissen wir, wie naiv unsere Herangehensweise war. Wir waren damals 27. 2004 war Österreich noch kein besonders jungunternehmerfreundliches Land. Als ich mich beim Gründerservice der Wirtschaftskammer angemeldet habe, haben sie mich gefragt, warum ich als Chemiker, wo es doch so gute Berufsaussichten gibt, nicht bei der Chemie bleiben möchte. Als wir bei den Banken wegen einer Finanzierung angefragt haben, haben die alle gesagt: „Ein privater Wetterdienst neben dem staatlichen – das kann doch gar nicht gehen.“ Die Banken sind konservativ. Wenn Sie einen Kredit wollen, brauchen Sie ein Zinshaus. Das hatten wir nicht. Und als wir bei einer Firma Wetterdaten kaufen wollten, wollte uns die keine verkaufen, aus Angst, dass wir sie nicht bezahlen können.

 

Wie haben Sie sich dann finanziert? Mit Ihren Ersparnissen?

Manfred Spatzierer: Ich habe vollkommen mit null begonnen. Michael hat sich etwas zusammengespart.

Fassnauer: Unser erstes Geld haben wir zur Gänze ausgegeben für Büromieten und Daten. Wir haben uns selbst fast nichts ausbezahlt. Die ersten 15 Monate haben wir uns in 13-Stunden-Schichten abgewechselt, wobei wir eine Stunde überlappend gearbeitet haben. Wir hatten ein altes Ikea-Klappbett um 34,90 Euro im Büro.

 

War das Ihr erster Job?

Spatzierer: Ich war immer beruflich als Meteorologe tätig, habe eine Zeit lang beim ORF in der Radio-Wetterredaktion gearbeitet.

Fassnauer: Ich habe während des Studiums bei einer Bank gearbeitet.

 

Als Chemiker?

Ich habe bei der Bewerbung für das Praktikum nicht erwähnt, dass ich Chemie studiere. Ich wollte ein Gefühl kriegen, wie Wirtschaft funktioniert. Das wird den Technikern an den Universitäten wenig beigebracht.

 

Welche Erkenntnisse haben Sie dort gewonnen?

Dass die Welt nicht so funktioniert, wie es Naturwissenschaftler lernen. Sobald Menschen ins Spiel kommen, sind Entscheidungen irrational. Wir haben 2002 geglaubt, es muss einen Markt geben nach dem Hochwasser – aber die Leute zu überzeugen, einen Vertrag zu schließen, war nicht so leicht.

Spatzierer: Es geht auch darum, wie man ein Produkt präsentiert. Auf der Uni lernt man, wissenschaftliche Vorträge zu halten und die Ergebnisse sehr trocken zu verkaufen – denn es sind die Fakten, die zählen. Wenn ich einem Versicherungskunden ein Servicepaket verkaufen muss, geht es auch darum, wie die Verpackung aussieht.

 

Angst vor dem Scheitern hatten Sie nicht?

Fassnauer: Mit 27 denkt man an so etwas nicht.

Spatzierer: Es gab wenig zu gewinnen und viel zu verlieren.

 

Und die Kunden haben Ihnen gleich vertraut?

Fassnauer: Als 27-Jährigen hat man uns prinzipiell nichts geglaubt. Wir haben uns damals als Gesellschafter ein Unternehmen aus der Schweiz hereingenommen, das in diesem Bereich schon tätig war, um Credibility zu haben.

 

Woher kamen die Kunden?

Wir haben uns auf Unwetterwarnungen und Hochpräzisionsmeteorologie spezialisiert, das war etwas Neues. Vorher gab es nur Warnungen wie „Im Süden von Österreich sind schwere Gewitter zu erwarten“. Wir haben punktgenau auf Postleitzahlbasis gewarnt. Als ersten großen Versicherungskunden haben wir die Uniqa gewonnen. Dann haben wir eine Ausschreibung der ÖBB gewonnen und für sie ein Infrastrukturwetterportal gebaut. Gewachsen sind wir nur durch Weiterempfehlung. Wir hatten damals keinen Vertrieb, den haben wir erst seit einem Jahr.

 

Und woher hatten Sie die Daten, die andere nicht hatten?

