Bimail

Verbesserungen, die dem Frieden dienen

Friedensarbeit beginnt damit, den Gegner zu identifizieren, nicht, die Falschen zu bekämpfen.

Am Abend versammelten sich die Schüler Jesu, nachdem sie von einer Frau gehört hatten, ihr sei der Gekreuzigte erschienen. Sie hatten zwar das leere Grab gesehen, die Frau aber hatte ihn angeblich selbst zu Gesicht bekommen. Jesus sei auf sie zugegangen und habe sie mit ihrem Namen angesprochen.

Interessant ist die Bemerkung im Evangelium, dass bei diesem Zusammentreffen die Türen verschlossen waren. Auch der Grund dafür wird angegeben: Aus der Furcht vor den Juden, sagt die Bibel in deutscher Sprache. Im griechischen Urtext steht hier ein Genitiv, wörtlich müsste die Übersetzung also lauten: „. . .aus Furcht der Juden“. Damit kommt die Bedrohung von einer ganz anderen Seite. Nicht von den Juden, sondern – von wem?

Der tatsächliche Feind war damals die römische Besatzungsmacht, der gegenüber die jüdischen Bibelschulen zusammenrückten – aus Angst vor der realen Gefahr, die das ganze jüdische Volk damals bedrohte. Schließlich zerstörten die Römer im Jahr 70 Jerusalem. Der prächtige Tempel, den Herodes für die Juden erbaut hatte, ging in Flammen auf. Unsere Übersetzung aber macht nicht die politischen Machthaber, sondern die unterdrückten Juden zum Feind der Schüler Jesu, ebenso an zwei anderen Stellen im Johannesevangelium.

Die wörtliche Übersetzung des Genitiv – aus Furcht der Juden – ergibt Sinn, während sich in der übertragenen Übersetzung – aus Furcht vor den Juden – ein Feindbild verbirgt. Warum sollten die Schüler Jesu damals vor den Juden Angst haben, da sie doch selbst Juden waren und eine der vielen Schülergruppen eines Meisters bildeten? So wie es auch heute viele Bibelschulen, Jeschiwot, in Jerusalem gibt, die untereinander konkurrieren, um Gott zu suchen und der Welt den Frieden zu bringen.

Jesus tritt in die Mitte seiner Schüler, um sie auf den Friedensweg zu führen. Der Friedensdienst an der Welt soll zu ihrer Aufgabe werden. Der erste Schritt wird sein, ungerechte Feindbilder zu entlarven. Denn wenn wir Menschen zu Sündenböcken machen, wird es nicht zum Frieden kommen, sondern zur Diskriminierung im Namen der Religion. Das aber pervertiert den Friedensauftrag Jesu und einer jeden Religion.

Was hier als Übersetzungsvariante eines griechischen Genitivs harmlos erscheint, hatte quer durch die Kirchengeschichte bis hin zur Shoah schreckliche Konsequenzen.

Franz Kardinal König bekannte dazu, der religiöse Antisemitismus sei die tiefste Wurzel der politischen Katastrophe. Die neue deutsche Bibelausgabe wird hoffentlich noch viele weitere Verbesserungen erleben, die dem Frieden dienen.

Für mich stellt sich in der Sozialarbeit oder in einer Familie die Frage: Wem tun wir Unrecht durch Diskriminierung? An wen als Sündenbock haben wir uns schon gewöhnt, weil er sich nicht wehren kann oder weil wir es anderen nachreden?

Bimail steht für Bibelmail, ein wöchentliches Rundschreiben des Teams um Pater Georg Sporschill, adressiert an Führungskräfte. Darin werden Lehren aus der Bibel auf das Leben von heute umgelegt.

debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.10.2017)

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