Unsere Insel

Österreich wird wieder zur Insel erklärt. Zur Insel der Seligen. Diesmal nicht vom Papst, sondern einem Laien, Kanzler Kurz. Zu Recht?

Paul VI. wird in der kollektiven Erinnerung Österreichs und Deutschlands – dort nimmt man im Gegensatz zum Rest der Welt lehramtliche Aussagen besonders ernst – nur als „Pillen-Papst“ gesehen. Die erst im heurigen Herbst erfolgte Heiligsprechung ändert daran wenig. Das Leben ist ungerecht.

Dabei hat der Verkannte in Wahrheit Österreich so glücklich gemacht! Die apostolische, möglicherweise spontane Bemerkung, Österreich sei eine isola felice, eine glückliche Insel, mutierte sehr rasch sehr frei zur Insel der Seligen. Kanzler Sebastian Kurz wird nun keinen Originalitätspreis gewinnen, wenn er sich wie zuletzt bei der Ein-Jahres-Bilanz seines Kabinetts genau dieses Zitats bedient hat. Weit weniger bekannt, aber umso spannender ist übrigens, dass vor elf Jahren Nach-Nach-Nachfolger Benedikt XVI. beim Österreich-Besuch Paul VI. beziehungsweise der frei übersetzten Bemerkung widersprochen hat. Österreich sei natürlich keine Insel der Seligen, dekretierte er in der Wiener Hofburg vor Politikern und Diplomaten vom Bundespräsidenten abwärts mit heller Stimme – und natürlich Deutsch. Allfällige Übersetzungsungenauigkeiten sind ausgeschlossen.

Weshalb könnte aber Kanzler Kurz doch recht und Benedikt, eigentlich ausgezeichneter Kenner des Nachbarlands, geirrt haben? Wir nähern uns der Antwort bedächtig: Es begab sich in der zu Ende gegangenen ersten Adventwoche, dass ebenjener Regierungschef Wiens Kardinal Christoph Schönborn und andere Vertreter von Religionsgemeinschaften zum vorweihnachtlichen Empfang eingeladen hat. Derartige Treffen sind spätestens seit der Zeit Werner Faymanns zur – typisch österreichischen – Tradition geworden. Allzu häufig kommt Ähnliches international nicht vor.

Schlimmer, in mittlerweile über 50 Ländern werden Millionen Christen diskriminiert, in ihrer Religionsausübung bedrängt und eingeschränkt, sie werden verfolgt, ins Gefängnis gesteckt oder gar getötet. Am Montag wird ein um 17 Uhr bei der Wiener Staatsoper beginnender Lichtermarsch der Plattform Solidarität mit verfolgten Christen auf dieses weitgehend unbekannte (verdrängte?) Faktum aufmerksam machen.

In Österreich dagegen existiert, wie Kardinal Schönborn im Bundeskanzleramt angemerkt hat, nicht nur Religionsfriede, sondern ein Miteinander. Man darf das mit dem ambivalenten Zwischenruf Religion ist Privatsache kritisieren, selbstverständlich. Man darf aber auch erleichtert darüber sein, denn dieses Miteinander bezieht sich ja nicht, wie in der Ersten Republik verhängnisvoller geschehen, exklusiv auf eine Partei: Soeben haben Österreichs Bischöfe ihre Gesprächsrunden mit Parteienvertretern fortgesetzt. Die öffentlichkeitsscheue SPÖ-Vorsitzende Pamela Rendi-Wagner war erstmals Gast im Erzbischöflichen Palais. Also doch: isola felice.

dietmar.neuwirth@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.12.2018)

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