Fort- oder Rückschritt?

In den USA und in UK steht vor der Tür, dass man sein bürgerliches Geschlecht frei wählen kann. Widerstand kommt zunehmend von der Frauenbewegung.

Ich habe ein neues Wort gelernt: Terf. Trans-exclusionary radical feminist – also eine Feministin, der man vorwirft, transphob zu sein. Der Begriff stammt aus dem Jahr 2008, aber es braucht ja alles ein bisschen, bis es bei uns ankommt. Oder zumindest bei mir. Am Anfang waren es tatsächlich radikale Feministinnen, die beargwöhnten, dass Frauen zu Männern werden, also zum Feind überlaufen. Nun nehmen aber auch moderate Frauenrechtlerinnen zunehmend Anstoß daran, dass biologische Männer, die sich als Frauen deklarieren, in Frauenreservate eindringen, die zwecks Chancengleichheit oder zum Schutz der Intimsphäre oder zur Sicherheit errichtet wurden.

Da geht es etwa um Frauenhäuser, die z. B. in Kanada keine Förderung mehr bekommen, wenn sie nur biologische Frauen aufnehmen – obwohl es dort den Fall Christopher Hambrook gegeben hat, der als Transfrau Jessica im Women's Shelter Frauen bedrängt hat. Es geht genauso etwa um den Sport: Gegen biologische Männer bleiben im Allgemeinen die biologischen Frauen aufgrund ihrer Physis auf der Strecke. Im Schulsport in Connecticut etwa ist es ohne Vorbedingungen möglich, dass ein Bub als Mädchen an Wettbewerben teilnimmt. Seit 2017 haben dort zwei Schüler 15 Mädchen-Staatsmeistertitel errungen, die davor von zehn Schülerinnen gehalten worden waren.


In den USA läuft zurzeit ein Gerichtsverfahren, bei dem zur Debatte steht, ob das Verbot der Diskriminierung aufgrund des Geschlechts nicht auch beinhaltet, dass die selbst gewählte Gender-Identifikation jedes Einzelnen zwingend anzuerkennen ist. So dass die Selbstaussage „Ich bin eine Frau in einem Männerkörper“ einem das einklagbare Recht gibt, ein Frauenstipendium zu bekommen, in eine Frauenquote zu fallen oder auf einem Frauenparkplatz parken zu dürfen. Und in Großbritannien steht seit einem Jahr eine Reform des Gender Recognition Act an: Bisher konnte man sein neues Geschlecht nur nach ärztlichem Attest und ersten Behandlungsschritten staatlich anerkennen lassen. Künftig soll jede Vorbedingung wegfallen.

Ich kann verstehen, dass Menschen mit echten Geschlechteridentitätsproblemen sich danach sehnen, ohne Atteste und Behörden vor der Welt sein zu können, wer sie sein wollen. Ich kann aber auch den Widerstand einiger Trans-Aktivisten verstehen, die sagen, die Idee einer freien Geschlechtswahl verharmlose ihr Leiden am falschen Körper. Und wirklich gut verstehe ich die Frauenrechtlerinnen, die sich darum sorgen, was aus den Schutzräumen des Weiblichen wird, wenn der Begriff der Weiblichkeit beliebig geworden ist.

Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.09.2019)

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