Wenn das Gefängnis zur Mönchszelle wird

Der Blick auf das Leben Nelson Mandelas macht Mut, sich seinen inneren Grenzen zu stellen.

Wenn wir so kurz nach Nelson Mandelas Tod auf sein Leben zurückblicken, treten seine Leistungen wie Schlagzeilen vor Augen: siegreicher Widerstand gegen das Apartheid-Regime, erster schwarzer Staatspräsident Südafrikas, Friedensnobelpreisträger, Ikone der Freiheit.

In den Hintergrund treten, zur Zahl erstarrt, die 27 Jahre seiner politischen Gefangenschaft. Wer kann und möchte sich schon die tausenden Tage und Nächte der Trennung von geliebten Menschen vorstellen, das Totsitzen der produktivsten Lebenszeit, die psychische Gewalt der Mauern, die schleichende Verzweiflung? Was hat Mandela in dieser Zeit innerlich am Leben erhalten?

Vielleicht seine Kindheit, die Tage und Nächte in der südafrikanischen Natur. Bei der Zeremonie seiner Beschneidung lernte Mandela gemeinsam mit seinen Altersgenossen, Schmerz – nun als Mann – in Würde auszuhalten. Vielleicht waren es diese Ressourcen der Jugend, gemeinsam mit der im Jusstudium erarbeiteten geistigen Disziplin, die dem Gefangenen 46664 auf Robben Island die Kraft gaben, durchzuhalten.

Darüber hinaus muss er in Isolationshaft auch „die Kunst, sich selbst auszuhalten“, erlernt haben – wie Michael Bordt sein jüngstes Buch betitelt. Mandela muss den Ängsten, Aggressionen und Hilflosigkeiten, die in der Zelleneinsamkeit wie Dämonen aus den Tiefen der Person aufsteigen, ins Auge geschaut und sie zu neuen Potenzialen transformiert haben.

Nur dies kann ihm die Kraft gegeben haben, über Jahre seine Mitgefangenen zu ermutigen, ihre Würde und den Glauben an die Zukunft zu bewahren. Dies verlieh seinen Augen im Alter die Tiefe, seinem Auftreten die Ausstrahlung, die den Raum, den er betrat, veränderte und die Atmosphäre der Feindschaft bezwang. Mandela nützte sein Gefängnis wie eine Mönchszelle. Er erlebte den Kampf mit Dämonen, wie ihn die Wüstenväter beschrieben, und die „dunkle Nacht der Seele“ der Mystiker.

Seine innere Entwicklung spiegelt sich schon in biblischen Erzählungen wider. Im Buch Genesis wird Josef als Jugendlicher von seinen Brüdern als Sklave verkauft. In Ägypten landet er zu Unrecht im Gefängnis. Obwohl er selbst am Tiefpunkt seines Lebens ist, baut er eine gute Beziehung mit seinem Wärter auf und ist sensibel seinen Mitgefangenen gegenüber. Als er sie eines Morgens nach ihrem traurigen Blick fragt und sie ihm ihre Träume erzählen, öffnet er ihren Blick für die Zukunft.

Ausstrahlung und Begabung bringen Josef aus dem Kerker. Jesus, der in der Einsamkeit der Wüste mit Dämonen gekämpft hat, ist sogar kurz vor seiner Hinrichtung in der Lage, seinen Freunden Mut für die Zukunft zu machen.

Wenn sie jetzt mit ihren Ängsten konfrontiert werden, können sie später umso größeren Glauben finden – festen Halt im Leben. Der Blick auf Mandelas Leben macht Mut, mich meinen inneren Grenzen zu stellen. Wie können sie sich in neue Kräfte verwandeln?

Bimail steht für Bibelmail, ein wöchentliches Rundschreiben des Teams um Pater Georg Sporschill, adressiert an Führungskräfte. Darin werden Lehren aus der Bibel auf das Leben von heute umgelegt.

debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.12.2013)

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