Religiöser Überfall

31.03.2012 | 19:34 |  von Michael Prüller (Die Presse)

Sonntagsfreies Pölten. Wenn eine einminütige Karfreitagsstille im ORF ein religiöser Überfall ist, dann bitte auch keine Weihnachtslieder mehr im Öffentlich-Rechtlichen!

In Kärnten sind am Karfreitag öffentliche Veranstaltungen verboten, daher auch das an diesem Tag in Villach angesetzte Eishockey-Ländermatch. „Wieso müssen sich die KärntnerInnen an das Veranstaltungsverbot halten, auch wenn sie sich längst nicht mehr für das katholische Karfreitagsbrauchtum interessieren?“, fragt die "Initiative gegen Kirchenprivilegien". Na ja, weil es die gewählten Volksvertreter so in das Kärntner Veranstaltungsgesetz hineingeschrieben haben, und nicht im Mittelalter, sondern zuletzt gerade neulich, im Jahr 2010.

Ärger als die Kärntner treibt es noch der ORF. Nach der Lektüre des TV-Programms für Karwoche und Ostertage musste die "Initiative Religion ist Privatsache" beim ORF-Generalsekretär protestieren, weil sich da „eine Fülle an Programmpunkten“ findet, „die ein Bild der intensiven und überwiegend bejahenden Beschäftigung nicht nur mit dem Osterfest, sondern mit dem Christentum im Allgemeinen anmuten lässt“.

Und welches Bild sich hier „anmuten lässt“! In ORF2 befassen sich von Palm- bis Ostersonntag – ich hab's nachgerechnet – 8,4 Prozent der Sendungen mit religiöser Thematik! Nur ORF eins ist davon frei; hier gibt es sogar kritisch hinterfragende Beschäftigung mit dem Osterfest, und zwar in zwei Kasperltheater-Sendungen: „Warum bloß ist der Osterhas' so groß?“ am Karsamstag und „Oh Schreck, die Ostereier sind weg!“ am Tag darauf.

Aber der eigentliche Kummer der Privatsache-Religiösen ist der, wie sie schreiben, „Höhepunkt des Osterprogramms“: eine Gedenkminute am Karfreitag in ORF2 um 15.00 Uhr. Das ist nun tatsächlich kein Bildungsbeitrag, sondern wohl wirklich „religiös konnotiert“, wie die Initiative bekrittelt. Allerdings nehme ich nicht an, dass viele derer, die auf den anschließenden Hildegard-von-Bingen-Film warten, diese Schweigeminute als religiöse Vereinnahmung erleben. Die meisten werden sie wohl für eine technische Störung halten.

Ich habe jedenfalls weitere Missstände zu melden, wo Religion – oder ist es Tradition? – noch nicht Privatsache ist. Etwa all diese gesetzlich unterstützte, religiös konnotierte Entschleunigung rund um den Sonntag. Oder der von der öffentlichen Hand unterstützte Kitsch- und Kaufrausch zum Geburtsfest Christi, dessen Historizität ja nicht einmal feststeht. Oder dass das Jahresende immer noch nach Papst Silvester I. heißt. Streicht endlich das „Sankt“ vor Wolfgang, Pölten und Marx (da vor allem)! Und die Kirchenbauten sind längst aus den Hauptplätzen an die Peripherie zu transferieren, wo sie analog zur geschwundenen Bedeutung der Religion hingehören. Stephansdom nach Kaisermühlen!

Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

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