Ein guter Satz von Niki Lauda

Der Wille, gut zu sein. Wie ein guter Satz von Niki Lauda mich darauf bringt, dass wir den Begriff der Anständigkeit voreilig auf dem Altar der sexuellen Revolution geopfert haben.

In den vergangenen Tagen habe ich mich nicht nur gewundert, was alles geht, wenn ein Bundespräsident freie Hand hat. Ich habe auch gestaunt, wie viel Verehrung und Teilnahme Niki Lauda immer noch auslösen konnte, 35 Jahre nach seinem letzten Weltmeistertitel. Dass er als Rennfahrer 7055,6 Kilometer lang in Führung lag – und wir mit ihm –, kann es allein nicht gewesen sein. In meiner Spurensuche bin ich in einem „Profil“-Interview von 2009 inmitten klassischer Lauda-Kaltschnäuzigkeit an einem Satz hängen geblieben. Lauda sagt da über seine beiden ältesten Söhne: „Das sind ehrliche, gerade und anständige Burschen geworden, die ich mir nicht besser wünschen könnte.“ Das sagt vielleicht nicht viel über den Nimbus „Lauda“. Aber mir gefiel die Sichtweise: Nicht von intelligent, attraktiv oder durchsetzungsstark war hier die Rede. Sondern von Ehrlichkeit, Gradlinigkeit und Anständigkeit.

Besonders „Anständigkeit“ ist ja so ein sperriger Begriff geworden. Dank Googles riesigem Schatz digitalisierter Bücher kann man ausheben, dass „Anständigkeit“ schon im 19. Jahrhundert immer seltener im gedruckten Wort vorkommt, bis der Begriff nach 1945 einen kurzen, steilen Aufschwung nimmt, um seit den 60er- und 70er-Jahren wieder auf alte Tiefststände zurückzufallen.

Auch vom Unanständigen hatte man in meiner Jugend einen klareren Begriff. Wer nennt heute noch Filme, Bücher oder Witze unanständig? Mein Deutschlehrer meinte einmal, dass es nur zwei Arten von Witzen gäbe: anständige und gute. Mein Sohn hat mich mehr beeindruckt, als er – um die 12 Jahre alt – feststellte: Manche Witze seien zwar lustig, aber nicht gut.

Dass der Begriff der Anständigkeit auf das Geschlechtsleben fokussiert war, hat ihm nicht gutgetan. So konnte ihn die 68er mit der sexuellen Revolution hinwegfegen und als gesellschaftlichen Basiswert durch die Toleranz ersetzen, die aber aufhört, eine Tugend zu sein, wenn man die Achtung vor dem Andersartigen vermengt mit der Weigerung, gutes von schlechtem Verhalten und guten vom bösen Willen unterscheiden zu wollen.

Anständigkeit hingegen ist der Wille, gut zu sein, und braucht daher einen klaren Begriff davon, was gut ist. Anständigkeit setzt nicht Äquidistanz voraus, sondern einen festen Standpunkt. Die Google-Wortstatistik zeigt, dass es nach der ethischen Korruption durch die Nazis ein neues Ringen um gemeinsame Antworten auf die Frage gab, was gut ist. Die letzten Reste des damaligen Anstands-Geists scheinen gerade zu verdunsten.
Ich hoffe, wir werden uns nicht zu sehr wundern, was dann alles geht.

Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

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