Ein Jahr #MeToo

Es gilt, die Geilheit in die Schranken zu weisen, ohne den Eros zu töten. Was könnte zwischen einem zahnlosen Rechtsstaat und weiblicher Selbstjustiz dabei helfen?

Ich bin nicht sicher, ob ein Jahr #MeToo viel geändert hat. Die Debatte über den Umgang mit sexueller Belästigung ist ja wirklich nicht neu. Neu ist vielleicht das Gefühl des Ermächtigt-seins, mit dem heute manche Frauen einzelne Männer in der Öffentlichkeit bezichtigen, ohne sich um die früher üblichen Fragen nach Beweisen zu kümmern. So verstehe ich auch die wütenden Reaktionen auf das Urteil gegen Sigi Maurer: Die Politikerin muss ja jetzt genau dafür Strafe zahlen, was doch viele #MeToo-Frauen auch getan haben: Sie hat jemanden als „frauenverachtendes Arschloch“ geoutet, ohne beweisen zu können, dass das auch wirklich stimmt. Der Rechtsstaat hat gesiegt. Aber der Rechtsstaat bietet Frauen eben nur bruchstückhaft Schutz.

Das Hauptproblem sind dabei nicht Gesetzeslücken, sondern, dass Belästigungen meist unbeweisbar sind. Es ist für einen Rechtsstaat aber keine Option, die Beweislast umzukehren und künftig jeden zu bestrafen, der seine Unschuld nicht beweisen kann. Der Staat kann höchstens Lücken schließen. Das Po-Grapschen hat er 2016 zum Strafdelikt gemacht, jetzt vielleicht das Versenden einzelner obszöner Textnachrichten.

Doch nach Jahrzehnten immer strenger gefasster Strafbestimmungen und 50 Jahre nach der zweiten Welle des Feminismus, wird heute immer noch – und vielleicht mehr denn je – von Frauen ein Gefühl des Ausgeliefertseins artikuliert. Und mehr denn je scheint gesellschaftliche Ratlosigkeit zu herrschen über den richtigen Umgang mit der aggressiven Natur der männlichen Sexualität.

Ich verstehe, dass man diese Aggressivität gerne als Kultur- und Erziehungsprodukt verstehen und durch Auflösung männlicher Rollenbilder oder gar des angeblichen Konstrukts „Männlichkeit“ aus der Welt schaffen möchte. Aber Männer sind vor allem aufgrund ihrer Biologie Männer. Jeder 17-jährige Jüngling ist jedenfalls im Kopf ein Po-Grapscher – weil das Testosteron mit Macht in sein Leben greift und nicht wegen schlechter Vorbilder oder Klischees. Die können höchstens seinen Weg zum praktizierenden Grapscher bestärken.

Es ist die zivilisatorische Reife, die den Mann verträglich macht. Und Reifen heißt, Versuchungen durch Tugenden zu konterkarieren. Eine kraftvolle männliche Tugend wäre die Ritterlichkeit. Aber geschlechtsspezifische Rollenbilder sind heute nicht im gesellschaftlichen Repertoire, schon gar nicht, wenn man ihnen als Ergänzung das schwache Frauenzimmer zuschreibt. Aber wenn uns die ganze Debatte eines zeigt, dann doch das: Frauen sind nicht schwach, aber doch in besonderer Weise verletzlich.
Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com

www.diepresse.com/cultureclash

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2018)

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