Culture Clash

Kritisches Infotainment?

Über Barsche, deren Nachwuchs und die Armin Wolfs dieser Welt – und warum Wissenschaftlern eher geglaubt wird als Politikern.

Armin Wolf beim Interview mit Erwin Pröll
Armin Wolf beim Interview mit Erwin Pröll
Armin Wolf beim Interview mit Erwin Pröll – Screenshot: ORF

In der Debatte um die Schädlichkeit von Plastikmüll im Meer fand im Vorjahr eine Studie zweier schwedischer Forscher große Beachtung: Barschlarven würden durch Plastikpartikel so geschädigt, dass sie öfter Opfer von Raubfischen würden: „Jeder, der behauptet, Plastik im Meer sei kein Problem, muss unbedingt die Daten anschauen“, so einer der Autoren.

Auf Nachfrage waren aber die Daten gar nicht verfügbar. Der Computer sei gestohlen worden, entschuldigte man sich beim staatlichen Ethikgremium, das die Studie wegen zahlreicher Verdachtsmomente unter die Lupe nahm. Am Ende kam die Behörde zum vernichtenden Urteil: „wissenschaftlich unehrlich“. Das Magazin „Science“, das die Studie veröffentlicht hatte, musste sie nun zurückziehen. Was nicht heißt, dass Plastik unschädlich wäre. Aber dass man dieser einen Studie keinen Glauben schenken muss und die Karriere ihrer Autoren ein jähes Ende finden könnte. Die Wissenschaft ist in ihren Ergebnissen und in ihrer Anständigkeit einer starken Kontrolle unterworfen. Das ist ein Grund, warum Wissenschaftler zu den glaubwürdigsten Berufsgruppen gehören. Ganz im Gegenteil zu den Politikern, für die es keine Ethikkommission gibt, die fehlenden Anstand aufdeckt.

Womit wir bei der Debatte um Armin Wolfs Interviewstil sind und um das, was man hier „kritischen Journalismus“ nennt. Gerade Wolfs Interview mit Erwin Pröll ist ein Musterbeispiel dafür, wie TV-Journalisten die Funktion einer Politiker-Ethikkommission für sich beanspruchen – und daran scheitern.

Denn alles, was der Interviewstil Wolfs zu Tage fördern kann, ist der Charakter des Interviewten. Das ist schon etwas, aber bei Pröll nichts Neues. Der Erkenntnisgewinn des Interviews bei der eigentlichen Frage – Warum wurde die Öffentlichkeit nicht über Subventionen an Prölls Stiftung informiert und war das in Ordnung? – war hingegen exakt null. Der kritische Check, wie er im Wissenschaftsbetrieb institutionalisiert ist, ist anders: Er macht Fakten öffentlich, die jemand lieber verborgen gehalten hätte. Er bringt Interviewpartner dazu, relevante Informationen preiszugeben. Er liefert verlässliche Grundlagen für Werturteile. Und er ist aus dem Fernsehen weitgehend verschwunden, weil die Sachzwänge des TV-Infotainment dagegen stehen.

Die Armin Wolfs dieser Welt sind wichtig als Symbolfiguren: Sie trotzen öffentlich den Mächtigen. Dafür sind sie zu verteidigen, aber weniger wegen aufklärerischer Wirkung oder weil sie die Unanständigkeit von Politikern aufdecken könnten. Das findet längst in anderen Mediengattungen statt.

Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com

diepresse.com/cultureclash

 


[NIMIA]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.05.2017)

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