"Um Gottes willen, da kommt die Grüne"

Die PR-Beraterin und einstige grüne Abgeordnete Monika Langthaler sprach mit der "Presse" über das mangelnde Wirtschaftsverständnis einiger Politiker und erzählt, wie ihr als Unternehmerin anfangs rauer Wind entgegenblies.

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(c) APA/HELMUT FOHRINGER

Die Presse: Viele wechseln von der Wirtschaft in die Politik, bei Ihnen war es umgekehrt. Was hat Sie an der Privatwirtschaft am meisten überrascht?

Monika Langthaler: Ich bin relativ jung, mit 24, in die Politik gegangen und mit 34 Jahren freiwillig wieder ausgestiegen. Schon damals hat mir etwas viel besser gefallen: konkret an Projekten zu arbeiten, die unmittelbar sichtbar sind. In der Politik wird viel diskutiert. Bis man die Wirkung einer Entscheidung sieht, dauert es lange. In unserem Unternehmen entscheiden zwei, drei Leute, es gibt keine monatelangen Diskussionen.

Also keine grüne Basisdemokratie?

Das wäre nicht zielführend.

Ist Ihnen der Abschied aus der Politik schwergefallen?

Nein, ich habe den Schritt nie bereut. Er war ja selbst gewählt.

Was haben Ihre Parteifreunde damals gesagt?

Manche haben sich, glaube ich, gefreut, weil ein Sitz frei wurde. Manche hat es vielleicht weniger gefreut, viele haben es überhaupt nicht verstanden, weil ich ja ein relativ fixes niederösterreichisches Mandat für den Nationalrat hatte. Ich wollte nicht zu lange in der Politik bleiben, weil ich teilweise gesehen habe, was Politik mit Menschen machen kann.

Was denn zum Beispiel?

Dass man von diesem System abhängig wird. Für mich gab es zwei Möglichkeiten, wie es klug ist, in die Politik zu gehen: Entweder man geht sehr jung rein und jung wieder raus, oder man ist schon älter, muss sich nichts mehr beweisen und hat wirtschaftliche Erfahrung. Die vermisse ich in der Politik, das zeigt ja leider auch die Qualität unserer Wirtschaftspolitik.

Warum haben Politiker oft wenig wirtschaftliche Erfahrung?

Im Parlament sitzen viele Beamte und Kammervertreter. Ich glaube, man versteht nur, wie Wirtschaft funktioniert, wenn man sie selbst erlebt hat.

Wundern Sie sich heute oft über politische Entscheidungen?

Ja. Die Summe an Dauerbelastungen, Vorschriften aus der Gewerbeordnung, kombiniert mit einem Arbeitsmarkt, wo man laufend steigende Lohnnebenkosten hat, aber in manchen Branchen keine Arbeitskräfte bekommt, wo es Wirte gibt, die Ruhetage einlegen müssen, weil sie kein Personal bekommen – das sind keine erfundenen Geschichten, das ist Realität. Ich erzähle solche Erlebnisse seit Jahren jedem Politiker, den ich treffe. Es gibt Politiker, gerade aus dem gewerkschaftlichen Bereich, die glauben, jeder Unternehmer ist erstens ein Ausbeuter und zweitens, dass es nicht stimmt, was ich erzähle.

Wie reagieren Sie, wenn man Sie als Ausbeuterin bezeichnet?

Das ärgert mich, weil wir in unserem Unternehmen wirklich versuchen, auf Mitarbeiter Rücksicht zu nehmen und auf individuelle Probleme einzugehen. Wir sind 15 Menschen bei uns im Unternehmen, das bedeutet, ich muss jeden Monat 15Gehälter überweisen, das muss man aber vorher erst verdienen. Wenn wir dann Rahmenbedingungen vorfinden, die es Unternehmen schwerer machen, und Teile der Politik das Gefühl vermitteln, dass Unternehmen böse Ausbeuter sind, ist das wenig motivierend. Ich sitze selbst mit Fieber im Büro. Ich würde nie auf Kur gehen. Das ist für Selbstständige im Klein- und Mittelbereich unmöglich.

Hat sich Ihre Einstellung im Laufe der Jahre verändert? Oder haben Sie als Nationalratsabgeordnete auch schon so gedacht?

Ich habe sicher Dinge gesagt, die nicht ganz realitätsnah waren. In Österreich haben Mitarbeiter tolle Rechte, das ist auch in Ordnung. Aber wenn es noch mehr werden, wie die Absurdität einer sechsten Urlaubswoche, wird das für viele ohne Entlastung in einem anderen Bereich unmöglich zu stemmen.

Dass Politiker oft wenig Verständnis für Unternehmer haben – liegt das an einer ideologischen Brille oder an mangelnder Erfahrung als Selbstständiger?

