Von der Macht des Verschwiegenen

Warten auf die Befreiung: Es braucht den richtigen Zeitpunkt dafür und einen heilsamen Geist.

„Tante Meri ist im Grunde genommen eine liebe Person gewesen.“ So beginnt der Ferdl nachzudenken. Und mit diesem recht harmlos klingenden Satz hat die junge österreichische Autorin Theodora Bauer ihre Leser auch schon eingeladen, den Ferdinand auf seiner Entdeckungsreise zum wirklichen Grund der Dinge zu begleiten.
Obwohl sich diese Reise in einem wenig ereignisreichen burgenländischen Dorf abspielt und in Ferdls zwar regem, aber irgendwie unerklärlich gedämpftem, verhaltenem Geist, wird sie bis ins ferne Argentinien führen, in die Untiefen der österreichischen Geschichte und – vor allem – auf den Grund von Ferdinands vernebelter Verklemmung.
„Er hat sehr viel Energie darauf verwendet, nicht daran zu denken, und trotzdem sind das Vorkommnis und seine Folgen wie eine Ölschliere auf seinem Bewusstsein dahingeschwommen, andauernd, wie eine Chemikalie, die man da besser nicht hineingegeben hätte und die nun ihre Kreise zieht in einer Pfütze, die sich ganz und gar nicht über diese Kreise freut.“
So sehr er sich auch wehrt, der Lauf der Dinge und seine intelligente Veranlagung führen den Ferdl in einer unaufhaltsamen Dynamik auf den Grund der Pfütze und zu einem Akt der Befreiung. Wer Lust hat, eine scharfsinnige Reflexion über die Psychologie österreichischer Verdrängung zu lesen, dem sei Theodora Bauers Erstlingswerk „Das Fell der Tante Meri“ wärmstens empfohlen.
„Das sind natürlich alles Sachen gewesen, die fallen einem als Kind in dieser Form nicht auf“, denkt Ferdinand, als ihm viele Dinge aufzufallen beginnen. Jedes Leben ist von Charakteren der Kindheit geprägt, von Hintergrundgeschichten, die nicht erzählt wurden, weil sie nichts für Kinder sind; von Verletzungen und Traumata, die meist im Schweigen begraben bleiben. Es gibt viele Gründe, von diesen schweren Dingen lieber nicht zu sprechen.
Aber auch die verschwiegenen Geschichten haben ihre Macht. Sie durchdringen die Atmosphäre des Alltags, die Aggression in Konflikten, manches Mal ein unerfindliches Ausbrechen von Emotion. „Der Ferdl hat gelitten, wie man nur in der Jugend leiden kann . . . Der Ferdl hat wortlos mit den Tränen gerungen, die kleine Löcher in sein Schlagobers gegraben haben.“
Die verschwiegenen Geschichten zu erahnen kann Angst machen. Sie zu entdecken und mit ihnen zu ringen kann aber auch befreien.

Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen.

Johannes 16,12

Der Wirklichkeit des Lebens in die Augen zu schauen, ist vielleicht die größte Herausforderung überhaupt. So wie Sigmund Freud eine intensive Analyse nur reifen Menschen zumutete, empfahl auch Ignatius von Loyola die 40-tägigen Exerzitien nur Personen in einem gesunden Seelenzustand.
Jesus verspricht seinen Schülern einen Geist der Wahrheit, in dem sie einmal Dinge verstehen werden, die sie jetzt noch nicht ertragen würden. Jeder junge Mensch ist in schwere Geschichten verwoben, die auf Befreiung warten. Es braucht den richtigen Zeitpunkt dafür und einen heilsamen Geist.

Bimail steht für Bibelmail, ein wöchentliches Rundschreiben des Teams um Pater Georg Sporschill, adressiert an Führungskräfte. Darin werden Lehren aus der Bibel auf das Leben von heute umgelegt.

debatte@diepresse.com

 

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