Von jenseitiger Schönheit

Warum es uns unwiderstehlich in die Berge zieht: Das Leben rückt in ein neues Licht.

Sie sind nicht von der Welt, wie
auch ich nicht
von der Welt bin.
Joh 17,16

„Jetzt bin ich in meinem Element“, sagte er, als wir durch die Schneerinne aufstiegen und unsere Begeisterung über Fels, Schnee und Himmel nicht zurückhalten konnten. Den ganzen Tag schon hatte ich ihn bewundert, wie gelöst und frei er von seinem Leben sprach, obwohl er mit seinen siebzig Jahren noch verantwortungsvolle Aufgaben wahrzunehmen hatte. Konflikte verschwieg er nicht, kommentierte sie jedoch scherzhaft: „Das halt' ich aber ganz leicht aus!“ Wie ein junger Bursch freute er sich über die Pracht der Bergblumen. „Wirst sehn, es ist nimmer weit“, sagte er im oberen Teil der Rinne.

Bald blieben wir stehen, um die weitere Route in den Blick zu nehmen. Da rutschte er unversehens aus und fiel, rutschte durch die Rinne ab, fand im Schnee keinen Halt, überschlug sich, stürzte über Felsen, hunderte Meter, seinem Tod entgegen.

Wenn du einen Menschen fallen siehst, dachte ich nach dem Begräbnis, als die Bilder wieder auftauchten, da reißt es dir ein Loch in die Seele, in dem er weiter fällt und fällt. Und du möchtest deine Arme ausbreiten, um ihn aufzufangen, doch da ist nur Tiefe. Jede Aufmerksamkeit und Aufmunterung, jedes gute Wort von Freunden ist wertvoll in der Zeit danach. Doch das Einzige, was wirklich tröstet, sind jene unendlich weiten Arme, in die er, meinem tiefsten Empfinden nach, zuletzt gefallen ist.

All diese Gedanken und Bilder kommen mir erneut, als ich einige Wochen später auf dem Gipfel meines Heimatberges sitze und zwischen den Wolken abendliches Sonnenlicht in Strahlenbündeln zunächst durchs Tal, dann wieder über die Gipfel streift. Ich erinnere mich, solches von gelbem Licht getränktes Spiel von Grünschattierungen in von Lärchen und Zirben durchwachsenen Almwiesen schon öfter gesehen zu haben, und doch scheint es mir unwirklich, geradezu unmöglich, dass es eine solche Farbenpracht auf dieser Erde geben kann.

Und erneut wird mir deutlich, warum es uns unwiderstehlich in die Berge zieht. Wir begegnen in ihnen einer jenseitigen Schönheit, nicht von dieser Welt. Einer Schönheit, die das Leben in ein neues Licht rückt, von der man sich Verwandlung erhofft, gleich den biblischen Bergsteigern: Mose, dessen Angesicht, vom Berg kommend, ausstrahlt, oder Jesus, dessen Gewand sich am Berg in gleißendes Licht verwandelt.

Ähnlich wie das Tal im Schatten liegt, während Lichtkegel darüberstreifen, belasten die Härten des Todes und Fragen von Verantwortung das Gemüt, während friedvolle Stimmungen und warme Farben aus einer anderen Welt über die Seelenlandschaft ziehen. Wenn ich selbst einmal sterbe, möchte ich so fröhlich und dem Leben gegenüber so gelassen sein wie mein Kamerad an seinem letzten Tag.
Ihm gelten nun die Worte eines italienischen Bergsteigerliedes. „Gott des Himmels, Herr der Gipfel, einen unserer Freunde hast du von den Bergen erbeten. Doch wir bitten Dich, wir bitten Dich: Su nel paradiso lascialo andare per le Tue montagne.“ Oben im Paradies, lass ihn wandern durch Deine Berge.

Bimail steht für Bibelmail, ein wöchentliches Rundschreiben des Teams um Pater Georg Sporschill, adressiert an Führungskräfte. Darin werden Lehren aus der Bibel auf das Leben von heute umgelegt. debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.08.2015)

Kommentar zu Artikel:

Von jenseitiger Schönheit

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen