Mathematikmatura neu: unpädagogisch und demotivierend

Neues Beurteilungsschema versagt schon in seinen Ansätzen total.

Das neue, maturakonforme Beurteilungsschema, nach dem derzeit die ersten Schularbeiten im Fach Mathematik bewertet werden, ist unpädagogisch und demotivierend. Ein System, das es ermöglicht, dass 15 Punkte zu einem Befriedigend und 16 Punkte zu einem Nicht genügend führen, hat schon im Ansatz versagt. Grund ist, dass nicht alle erreichten Punkte zusammengezählt werden, sondern ein extrem kompliziertes Bewertungsschema zur Anwendung kommt.

Das Schlimmste dabei: Schülern wird neuerdings nicht mehr zugestanden, Fehler zu machen. Denn der Großteil der Ergebnisse der gestellten Aufgaben darf nur mehr als richtig oder falsch beurteilt werden. Jahrzehntelang war es zu Recht gängige Praxis gewesen, das Positive zu beurteilen und nicht bloß Fehler zu zählen. Dass man nun einen Flüchtigkeitsfehler genauso bestraft wie ein völliges Nichtverstehen, ist der eigentliche Skandal. So verkommt die Schularbeit zu einer Konzentrationsübung.

Erfolg hat künftig der Pedant, der den Stoff möglichst genau auswendig gelernt hat. Und aus Angst vor schlechten Ergebnissen werden Lehrer wohl nur mehr „deppensichere“ Aufgaben stellen.

Hinter all dem steckt der letzte didaktische Schrei: „Kompetenzorientierung“. Es dominieren neuerdings Theorie- und Verständnisfragen. Doch die Fähigkeit, mit Experten kritisch kommunizieren zu können, ist bei einem Drei-Stunden-Fach unerreichbar und eine Augenauswischerei. Denn die mathematischen Begriffe, mit denen in der Oberstufe gearbeitet wird, sind teilweise sehr abstrakt.

 

Wissen entsteht durch Tun

Das Verstehen dieser Begriffe entwickelt sich ganz langsam und ist nur über den langwierigen Weg traditionellen Rechnens erreichbar, nicht durch ein zu frühes, abgehobenes Reflektieren. Wissen entsteht hier wie so oft durch Tun; die derzeitigen Prüfungsaufgaben zielen dabei in die völlig falsche Richtung. Für den Praktiker ist es zum Verzweifeln, wenn er eindeutig begabte Schüler plötzlich schlecht beurteilen muss, nur weil sie an Kleinigkeiten scheitern oder das geforderte Abstraktionsniveau eben noch nicht erreicht haben.

 

Der beste Weg zum Halbwissen

Da hilft auch das zweite Steckenpferd der Bildungstechnokraten nichts: der Technologieeinsatz. Sie glauben, Unterricht sei dann modern, wenn möglichst viele Knöpfe gedrückt werden. Sie begreifen aber nicht, dass Technologieeinsatz nur demjenigen nützt, der den Stoff wirklich durchschaut.

Dies zu erreichen ist aber schwer. Und es erfordert viel händisches Rechnen mit Papier und Bleistift. Denn der Computer macht ja all die lästigen, aber unverzichtbaren Gedankengänge und Rechenoperationen unsichtbar. Was also für den Ingenieur ein wunderbares Hilfsmittel ist, erweist sich für Schüler als der beste Weg zum Halbwissen.

Wie ist es möglich, dass eine jahrzehntelange Praxis, Mathematik zu unterrichten, einfach über den Haufen geworfen wird? Ist man allen Ernstes der Meinung, dass all die Erfahrungen von Lehrkräften und Schulbuchautoren nichts mehr wert sind?

Eine längerfristige Testphase musste das Konzept bisher nicht bestehen. Die Ergebnisse der bisherigen Feldtestungen sind katastrophal. Und nächstes Schuljahr soll es bereits losgehen. Dabei müssen sich die Lehrkräfte fast wöchentlich auf neue Vorgaben einstellen, und die Informationen von den Ämtern sind teilweise widersprüchlich. Diesen Scherbenhaufen haben das Unterrichtsministerium und das Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung gefälligst aufzukehren.

Dr. Tomas Kubelik (geboren 1976) unterrichtet Mathematik und Deutsch am Stiftsgymnasium Melk und betreibt die Lernplattform www.mathecoach.at.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.12.2013)

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