Von der Gabe des Sehens

Wessen Lächeln verleiht mir Glaubwürdigkeit? Für wen wird meine Ausstrahlung Zeugnis ablegen?

In einem abgelegenen Dorf im nepalesischen Himalaja lebt die 70jährige Großmutter Ang Lamu. Vor einigen Jahren ist sie an grauem Star erkrankt und erblindet. Seither leidet sie unter Dunkelheit und Ängsten. Sie ist auf ihren Mann Rinji angewiesen, der sie über die Holzleitern ihres Hauses trägt und am offenen Feuer den täglichen Schwarztee mit Maispulver anrührt – mehr können sie sich nicht mehr leisten. „Wenn nicht ich mich um meine Frau kümmere, wer wird es sonst tun? Das Leben ist sehr hart für uns geworden.“ Doch es kommt Hilfe. Dr. Sanduk Ruit hat im Tal ein Augencamp aufgeschlagen.

Sein Team hat alles Material ins Bergdorf getragen, um ein Schulzimmer in einen Operationssaal umzuwandeln. Manche Patienten haben mehrere Tage Fußmarsch hinter sich, um Dr. Ruit zu sehen. Nach den Untersuchungen werden Operationen angesetzt. Ruit operiert bis zu fünfzig Patienten täglich und setzt künstliche Linsen ein, mit denen die Patienten binnen weniger Tage wieder sehen können. Ang Lamus Schwager trägt sie mehrere Stunden, um sie zum Camp zu bringen. Als Dr. Ruit nach der Operation den Augenschutz abnimmt und sie fragt, was sie denn sehe, sagt Ang Lamu verschmitzt: „Du bist dick!“ Großes, befreiendes Gelächter in der Runde der Patienten und Ärzte. „Ich bin wie aus einem tiefen Schlaf erwacht.“

Wenn der Beistand kommt, den ich euch vom Vater senden werde, dann wird er Zeugnis für mich ablegen.

Joh 15, 26

Bedürftige operiert Dr. Ruit gratis. Als er ein Augenheilzentrum eröffnete, um die von ihm mitentwickelte Operationsmethode mit kleinem Einschnitt anzuwenden, gab es zunächst Skepsis und Widerstand. Ruit musste gleichsam im Untergrund operieren. Heute hat Ruit selbst über hunderttausend Menschen von der Blindheit geheilt, doch setzt er noch mehr auf seine Schüler. Er trainiert eine kleine Armee von Augenärzten aus Ländern wie Äthiopien, Indonesien oder Nordkorea. Doch sind es nicht die Zahlen, die Dr. Ruit letztlich Glaubwürdigkeit verleihen, sondern – wie die Dokumentation des Fernsehsenders al-Jazeera „The gift of sight“ eindrücklich zeigt – das befreite Lachen seiner Patienten. Wer in seiner Glaubwürdigkeit angezweifelt wird, braucht eine Art „Geist der Wahrheit“, eine untrügliche Atmosphäre des Guten, die von seiner Wirkung ausgeht. Was an Gutem in einem Menschen steckt, zeigt sich in der Heilung und im beglückten Lächeln anderer.

Was inspiriert Dr. Ruit zu seiner unermüdlichen Arbeit? Als Jugendlicher sah er seine Schwester an Tuberkulose sterben – ein Einschnitt im Leben, der ihn motivierte, Arzt zu werden. Zudem arbeitet Ruit mit dem tibetisch-buddhistischen Pullahari-Kloster zusammen, dessen spiritueller Lehrer Jamgon Kongtrul III. sich stark für die Bedürfnisse der Armen eingesetzt hat. Wenn ich Dr. Ruits Arbeit sehe, möchte ich am liebsten Augenarzt werden. Aber freilich muss ich meine Ziele in meinem Beruf und an meinem Platz im Leben suchen. Wessen Lächeln kann mir Glaubwürdigkeit verleihen? Für wen wird meine Ausstrahlung Zeugnis ablegen?

Bimail steht für Bibelmail, ein wöchentliches Rundschreiben des Teams um Pater Georg Sporschill, adressiert an Führungskräfte. Darin werden Lehren aus der Bibel auf das Leben von heute umgelegt.

debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2014)

Kommentar zu Artikel:

Von der Gabe des Sehens

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen