Deppen

Eine Studie im »British Medical Journal« zeigt nicht, dass Männer größere Idioten sind. Sondern dass wir etwas schon für Wissenschaft halten, nur weil es wissenschaftlich klingt.

Die Weihnachtsausgabe des angesehenen „British Medical Journal“ ist gern „silly“ – sie bringt Scherzartikel, die aber den formalen Kriterien wissenschaftlicher Arbeit entsprechen und daher von den Medien oft ernst genommen werden. Heuer haben drei Mediziner und ein Gymnasiast die Studie „The Darwin Awards: Sex Differences in Idiotic Behaviour“ publiziert. Der Darwin Award „ehrt“ seit den 1980er-Jahren Menschen – in der Regel posthum –, die sich auf besonders idiotische Weise aus dem Leben befördert und damit dem humanen Genpool einen Dienst erwiesen haben.

Die Studie im BMJ errechnet: Von den 318 Preisträgern sind 88,7 Prozent männlich, „and this sex difference is highly statistically significant (χ2=190.30; P<0.0001)“. Dieses Ergebnis bestätige die „Male Idiot Theory“ (MIT) und unterstütze die Hypothese, „dass Männer Idioten sind und Idioten dumme Dinge tun“. Die Medien haben das bereitwillig für bare Münze genommen. „Men really are more stupid than women, research shows“, titelte etwa der „Daily Telegraph“. Der Blog „Kritische Wissenschaft“ listet 28 renommierte deutschsprachige Medien auf, die sich anschlossen.

Manche fügen zwar an, die Artikel der Weihnachtsausgabe seien zwar skurril und witzig, aber dennoch durch den üblichen Peer-Review-Prozess gegangen – also von Fachkollegen beurteilt. Es seien mithin echte wissenschaftliche Arbeiten. Aber wissenschaftlich ist nur die äußere Form. Wenn man den Inhalt für wissenschaftlich hält, dann kann ich mit einer noch sensationelleren Studie aufwarten: 85,4 Prozent der Friedensnobelpreisträger sind Männer – Männer sind also friedlicher als Frauen!

Der Genderaspekt ist spannend: Larry Summers hat 2005 als Harvard-Präsident über den empirischen Befund sinniert, dass es unter naturwissenschaftlich Höchstbegabten (wie unter den Mindestbegabten) weniger Frauen als Männer gibt. Der dadurch ausgelöste empörte Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit hat mit zu seinem Sturz beigetragen. Eine Studienpersiflage, die sagt, dass unter den Deppen mehr Männer sind, wird aber mit Freude publiziert. Kein einziger Journalist hinterfragt die Methodik. Keiner geht der einzigen genannten Quelle für eine „Male Idiot Theory“ nach – dem Buch „Women Are from Venus, Men Are Idiots“ mit 75 Karikaturen des Zeichners John McPherson.

Hätte es eine Headline „Studie belegt: Frauen sind die größeren Idioten“ jemals in ein seriöses Medium geschafft? Bei Männern geht das locker. Ich halte das als Mann aus. Aber für die Wissenschaft und den Wissenschaftsjournalismus ist diese Schlagseite nicht gut.
Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.12.2014)

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