Hier verhöhnt ein Traditionalist tätowierte Mittelschichtler

Das sibirische Prinzip, dass man Tätowierungen langsam erleiden muss, ist nichts für die Tattoo-Liebhaber Europas.

Es spricht erneut das dumpfe Vorurteil aus mir, wenn ich mit Blick auf sommerliche Liegewiesen feststelle, dass es früher besser war. Wenn man früher einen Tätowierten sah, dann konnte man sichergehen, dass es sich um einen Zuchthäusler, einen Zirkusarbeiter oder einen randständigen Rocker handeln musste. Jetzt ist auch die europäische Mittelschicht tätowiert.

Ich habe große Achtung vor der Tradition des Tätowierens. Viele koptische Männer haben ein Kreuz auf die Hand tätowiert und gehen dafür, wenn sie von Islamisten gekidnappt werden, in den Tod. Mich hat besonders der Roman eines transnistrisch-italienischen Tätowierers beeinflusst. „Sibirische Erziehung“ handelt vom frommen Kriminellen-Clan der Urki, die sich besondere Erlebnisse wie ein Tagebuch eintätowieren ließen. Junge Männer durften nur an Händen und Füßen tätowiert sein, „in Sibirien werden Rücken und Brust erst tätowiert, wenn der Kriminelle in seinen Vierzigern oder Fünfzigern ist“. Nur die Urki selbst vermochten die komplexen Codes und Unterschriften zu entschlüsseln, so konnten sie aus einem Gesicht herauslesen, dass der Betreffende zum Tode verurteilt und im letzten Augenblick begnadigt worden war. Und: „Sich die Tätowierung eines anderen zuzulegen, ist in der sibirischen Tradition ein todeswürdiges Vergehen.“

Das sibirische Prinzip, dass man Tätowierungen langsam und über das ganze Leben gestreckt erleiden muss, ist nichts für die jungen Tattoo-Liebhaber Europas. Sie haben nichts erlebt, wollen aber alles, und das sofort. Ihr hedonistischer Individualismus ist die perfekte Affirmation des Wirtschaftssystems, das dank in lebenslanger Infantilität gehaltener Konsumenten so gut funktioniert.

Man könnte zugestehen, dass das bisschen Schmerz beim Tätowieren eine Tangente zur christlichen Lehre vom Sinn des Leidens schlage und dass die Zelebrierung des Körpers als Kultort von atavistisch-religiösen Sehnsüchten künde. Die gelehrten Reden vergehen einem aber, wenn man sich anschaut, was diese Mittelschichtler auf der Haut tragen: Es erzählt zu achtzig Prozent nichts, niente, nitschewo. Triviale Sinnsprüche auf Englisch oder in asiatischen Schriftzeichen, und ansonsten sich bis an den Hals hinaufschlängelnde Arschgeweihe. Mein liebster Philosoph ahnte schon vor Jahrzehnten: „Die Idee der freien Entfaltung der Persönlichkeit scheint ausgezeichnet, solange man nicht auf Individuen stößt, deren Persönlichkeit sich frei entfaltet hat.“

Vor tätowierten Zuchthäuslern habe ich die höchste Achtung. Ich blättere gern in „Cristo Dentro“, einem Fotoband über christliche Tattoos in italienischen Gefängnissen, zu dem Papst Franziskus ein Vorwort ins Telefon diktiert hat. Ein Spruch kommt mehrmals vor, auf Italienisch, Englisch und Rumänisch: „Nur Gott kann mich richten.“ Einige Tattoos sind berückend schön: Ein Kreuz auf einem Rücken, rechts und links von einem Engelchen angebetet. Die Hände eines Inhaftierten, der den Rosenkranz betet, daneben der Name seiner Frau. Das dornengekrönte Haupt Christi, aus der Brustbehaarung herauswachsend. Eine gotische Madonna mit gesenktem Blick, eingearbeitet in einen geschorenen Hinterkopf.

Was unsere Mittelschichtler angeht, wage ich hingegen vorauszusagen, dass sie ihre peinlichen Tattoos spätestens um das Jahr 2040 herum wegmachen lassen. Ihre abgeschabte, versiegelte, mumifiziert schimmernde Haut wird dann ein stummes Zeugnis ablegen für den Individualismus unserer Zeit.

Martin Leidenfrost, Autor und Europareporter, lebt und arbeitet mit Familie im Burgenland.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2018)

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