Franchisenehmer des Islamismus

War der Täter von Nizza kein Terrorist, sondern ein Amokläufer? Gut möglich, aber für den Kampf gegen Terror wäre das keine gute Nachricht.

Der „Kampf gegen den Terror“ ist ein Unwort. Der Terror ist kein Gegner, sondern eine Methode. Aber natürlich gibt es den Kampf gegen Terroristen, und der ist spätestens mit dem Attentat von Nizza in eine neue, noch schwierigere, weil noch asymmetrischere Phase getreten.

In der asymmetrischen Kriegsführung gegen Terroristen stehen nicht zwei Armeen einander gegenüber, sondern auf der einen Seite eine große Zahl von Sicherheitskräften, die rechtsstaatlich handeln müssen, und auf der anderen Seite wenige, verborgene Individuen, die nicht nur über die gefährlicheren Waffen verfügen, sondern auch tun können, was sie wollen. Wenn sie Selbstmordattentäter sind, haben sie nicht einmal die verkomplizierende Mühe eines Fluchtplans.

Sollte Mohammed Lahoualej-Bouhlel trotz später Bekennermeldung nicht von dem IS gesteuert, sondern ein Einzeltäter gewesen sein, wenn seine Tat also weniger ein klassischer Terrorakt, sondern erweiterter Selbstmord bzw. ein Amoklauf war, wäre das im Grunde eine schlechte Nachricht. Menschen, die so etwas tun, sehen ihr Leben als sinnlos an und wollen sich im Sterben an der Gesellschaft rächen. In der muslimischen Spielart sind sie sind oft selbst keine religiösen Fanatiker, aber anfällig für die Märtyrerpropaganda der Islamisten im Internet. Etwa auch für jene des IS, die beschreibt, wie man mit dem Auto Ungläubige niedermähen und so als Held vor Allah treten kann. Sie müssen nicht ausgerüstet und nicht ausgebildet werden. Es gibt keine konspirativen Treffen, keine verräterische E-Mail-Korrespondenz. Sie sind daher für Terrorfahnder unsichtbar. Sie sind die idealen nützlichen Idioten im islamistischen Kampf.

Denn auch wenn sie auf eigene Faust handeln, wirkt ihr Terror, verbreitet Unsicherheit und sät Ressentiments gegen den Islam, was der Mobilisierung weiterer Kämpfer dient. Und Suizide sind ansteckend. Weil man das weiß, berichten Medien auch nicht über die normale Selbsttötung. Aber über Nizza müssen sie berichten, und die Spirale dreht sich weiter. Gut möglich, dass die Wahnsinnstat in Graz im Vorjahr den Tunesier aus Nizza inspiriert hat. Der Kampf gegen diese Art von Terror ist so asymmetrisch, dass er mit polizeilichen Mitteln nicht geführt, geschweige denn gewonnen werden kann. Was bleibt, sind der Kampf gegen die Aufstachler in ihren Terrorzentralen – und eine ruhige Hand im Inneren, damit die Spirale sich nicht zu schnell dreht. Aber letztlich werden wir, zumindest für einige Zeit, einfach mit dem Terror der spontanen Franchisenehmer des Islamismus leben müssen.

Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

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(Print-Ausgabe, 17.07.2016)

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