Es geht nicht um die Daten, es geht um maßgeschneiderte Infos. Wir haben alle Daten von staatlichen Wetterdiensten gekauft, die wir kaufen konnten, wir haben eigene Messnetze aufgebaut. Gerade sind wir dabei, ein globales Blitzmessnetz aufzubauen. Diese Daten haben wir verbunden und versucht, präzise Informationen zu erstellen.

 

War es Ihr Ziel, dass die Firma so groß wird?

Hauptziel war, der beste Wetterdienst der Welt zu werden. Es war uns schon klar, dass man dafür eine gewisse Größe braucht. Wie groß, das war uns nicht klar. Am Anfang hat uns niemand geglaubt. Als wir gesagt haben, wir wollen weltweit tätig werden, haben viele gesagt: „Schuster, bleib bei deinem Leisten. Sei einmal erfolgreich in Österreich und nimm vielleicht ein weiteres Land dazu, aber das ist nicht machbar für die ganze Welt.“ Jetzt haben wir die Formel 1 als Kunden, eine Deutsche Bahn oder das australische Olympia-Segelteam. Das ist nicht die österreichische Mentalität, dass man den Weltmarkt erobert. In Österreich gibt es viele Hidden Champions, die nie darüber reden, wie stark sie in ihrer Nische sind, weil das eben nicht der österreichischen Mentalität entspricht, vielleicht auch, weil es Neid bewirkt.

 

Warum haben Sie Ihr Headquarter nicht ins Ausland verlagert?

Wir sind patriotisch, wir glauben, dass Österreich ein sehr guter Hub sein könnte, wenn die Rahmenbedingungen besser wären.

 

Welche Rahmenbedingungen?

Die Steuerleistung in Österreich ist zu hoch, vor allem auf Arbeit. Wir sehen das bei Arbeitnehmern aus Australien, denen wir ungleich mehr bezahlen müssten, damit sie in Österreich netto auf dasselbe kommen wie in den Heimmärkten. Es gibt noch immer bürokratische Hemmnisse. Dass ein digitales Unternehmen mehr Flexibilität braucht – auch, weil es die Mitarbeiter wollen –, das ist in Österreich gar nicht möglich.

 

Vor ein paar Jahren ist Red Bull bei Ihnen eingestiegen. Wie kam es dazu?

Wir haben 2008 von unserem damaligen Mitgesellschafter alle Anteile zurückgekauft. Dann haben wir Angebote bekommen von Venture-Capital-Firmen, bei uns einzusteigen – auch Angebote, das Unternehmen ganz zu verkaufen. Das war aber nie unser Ziel, weil wir nichts anderes können und wollen, als Ubimet zu führen. Wir wollten keine Fremdfinanzierung und keinen Venture-Capital-Fonds, der nach zwei, drei Jahren rauswill. Wir wollten jemanden, der längerfristig unternehmerisch denkt. Es hat sich durch einen Zufall ergeben, dass wir einen persönlichen Kontakt mit dem Herrn Mateschitz bekommen haben. Uns war klar, dass wir für die globale Expansion einen Partner brauchen.

Was kostet ein globales Blitzwarnsystem?

Einen hohen zweistelligen bis dreistelligen Millionenbetrag. Das sind für österreichische Dienstleistungsunternehmen enorme Investments.

Kommt ein Börsengang infrage?

Quartalsberichte und sich regelmäßig rechtfertigen zu müssen, wenn man an etwas glaubt und selbst ein Risiko eingeht – das ist für uns schwer vorstellbar. [ Stanislav Jenis ]

ZU DEN PERSONEN

Michael Fassnauer (links) und Manfred Spatzierer haben 2004 zusammen mit der Schweizer Meteomedia-Gruppe einen Wetterdienst gegründet. 2008 kauften sie die Anteile der Schweizer zurück und nannten das Unternehmen Ubimet („ubiquitäre Meteorologie“). Seit 2012 ist der Red-Bull-Konzern mit 50 Prozent beteiligt. Ubimet beliefert Kunden in aller Welt, darunter die Formel 1, und baut derzeit mit einem deutschen Partner ein globales Blitzortungsnetz auf.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2016)

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