Noch eine Trump-These

Vielleicht hat The Trump nicht trotz, sondern auch wegen seiner Ausrutscher die Wahl gewonnen. Als Champion einer bedrohten Kultur der „free speech“.

Dass die Prognosen für Donald Trump viel schlechter waren als sein Endergebnis, war keine Verschwörung der Meinungsforscher. Die wahrscheinlichste Erklärung ist, dass Trump-Wähler bei Umfragen ihre Präferenz in einem viel höheren Ausmaß verleugneten, als es sonst vorkommt.

Was bedeutet es, wenn sich so viele Menschen – weit über den üblichen Hang zur sozial erwünschten Antwort hinaus – sogar in einer anonymen Befragung scheuen zu sagen, was sie denken? Es dokumentiert jedenfalls ein in den USA mittlerweile verbreitetes Gefühl der Meinungsunfreiheit: Was der linksliberalen Ideologie – für die Hillary Clinton steht – nicht gefällt, kann ohne soziale Ächtung oder gar Jobverlust oder einer Ordnungsstrafe nicht mehr zum Ausdruck gebracht werden. Ich denke, Trump hat seine ostentativen Tabubrüche gezielt eingesetzt, um jene Menschen abzuholen, die unter diesem Konformitätsdruck leiden.

Das Beratungsinstitut Morning Consult hat schon recht früh im Wahlkampf herausgefunden, dass sogar deklarierte Republikaner sich in persönlich geführten Umfragen deutlich weniger als Trump-Wähler outen als in Onlinefragebögen (um sechs Prozentpunkte). Am größten ist die heimliche Trump-Truppe bei Menschen mit höherer Bildung (zehn Prozentpunkte). Ernst genommen haben das nur die Prognostiker der „L. A. Times“ und der University of South California – sie lagen als einzige richtig.

Meine These dazu ist: Jeder Mensch hat Vorurteile und seinen inneren Schweinehund. Aber wir arbeiten daran und sprechen nicht alles aus. Da sonst das Zusammenleben nicht mehr funktioniert und da unser Gewissen uns sagt, dass es gut ist, die Würde anderer zu achten. So werden wir dazu erzogen und erziehen uns selbst zum zivilisierten Reden. Aber nur, solange die Sprechtabus und -gebote im Herzen nachvollziehbar sind. Die sich in den USA gerade in akademischen Zirkeln ausbreitende Kultur der Political Correctness hat diese Grenze überschritten, auch wenn mir ein echter Sprechzwang außerhalb der Universitäten oft noch mehr gefürchtet als tatsächlich erlebt scheint.

Diese zu engen Fesseln der Rede hat Trump mit seiner rüpelhaften Rotzigkeit gesprengt und damit im Land der „free speech“ einen Nerv getroffen. Wer Fesseln sprengt, zieht aber nicht die Grenzen neu, sondern setzt alles frei – auch den inneren Schweinehund, den wirklichen Rassismus, die tatsächliche Menschenverachtung. Donald Trumps Taktik hat somit die Barbarei gefördert. Das Feld dazu aufbereitet haben aber all jene, die die Fesseln zu fest angezogen haben. So etwas geht nicht lang gut.


Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.11.2016)

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