Im Greisenalter gelandet

Wann würden wir zwei Hosen einen Anzug nennen? Gedanken zur Ehe für alle und zu der unerheblich gewordenen Polarität von Mann und Frau.

Zwei Nachrichten vom letzten Wochenende: Erstmals hat ein Cousin der Queen einen anderen Mann geheiratet, und in den USA gaben sich zwei Eishockeystarspielerinnen das Jawort. Same-Sex-Marriage wird alltäglich. Trotzdem will es mir nicht gelingen, hier wirklich Ehen zu sehen. Das hat mit sexueller Orientierung nichts zu tun: Ich habe gelernt, dass jede echte Liebe groß und wertvoll ist.

Sondern es hat damit zu tun, dass die Ehe in jeder einzelnen Kultur der Menschheitsgeschichte vorkommt (die einzige Ausnahme scheint ein Völkchen in Yunnan zu sein), und zwar, trotz aller Unterschiede, immer als eine Sache von Mann und Frau. Selbst dort, wo in manchen Kulturen Heiraten zwischen Menschen desselben Geschlechts vorkamen, musste durchwegs einer der Partner die Rolle des anderen Geschlechts einnehmen. Die Ehe von Mann und Frau ist universell: Würden ein Etrusker und eine Chinesin der Ming-Dynastie und ein Inuit von heute sich über Ehe unterhalten, wüssten alle im Grunde, was gemeint ist.

Das ist kein Wunder. Die Polarität von Mann und Frau gehört zu den starken binären Spannungsfeldern, den Yins und Yangs, die unsere Welt ausmachen und ihr Struktur und Spannkraft und Zusammenhalt geben: Tag und Nacht, Klang und Stille, Land und Meer, . . . Mann und Frau sind auf eine Weise verschieden, die sie trennt und doch aufeinander verweist. Schon anatomisch sind sie wie zwei Puzzlestücke, die zusammengehören und ein sinnfälliges Ganzes ergeben, das seinen höchsten Ausdruck darin findet, dass daraus (und nur daraus) ein neuer Mensch entstehen kann. Frau und Mann sind wie Schloss und Schlüssel, die etwas aufschließen, das weit über sie selbst hinaus Bedeutung hat.

Jede Gesellschaft hat daher Eheregeln, die beide Geschlechter in ein Modell zusammenführen soll, das aus ihrem Spannungsfeld öffentlichen Nutzen zieht, die Zivilisation aufbaut und den Fortbestand sichert. Immer im Bewusstsein, dass die Ehe nicht von der Gesellschaft hervorgebracht, sondern der Menschheit eingeschrieben ist.

Zwei Hosen würden wir erst dann einen Anzug nennen, wenn uns der Begriff für das verloren gegangen ist, was eigentlich einen Anzug ausmacht. So anständig die Argumente dafür sind, den ursprünglichen Wesenskern der Ehe aufzulösen und die Geschlechterkombination als unerheblich zu erklären – dass wir überhaupt so etwas in Betracht ziehen, zeigt, dass wir keinen Begriff mehr von der fundamentalen Bedeutsamkeit der Polarität von Mann und Frau haben. Ob das ein Zeichen dafür ist, dass unsere Kultur in ihr Greisenalter eingetreten ist?


Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.09.2018)

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