Ich glaube, beides. Die, die diese ideologische Brille haben, haben wahrscheinlich nie als Selbstständige gearbeitet. Dieser Vorschlag einer sechsten Urlaubswoche ist hier ja vor allem ein plakatives Beispiel, denn in der Arbeitswelt haben wir ganz andere Themen, wie etwa Aus- und Weiterbildung oder lebenslanges Lernen. Unternehmer müssen hierzulande kalkulieren, dass jeder Mitarbeiter fünf Wochen Urlaub im Jahr hat, im Schnitt jeder zwei Wochen krank ist, dazu kommen Pflegeurlaub und andere Abwesenheiten: Damit sind Mitarbeiter maximal zehn Monate produktiv, bekommen aber 14 Monatsgehälter.

War Ihr Unternehmen eigentlich von Anfang an erfolgreich?

Das erste Jahr war wirklich schwierig, da hatte ich einige Fehleinschätzungen. Als wir, Christian Nohel und ich, 2000 gegründet haben, war gerade die große Internetblase. Jeder hat gesagt: Da müsst ihr rein, Internet ist die Zukunft. Ihr macht Content, ein bisschen programmieren, und nach zwei Monaten seid ihr Millionäre. Christian Nohel hat sich ein paar Businesspläne aufgehoben, die wir mit sogenannten Experten gemacht haben. Die sind so skurril, dass ich mich geniere, wenn ich sie mir ansehe. Es kam natürlich anders, wir sind nach zwei Monaten keine Millionäre geworden.

Wie sah die Realität aus?

Es war hart zu lernen, wie der Markt wirklich funktioniert. Zwischen einem Erstgespräch, in dem jemand Interesse bekundet, und einem Vertragsabschluss können oft Monate vergehen. Diese Zeitspanne habe ich komplett unterschätzt. Aber wir haben das erste Jahr gut übertaucht, weil wir uns selbst kaum etwas ausbezahlt haben. Bis 2011 hatten wir dann sehr gute Jahre, dann hat uns die Wirtschaftskrise vor große Herausforderungen gestellt. Der positive Nebeneffekt: Ich denke, ich kann ein Unternehmen gründen, ich weiß, welche Fehler man nicht wiederholen sollte und wie man ein Unternehmen durch die Krise führt.

Haben Ihnen Ihre Kontakte aus der Politik weitergeholfen?

Es hat manchmal geholfen, manchmal geschadet, weil einige aus der Wirtschaft vermutet haben: Um Gottes willen, da kommt die Grüne in Birkenstock-Schuhen, Müsli essend, mit vollkommen weltfremden Ideen – warum sollte ich der einen Auftrag geben? Dieses Vorurteil zu durchbrechen war schwieriger als vermutet.

Hat sich das inzwischen gelegt?

Die Manager vieler Unternehmen haben nach ein paar Gesprächen anscheinend doch gemerkt, dass einiges sinnvoll ist, was ich sage, sonst hätten sie uns nicht engagiert. Wir waren die Ersten, die das Thema Nachhaltigkeitsberatung nach spezifischen internationalen Indikatoren angeboten haben. Was anscheinend recht Österreich-spezifisch ist, ist, dass mich noch immer viele Menschen mit „Frau Abgeordnete“ ansprechen. Und wenn ich sage, dass ich seit 16 Jahren keine Abgeordnete mehr bin, dann sagen sie: „Wurscht, einmal Abgeordnete, immer Abgeordnete.“ In Zeiten, in denen die Politik keinen guten Ruf hat, ist das nicht immer von Vorteil.

Ihr Mann betreibt mit dem Filmhof Asparn auch eine Kulturstätte. Beraten Sie sich gegenseitig?

Wenn zwei Menschen zusammen sind, die beide selbstständig sind, redet man schon über die Firmen und erzählt sich Erfahrungen. Wobei ich, wenn ich nach Asparn komme, versuche, das Geschäft draußen zu lassen. Ein Versprechen, das ich auch meinem Sohn immer gebe. Soweit es geht, versuche ich, mich daran zu halten. Der Filmhof ist ja das Business meines Mannes. Er betreibt zusätzlich zu seinem Theater auch ein Restaurant und ein Kaffeehaus. Dort, wo es möglich ist, unterstütze ich ihn, vor allem bei der Promotion, aber sonst ist das strikt getrennt. [ Reither ]

ZUR PERSON

Monika Langthaler (*1965) ist Ökologin, Ex-Politikerin und Unternehmensberaterin. Von 1990 bis 1999 saß sie für die Grünen im Nationalrat. Danach gründete sie die Unternehmensberatungsfirma Brainbows Informationsmanagement GmbH. Langthaler lebt mit ihrer Familie im niederösterreichischen Asparn an der Zaya. Ihr Mann, der Schauspieler Michael Rosenberg, betreibt dort den Filmhof Asparn.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2016)

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