BIMAIL: Von Gotteskindschaft und Menschheitsethik

Wer heute an Gott glaubt, ist auch dazu aufgefordert, sich für den Frieden in der Welt einzusetzen.

Du bist funkelnd, schön und stark, die Liebe zu dir ist groß und gewaltig; deine Strahlen, sie berühren jedes Gesicht, deine strahlende Haut belebt die Herzen.“ So besingt ein Hymnus den Sonnengott Aton, die erste monotheistische Gottheit der Geschichte der Religionen im 14. Jahrhundert vor Christus. „Alle lebenden Pflanzen, die auf dem Erdboden wachsen, gedeihen bei deinem Aufgang; sie sind trunken von deinem Angesicht. Alles Wild tanzt auf seinen Füßen, die Vögel, die in den Nestern waren, fliegen auf vor Freude!“

Pharao Amenophis IV. hatte die Darstellungen traditioneller Götter Ägyptens zerhacken, ihre Tempel schließen lassen und sich selbst zu Ehren seines Gottes Echnaton genannt. Seine geistreiche Religion und Kunst hatten freilich auch ihre politische Seite.

Obwohl alle Geschöpfe aus Atons lebendigem Strahlenstrom geschaffen sind, ist der einzige Mensch, der direkt mit Aton in Beziehung tritt, der Pharao selbst: „Ich bin dein Sohn, der dir wohlgefällig ist, der deinen Namen erhebt; deine Kraft und Stärke sind fest in meinem Herzen.“ Die Gottessohnschaft des Pharaos begründet seine uneingeschränkte Herrschaft. Die mächtige Priester- und Beamtenschaft der alten Götter hatte er mitsamt den Tempeln abgeschafft, neue, systemkonforme Leute eingeführt.

Dass Echnatons Monotheismus direkten Einfluss auf die biblische Religion hatte, wie es Sigmund Freud in „Der Mann Moses und die monotheistische Religion“ fantasievoll rekonstruiert hat, ist eher unwahrscheinlich. Nach Echnatons Tod war seine Religion sogleich wieder verdrängt worden. Der biblische Monotheismus entstand erst einige Jahrhunderte später. Dennoch werden viele biblische Motive vor diesem Hintergrund erst verständlich.

„Ich selbst habe meinen König eingesetzt auf Zion, meinem heiligen Berg. Mein Sohn bist du. Heute habe ich dich gezeugt“, sagt Gott im zweiten Psalm über Israels König, und das Neue Testament wendet diese Stelle auf Jesus an.

Der historische Jesus jedoch ist – als „Jude am Rande“, wie John P. Meier ihn charakterisiert– geradezu ein Anti-Pharao: ein einfacher Mann vom Land, der in Konflikt mit Autoritäten gerät. Auch wenn Jesus von seinen Schülern bald als Gottessohn angesehen wird, bleibt es seine Lehre, Gott als „unseren Vater“ anzurufen. Die Demokratisierung der Gotteskindschaft hat spätestens im Christentum den Horizont gewonnen, der sich der Menschheit insgesamt geöffnet hat.

Während die Praxis politischer Demokratie in Griechenland geboren wurde, stammt der aufklärerische Gedanke von der Gleichheit aller Menschen also letztlich aus dem biblischen Israel. Hatte Aristoteles die Unterscheidung von Freien und Sklaven als naturgegeben erklärt, half erst das „Vater unser“, der Idee der gleichen Würde aller Menschen die Bahn zu brechen. Der Glaube an einen einzigen Schöpfergott kann, rational betrachtet, nur zu einer Menschheitsethik mit einer globalen Friedensperspektive führen. Wer heute an Gott glaubt, ist herausgefordert, sich für Frieden einzusetzen.

Bimail steht für Bibelmail, ein wöchentliches Rundschreiben des Teams um Pater Georg Sporschill, adressiert an Führungskräfte. Darin werden Lehren aus der Bibel auf das Leben von heute umgelegt.

debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.11.2014)

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