Qumran und die Kinder des Lichts

Zum Ursprung der Qumran-Sekte und des Christentums im Wüstenwort des Propheten Jesaja.

Die Ruinen Qumrans überblicken die ölige Salzsuppe des Toten Meeres, hinter dem sich nach Osten hin die Gebirge Jordaniens erheben. Nach Westen zu erheben sich hunderte Meter felsiger Klippen, immer wieder von Schluchten zerfurcht, die in die judäische Wüste führen, Richtung Jerusalem.

Von Jerusalem her hatten die Qumran-Leute Zuflucht an diesen tiefsten Ort der Erde genommen, 400 Meter unterhalb des Meeresspiegels, dessen Ruhe von wenigen Nomaden und Reisenden durchbrochen wurde; treue Mitbewohner waren nur Steinböcke und Gazellen. Ihren Auszug in die Wüste begründete die Qumran-Gemeinschaft mit einem Wort des Propheten Jesaja: „Eine Stimme ruft: In der Wüste bahnt einen Weg für Gott!“

Der Alltag in Qumran war von strengen religiösen Regeln geprägt, nicht unähnlich einem Wüstenkloster: Arbeit und religiöse Übungen, strenges Studium des mosaischen Gesetzes; Nachtwachen; Reinigungsrituale und exaktes Einhalten festgesetzter Zeiten. Treue, gütige Demut und Gerechtigkeitssinn waren Grundwerte der Gemeinschaft. In ihr waren die Kinder des Lichts vereint, während sonst die Kinder der Finsternis von den dunklen Mächten Belials regiert wurden.

Erst in einem großen Kampf der Endzeit würden die göttlichen Mächte mit den Kindern des Lichts die Mächte der Finsternis besiegen. Die römische Besatzungsmacht war von solchen Gedanken unbeeindruckt, aber umso genervter von der Sturheit der jüdischen Splittergruppen, die um ihres eigenbrödlerischen religiösen Wahns willen die Machtinteressen des Reichs an der Ostfront unterminierten. Man machte ihnen unter Titus endgültig den Garaus.

Solange ich bei ihnen war, bewahrte ich sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast.

Joh 17,12

Mit der Zerstörung des Jerusalemer Tempels war ihrem ach so mächtigen Gott eine deftige Lektion erteilt. Sicherheitshalber räucherte man aber auch ihre Wüstennester aus; nicht nur Festungen wie Massada, sondern auch am Weg liegende, kleinere Ansiedlungen von Extremisten wie Qumran.

Bei ihrer Flucht hinterließen die Qumranleute ihre größten Schätze, ihre Schriften, in den umliegenden Höhlen, die uns jetzt, nach zwei Jahrtausenden, einen faszinierenden Blick in ihre Welt erlauben. Die kleine jüdische Sekte ist zu weltgeschichtlicher Bedeutung aufgestiegen, weil sie uns hilft, die historischen Ursprünge einer anderen jüdischen Sekte zu verstehen: das Christentum, das zwei Jahrtausende Geschichte der Menschheit mitgeprägt hat.

Auch das Christentum begann mit einem jüdischen Prediger, der sich auf Jesajas Wüstenwort berief: Johannes der Täufer. Wie die Qumran-Sekte oder auch die Pharisäer rangen auch die ersten Christen darum, was es bedeutete, dem göttlichen Namen der Offenbarung des Mose treu zu sein.

Anders als Qumrans Kinder des Lichts verstand jedoch Jesus seine Schüler als Licht der Welt, dessen Wirkung wie eine Stadt auf dem Berge nicht verborgen bleiben sollte.

Bimail steht für Bibelmail, ein wöchentliches Rundschreiben des Teams um Pater Georg Sporschill, adressiert an Führungskräfte. Darin werden Lehren aus der Bibel auf das Leben von heute umgelegt.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2015)

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