Missbrauchsfälle – eine Anklage

Wie sehr wurde durch die Welle an Missbrauchsfällen das Bild des guten Hirten verunstaltet!

Es gibt dieses beeindruckende Mosaik auf dem Sehnsuchtsweg von Österreich Richtung Süden, auf kurzem Weg Richtung Meer, nach Grado. In der Basilika von Aquileia findet sich eine der frühesten christlichen Darstellungen von Jesus. Er wird als der gute Hirte gezeigt, noch bartlos, was sich im Lauf der Kunstgeschichte bekanntlich ändern sollte. Das Bildnis auf dem Kirchenfußboden ist im Lauf der Jahrhunderte ein wenig verblasst. Aber es hat den Wirrnissen der Zeit standgehalten. Wie das Bild des Hirten für Bischöfe generell. Bis jetzt.

Angesichts der Welle – sie als unappetitlich zu bezeichnen, kommt fast schon einer Verharmlosung gleich – an Missbrauchsfällen, die sich über die katholische Kirche ergießt, stellt sich die Frage nach der Gleichsetzung von Hirte und Bischof neu. Zu viele Bischöfen kannten zu viele Priester, die zu Tätern geworden – und die fast immer verschont worden sind. Keine Anzeige, keine Auslieferung an die Justiz. Eine die Umstände verschweigende Versetzung des Klerikers an einen anderen Ort galt tatsächlich als Höchststrafe.

Natürlich stellt sich in einer so ausgeprägt zentralistisch aufgestellten Organisation die Frage nach der Verantwortung der Zentrale selbst, des Vatikans also. Auch dort wurde jahrzehnte-, wahrscheinlicher wohl jahrhundertelang eine Unkultur des Nicht-Wahrhaben-Wollens, manchmal war es vielleicht auch Nicht-Wahrhaben-Können, und des Vertuschens gelebt. Als gefährliches Substrat, das dieses Handeln ermöglicht hat, dient ein völlig überhöhtes Priester(selbst)bild. Aber, könnte eingewendet werden, es gab doch das Konzil! Mehr als ein halbes Jahrhundert nach dessen Ende hat ein Priester eine völlig andere Stellung! Ja, aber.

Aber: Ein gewisser Joseph Ratzinger hat im Auftrag von Johannes Paul II. mit einem Redaktionssekretär namens Christoph Schönborn Anfang der 1990er-Jahre einen für die katholische Kirche weltweit gültigen Katechismus erstellt. Einige Zitate daraus gefällig? „Christus selbst ist im kirchlichen Dienst des geweihten Priesters in seiner Kirche zugegen.“ „Die Kirche bringt dies zum Ausdruck, indem sie sagt, dass der Priester kraft des Weihesakraments in der Person Christi handelt.“ „Das Amtspriestertum kann die Kirche repräsentieren, weil es Christus repräsentiert.“ Derartige Zuschreibungen können Amtsträger schon einmal abheben und Schutzbefohlene sehr klein werden lassen.

Die deutschsprachige Ausgabe des Katechismus der Katholischen Kirche ziert ein kleines Bild. Es stammt von einem christlichen Grabstein römischer Katakomben, vermutlich aus dem dritten Jahrhundert, also ungefähr aus derselben Zeit, als das Mosaik 600 Kilometer nördlich in Aquileia entstand. Es zeigt den guten Hirten. Was ist nur daraus geworden aus dem Bild des Hirten? Ein Zerrbild!

dietmar.neuwirth@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.02.2019)

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