Riedel: "Mein Herz hängt an Reggae, Ska und Punk!"

Er bestimmt zur Zeit den Sound des Burgtheaters. Mit der "Presse" spricht Komponist und Musiker Karsten Riedel über Tätowierungen, die gleich große Lust an Mahler und Schlagermusik – und seine drei Kinder.

Riedel Mein Herz haengt
Riedel Mein Herz haengt
Karsten Riedel – (c) APA/HANS KLAUS TECHT (HANS KLAUS TECHT)

Er hatte mehrere Bands, darunter die Alpha Boy School, benannt nach einer Schule in Jamaika, die für ihren herausragenden Musikunterricht bekannt war, aus ihr gingen bekannte Musiker wie Desmond Dekker hervor: Der Bochumer Karsten Riedel (43) gestaltet mit Partnern höchst originelle Klangflächen, Geräuschkulissen für Burgtheater-Produktionen wie „Fool of Love“, Grillparzers „Ahnfrau“ oder Nestroys „Lumpazivagabundus“ (ab 1.8. in Salzburg). Nächste Saison bringt er Gedichte von Dylan Thomas im Kasino am Schwarzenbergplatz heraus – die er vertonte.

 

Die Presse: Mögen Frauen Tätowierungen?

Karsten Riedel: Meine schon.

Viele Jugendliche lassen sich heute tätowieren. Die Eltern sehen das nicht gern.

Ab einem gewissen Alter kann man das ja gar nicht mehr verbieten. Aber es ist wie eine Sucht, wenn man einmal damit anfängt.

Wie hat das bei Ihnen begonnen – mit der Musik?

Mit fünf Jahren. Ich wollte Konzertpianist werden. Bis 16 habe ich gelernt, aber leider nicht vom Blatt zu spielen. Die Lehrer sagten, der kann das so gut, das geht schon. Aber letztlich ist es dann doch daran gescheitert, dass ich keine Noten lesen kann.

Sie spielen im Burgtheater verschiedene Instrumente, Sie singen. Sie treten mit Kollegen wie Franui auf. Das spielen Sie alles auswendig?

Ich notiere mir schon etwas, z.B. Streichquartette. Ich habe drei Jahre Kontrabass gelernt. Ich spiele am Klavier Brahms oder Prokofieff, aber man stößt schon bald an seine Grenzen. Prokofieff ist ziemlich schwer, für einen kleinen Marsch reicht es.

Haben Sie je etwas anderes gemacht außer Musik?

Ich habe als Dachdecker bei meinem Onkel gearbeitet, weil meine Mutter sagte: Junge, lern doch mal was Vernünftiges! Aber das hat mir bald gereicht, ebenso die Klavierbauerlehre. Ich hatte fünf oder sechs Bands.

Es ist schwer, von der Musik zu leben, oder?

Ja, darum bin ich auch froh, am Burgtheater zu sein. Es gibt genug Leute, die in diesem Geschäft so herumkrebsen, tausende Kilometer im Ford Transit absitzen und dann in einem Jugendzentrum in Polen für eine Kiste Bier auftreten. Es ist das Schönste, wenn man von der Musik leben und auch noch eine fünfköpfige Familie ernähren kann. Ich habe zwei Töchter und einen Sohn. Meine Frau ist Psychotherapeutin, bald bekommt sie die Approbation und kann ihre eigene Praxis aufmachen. Vielleicht kann ich dann ein bisschen öfter zu Hause bleiben.

Sie pendeln zwischen dem Ruhrgebiet und Wien. Haben Sie nie gedacht, sich hier anzusiedeln?

Das geht nicht. Die Familie war einmal vierzehn Tage hier, aber nach ein paar Tagen wollten die schon wieder heim.

Sie gestalten die Musik für „Lumpazivagabundus“. Normalerweise sitzt bei Nestroy ein Orchester im Graben und fiedelt ganz brav. Das ist ja nicht so Ihre Sache, vermute ich mal.

