Gibt es eine säkulare Mystik?

Zu Virginia Woolfs „Mrs. Dalloway“: Es ist Hingabe, zu verbinden. Es liegt eine Umarmung im Tod.

Mrs. Dalloway, die Heldin des gleichnamigen Romans von Virginia Woolf, ist – von außen betrachtet – eine unerträglich oberflächliche Dame des Londoner Großbürgertums. Eine traurige Gestalt, die in ihrer blutleeren Ehe schon in mittleren Jahren wie eine alte englische Jungfer lebt; die ihre einzige Erfüllung darin findet, Partys für die Londoner High Society zu organisieren.

Selbst ihre besten Jugendfreunde belächeln sie für ihre Partys – und auch ihr Mann Richard versteht sie nicht. Um nichts in der Welt würde er eine Party geben. Warum macht sie sich dann diese Mühe, fragt sich Clarissa Dalloway schließlich selbst:

„Da war Soundso in South Kensington, jemand oben in Bayswater und noch jemand, sagen wir, in Mayfair. Und sie hatte ein beständiges Empfinden für ihre Existenz; und sie fühlte, was für eine Verschwendung; und sie fühlte, wie schade; und sie fühlte, könnte man sie doch zusammenbringen; so tat sie es. Und es war eine Gabe, zu verbinden, zu erschaffen; aber für wen? Eine Gabe um der Gabe willen vielleicht.“

Clarissa Dalloway hält nicht viel von Religion. Nachdem sie ihre Schwester als Mädchen unter einem fallenden Baum sterben gesehen hat, entwickelt sie die Auffassung, dass „die Götter, die nie eine Chance verpassen, Menschenleben zu quälen, zu vereiteln und zu verderben, ernsthaft ausgeschaltet seien, wenn du dich trotz allem wie eine Dame benimmst“.

Später dachte sie, es gebe gar keine Götter; „und so entwickelte sie diese Religion des Atheisten, Gutes zu tun um der Güte willen.“ Der Tod taucht schließlich auch auf Clarissas Party auf – in der Erzählung vom Selbstmord jenes jungen Mannes, den Virginia Woolf zuvor durch den Bewusstseinsstrom seiner posttraumatischen Belastungsstörung bis in den Freitod begleitet hat.

Die Erwähnung dieses Todes schlägt bei Clarissa Dalloway ein. „Der Tod ist Auflehnung. Der Tod ist ein Versuch zu kommunizieren; Menschen, die die Unmöglichkeit empfinden, das Zentrum zu erreichen, das ihnen mystisch entschwindet; Nähe entfernt sich; der Riss verblasst, man ist allein. Es liegt eine Umarmung im Tod.“ Als Virginia Woolfs Roman „Mrs. Dalloway“ 1925 erschien, war die Erzähltechnik revolutionär, die Feinfühligkeit der psychologischen Introspektive ging weit über die psychiatrische Praxis ihrer Zeit hinaus. Darüber hinaus deuten sich in „Mrs. Dalloway“ große Themen der christlichen Mystik an.

Jesus antwortete ihm: Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben . . .

Johannes 14, 23

In den Abschiedsreden des Johannesevangeliums deutet Jesus sein Leben im Horizont des bevorstehenden Todes als Hingabe, die Beziehung stiftet, die über dieses Leben hinausreicht.

Jesus wünscht sich bleibende Beziehung mit jenen, die Freundschaft mit ihm bewahren, will sie in die mystische Gemeinschaft mit seinem Vater hineinnehmen. Es ist Hingabe, zu verbinden. Es liegt eine Umarmung im Tod.

Bimail steht für Bibelmail, ein wöchentliches Rundschreiben des Teams um Pater Georg Sporschill, adressiert an Führungskräfte. Darin werden Lehren aus der Bibel auf das Leben von heute umgelegt.

debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.10.2013)

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