Versöhnt nur noch der HEURIGE das gespaltene Land?

In einer tief gespaltenen Gesellschaft sind der Heurige und die Buschenschank Oasen beiläufiger Versöhnung.

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Als Österreicher, der in Berlin und Kiew, in Brüssel und Chişinău, am längsten aber in der Slowakei gelebt hat, bin ich notgedrungen ein Spezialist für österreichische Besonderheiten geworden. Die schönste Besonderheit, das sind für mich der Heurige und die Buschenschank. Nicht erst seit ich im Burgenland lebe, zerre ich Nichtösterreicher in Buschenschanken, denn wer nie in einer versumpert ist, kann das Prinzip nicht verstehen. Da es das in kaum einem anderen Land gibt, gibt es auch den Begriff in anderen Sprachen nicht. Der Heurige ist unübersetzbar.

In den Kleinen Karpaten wurden seinerzeit Heurige betrieben, darum gibt es im Slowakischen das Wort „viecha“. Vorstellung knüpft sich aber keine mehr daran, der Sozialismus hat die Tradition gekappt. Das typische slowakische Weingut ist aus einer Kolchose hervorgegangen, leidet unter abgebrochener Erbfolge und bewirtschaftet Hunderte Hektar. Mancher Spitzenwinzer, der in Paris Preise gewinnt, besitzt keinen einzigen Rebstock.

Man muss lang ausholen, um zu erklären, dass der österreichische Weinbau das blanke Gegenteil darstellt: Auch renommierte Winzer haben oft nur fünf Hektar und machen Wein in der siebten Generation. Dort kommt die Buschenschank her.

Für den Wiener Heurigen muss man keine Werbung machen. Nur einmal machte ich die große Kahlenbergtour, für einen polnischen Freund, dem ich so für die Beendigung der Türkenbelagerung durch Jan Sobieski dankte. Das Gesunde (Wanderung) verband sich harmonisch mit dem Angenehmen (Jause) und dem Erhebenden (Befreiung 1683).

Die ländliche Buschenschank hingegen bedarf der Unterstützung, es gibt schon viel zu wenige. In einem Keller oder einer Laube sitzend, ist sie ein Rückzugsort. Sie hat flache Hierarchien, man wird schnell geduzt, und sie ist billig, das fördert die soziale Durchmischung. Weindi, Schnapserl, Heurigenplatte – allein schon die Speisekarte der Buschenschank ist ein stummer Aufschrei gegen eine von Allergenverordnungskürzeln verunstaltete Welt.

Da ist noch etwas anderes. Seit ich wieder hier lebe, erfahre ich Österreich gar nicht als so gemütlich, wie ich es Fremden beschrieben habe. In den zwölf Jahren meiner Abwesenheit hat sich der Wertewandel beschleunigt, der Diskurs ist unduldsam geworden. Nachdem mich in der Slowakei die aufrechten Dissidenten der Untergrundkirche beeinflusst haben, ernte ich in Österreich mit katholischen und konservativen Positionen Hass. Wie Wahlen zeigen, ist Österreich eine politisch und kulturell tief gespaltene Gesellschaft, gespalten oft entlang der Trennlinie Großstadt/Land.

In dieser Spaltung sind der Heurige und die Buschenschank Oasen beiläufiger Versöhnung. Das ist Land in der Stadt und Stadt auf dem Lande. Ich kenne niemanden, der Buschenschanken nicht mag. Selbst erbarmungslose Digitalisierer, die gar nicht genug Roboter um sich haben können, habe ich schon in meiner liebsten Buschenschank gesehen. Dass ein Heurigenwirt einen Bestell-Flatscreen aufstellt, erscheint mir absolut unvorstellbar. Solang die Buschenschank lebt, ist Österreich nicht verloren.

Martin Leidenfrost, Autor und Europareporter, arbeitet und lebt mit Familie im Burgenland.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2018)

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