Schreckliche Vereinfachung

Das antiliberale Konzept des „Bevölkerungsaustauschs“ ist eine nähere Betrachtung wert. Es ist ebenso verführerisch wie mörderisch.

Nun, da also Heinz-Christian Strache auf dem Begriff „Bevölkerungsaustausch“ besteht, lohnt es sich, das Konzept dieses Namens näher anzuschauen. Als Urheber gilt der französische Schriftsteller Renaud Camus, der seit 2010 vom „Grand Remplacement“ spricht. Sein „Brief an die Europäer“ vom heurigen März erklärt das Konzept so: Die „Financiers und Multis“, die „Internationale der Technokraten“, die sich in Davos trifft, mithin die „Davokratie“, wollen eine Menschheit ohne Unterschiede erschaffen, in der alle austauschbar sind. Dazu bediene sie sich der Massenzuwanderung, um die alten Völker Europas durch ein Völkergemisch zu ersetzen. Es gebe aber nun die Chance, den „kulturellen Völkermord“ durch die Davokraten zu stoppen und eine „große Umkehr des großen Austauschs“ einzuleiten – die Remigration. Es habe ja keinen Sinn, eine Invasion bloß zu unterbrechen, es gelte, sich „des überschwemmten und kolonisierten Europa wieder zu bemächtigen und es zu befreien“, indem man „Afrika aus Europa entfernt“. Die europäischen Völker hätten „noch die Macht“, die Remigration „zu oktroyieren – und sie sogar human durchzuführen“.

Die Faszination dieser Ideologie ist evident. Sie macht als „terrible simplification“ die verstörende gesellschaftliche Veränderung unserer Zeit scheinbar durchschaubar und liefert einen klaren Feind: die immigrationsgeilen Austauschler. Der überfordernd komplexen, dynamischen Wirklichkeit wird eine simple Sicht von zwei statischen Zuständen entgegengesetzt, zwischen denen man wählen könne: Europa von den Remplacisten zerstört – oder das gereinigte, wiederhergestellte Europa unserer Vorväter. Diese Ideologie ist auch als „romanticisme terrible“ attraktiv: Sie ist eine „Botschaft der Befreiung“, die zu Heldentaten einlädt, die ein Böses skizziert, dem man Widerstand leisten kann wie einst die Résistance. Sie scheint sogar den Nationalismus überwunden zu haben; Camus möchte eine EU nach Schweizer Vorbild – mit Wien als Hauptstadt!

Die Idee einer human gemanagten Vertreibung ist freilich ein Widerspruch in sich, ein bloßer Platzhalter einer Remigration um jeden Preis. Zu diesem Keim eines neuen epochalen Mordens kommt die akute Gefährlichkeit der Résistance-Romantik, die jedem Narren suggeriert, ein Freiheitsheld zu sein, wenn er die Waffe gegen die davokratischen Fremdherrscher und ihre islamische Besatzungsarmee erhebt. Dass die FPÖ begrifflich die Nähe zu dieser Ideologie sucht, ist alarmierend. Alarmstufe Rot wird sein, wenn sie erst einmal von der Remigration zu reden beginnt.

Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com 

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2019)

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