Es wird ein geschrumpftes Orchester geben. Ich habe mir zwei Musiker dazu geholt: Bernhard Moshammer und Tommy Hojsa. Hojsa ist ein Wienerlied-Spezialist, er hat ein paar hundert Stücke im Kopf, spielt auch beim Heurigen. Er kann eine Menge erklären. Ich als Ruhrgebietler weiß ja gar nicht genau, worum es da geht. Ich lese kaum Theaterstücke, das letzte war „1979“ von Christian Kracht für Matthias Hartmanns Aufführung. Die war 2003. Aber ich brauche Texte auch nicht unbedingt. Im Prinzip bin ich ein Songschreiber. Wir haben jetzt für „Lumpazivagabundus“ ein Akkordeon, einen Kontrabass, eine Celesta, eine E-Gitarre. Mal sehen, wie es weitergeht.

Sie arbeiten situativ und spontan?

Man probiert viel aus, schmeißt viel weg und springt letztlich ins kalte Wasser. Ich bin nicht der Typ, der wie viele andere am Theater am Computer sitzt und daheim etwas schreibt, was dann bei der Probe aufgeführt wird oder wieder verändert werden muss.

Sie haben als Ein-Mann-Orchester Grillparzers „Ahnfrau“ begleitet, ganz toll, wie ich fand. Aber jetzt einmal ehrlich: Sie können bei einem derart komplizierten Text ja nicht dauernd die Musik ändern, das verwirrt doch die Schauspieler, oder?

Der Ignaz Kirchner, der knurrt dann schon einmal: Was hast du da wieder gemacht? Wenn wir die „Ahnfrau“ länger nicht gespielt haben, habe ich vieles vergessen und kann oft auch meine Zeichnungen nicht mehr entziffern. Dann improvisiere ich und spiele etwas, das zur Stimmung passt. Das hat eine eigene Qualität. Die Aufführung ist ja so etwas wie ein Stummfilm, und ich bin so etwas Ähnliches wie der Pianist. Ich habe ein Piano aus den Siebzigern, eine Harfe, eine Gitarre.

Sie versuchen immer, etwas anderes zu probieren?

Bei „Krieg und Frieden“ (Tolstoi, 2011 von Matthias Hartmann im Kasino inszeniert) habe ich mich mit Wolfgang Schlögl von den Sofa Surfers zusammengetan. Das fand ich super. Da konnte man genau sehen, was man mit Elektronik machen kann – und die Gegensätze zwischen den Stilen. Ich finde das toll, dass mein kleiner Sohn auf dem iPad Schlagzeug spielen kann. Das ist die neue Generation. Für mich ist das nichts. Ich finde, die menschliche Stimme ist das beste Instrument, die Antwort auf alle Fragen. Ich bin kein ausgebildeter Sänger, meine Stimme ist einfach so gewachsen mit den Auftritten. Am allerliebsten singe ich. Die Instrumente sind eigentlich nur da, um meine Stimme zu unterstützen.

Lassen Sie Ihre Kinder ein Instrument lernen?

Kennen Sie das? Oma hat ein Klavier angeschafft, und jetzt spielst du ihr dafür etwas Schönes zu Weihnachten. Das fand ich fürchterlich. Ich habe das nie gemacht! Meine Kinder lernen keine Instrumente. Ich würde auch nie auf die Idee kommen, wenn mein Sohn etwas spielt, zu sagen: Ist der aber begabt! Das sollen die selbst entscheiden.

Und wenn Ihre Kids zu Hause herumklimpern und lärmen, sagen Sie auch nie: Leute, seid ruhig, der Papa will jetzt Zeitung lesen?

Ich komme daheim nicht zum Lesen! Mit den Kids geht den ganzen Tag die Post ab.

Welche Musik hören Sie selbst gern?

Mein Herz hängt immer noch an Reggae, Ska und Punk. Da komme ich her, das habe ich lange Jahre gemacht. Aber ich höre auch sehr gern Brahms, Zemlinsky und von Mahler „Die Rückertlieder“, die liebe ich total. Ich habe auch nichts gegen Schlagerberieselung, Kastelruther Spatzen und so etwas. WDR4 und Gute-Laune-TV, das mögen auch meine Töchter.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.07.2013)

Kommentar zu Artikel:

Riedel: "Mein Herz hängt an Reggae, Ska und Punk!"

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen