Lockeres Fest

Sexspielzeug im Adventkalender, Muezzinrufe am Weihnachtsmarkt: Wer rückt zur Verteidigung unseres westlichen Brauchtums aus? Ich ganz sicher nicht.

Manchmal, wenn Journalisten mich als einen Sprecher der katholischen Kirche kontaktieren, sind sie enttäuscht von meiner unterentwickelten Entrüstungsbereitschaft. So auch, als man von mir wissen wollte, was die Kirche denn zum Adventkalender eines Erotik-Versandes mit 24 Sexspielzeugen sage. Naja, sagte ich, eigentlich nichts. Wir sind nicht der Hüter des Volksbrauchs. Und wir müssten den Menschen auch nicht extra sagen, dass das mit Advent nichts mehr zu tun hat. Das wüssten sie von allein.

Vielleicht bin ich da zu abgebrüht. Als frommes Kind wuchs ich mit Adventkalendern auf, die hinter den Türchen meist Hirten und andere zeigten, die zu dem für den 24. vorgesehenen Großtürchen zogen, hinter dem sich – nicht sehr überraschend – eine Krippenszene verbarg. Ich war verblüfft, als mir ein Schulkollege von seinem Adventkalender berichtete, der für jeden Tag ein Stück Schokolade enthielt, sonst nichts. Sogar mir als Volksschüler war die Absurdität klar: Wie soll eine Süßigkeitenspur sinnvoll zu Weihnachten hinführen? Seither habe ich gelernt, etwa dass es auch Kosmetik-, Gutschein-, Werkzeug- und Bier-Adventkalender gibt. Warum noch über Sex-Toys aufregen?

In Wikipedia steht, dass Adventkalender „heute in christlich geprägten Ländern zur Vorbereitung auf das Fest der Geburt Jesu Christi“ gehören. In anderen Ländern, etwa bei uns, scheinen sie bloß ein Countdown zur Bescherung oder ein vorgezogenes Geschenk in 24 Raten zu sein. Ganz Weihnachten ist ja eine Shopping-Saison geworden, die mit dem Black Friday beginnt, sich von da an mit Weihnachtsliedern, -keksen, -bäumen und – wohl um den materialistischen Unterton auszubalancieren – mit einer Überdosis Heimeligkeit und grün-roten Deko-Orgien bis zum 24. Dezember steigert, um dann abrupt abzubrechen, damit Platz für die Silvestervorbereitungen ist.

Es rührt mich fast, dass man trotzdem noch an die Kirche denkt, wenn man jemanden sucht, der dieses Brauchtum schützen soll. Nicht nur vor der Erotik, sondern auch vor dem Islam. Etwa in Linz, wo eine Kunstinstallation derzeit Alltagsklänge gemixt mit Muezzinrufen verbreitet. „In der Stillen Zeit!“, postet jemand im Internet: „Was hat das mit Advent zu tun?“ Nun, Weihnachten ist das Fest der Geburt Jesu, der zärtlichsten Zuwendung Gottes zum Menschengeschlecht, die je eine Religion gefeiert hat. Der Koran erzählt gleich zweimal, in den Suren 3 und 19, von Maria Verkündigung und Jesu Geburt. Genau genommen hat der Muezzin also mit dem echten Advent mehr zu tun als jeder Punschstand. Tja, was nun?

Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com

diepresse.com/cultureclash

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.12.2018)

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