Jan Fleischhauer: Vorsicht, gute Menschen von links!

Das politische Buch: Jan Fleischhauer ist "unter Linken" aufgewachsen und dann „aus Versehen“ konservativ geworden. Wie es dazu kommen konnte, beschreibt er in einem Buch über das Justemilieu der Bundesrepublik.

(c) Rowolth

Verdammt, warum habe ich das Buch nicht geschrieben? Warum musste es Jan Fleischhauer sein? Nicht, dass ich es ihm nicht gönnen würde, aber ein wenig neidisch bin ich schon. So wie ein älterer Zirkusartist bei allem Respekt auf einen jüngeren Kollegen neidisch ist, der scheinbar mühelos eine grandiose Vorstellung hinlegt. Fleischhauers Buch ist grandios, es kommt in meine VIB-Ecke, neben die Bücher von Wilhelm Reich, Alice Miller und Götz Aly.

Bevor ich Ihnen sage, warum Sie Fleischhauers Buch unbedingt lesen sollten, auch wenn Sie glauben, über die Linke und die Linken Bescheid zu wissen, erlauben Sie mir eine kurze Rückblende.

Anfang der 60er kam in der von Adenauers Politik geprägten Bundesrepublik ein kleines Buch auf den Markt, dessen Titel den damaligen Zeitgeist auf den Kopf stellte: „Vorsicht, gute Menschen von links“. Denn es gab damals keine „Linken“ in der Bonner Republik, von ein paar in der Illegalität verharrenden Kommunisten abgesehen. Der Autor hieß Rudolf Krämer-Badoni, war der Sohn eines rheinischen Postbeamten, katholisch, konservativ und ein radikaler Einzelgänger, der, wenn er es für nötig hielt, sich auch mit seiner Kirche und dem politischen Establishment anlegte. „Vorsicht, gute Menschen von links“ war eine Polemik gegen einen Trend, der vor allem in der Literatur Gestalt annahm, lange bevor sich Linkssein und Gutsein zu einem soziokulturellen Programm vereinigt hatten.

Erst einmal empört. Krämer-Badonis Buch fiel mir mit großer Verspätung in die Hand. Ich las es und war erst einmal empört. Wie ein Messdiener, der zufällig über Voltaire stolpert. Und dann dauerte es noch ein paar Jahre, bis mir selber einiges klar wurde. Das Ergebnis war ein kleines Buch im Jahre 1976 mit dem Titel „Linke Tabus“. Auf 110 Seiten beschrieb ich Phänomene wie linken Kitsch, linken Opportunismus und linken Antisemitismus. Damit, glaubte ich, wäre das Thema umfassend und abschließend abgehandelt.

Und nun kommt Jan Fleischhauer, Jahrgang 1962, und bilanziert, was seitdem passiert ist. Es ist kein Blick zurück im Zorn, keine Abrechnung mit der eigenen Vergangenheit, wie sie bei den 68ern gerade en vogue ist, es ist eine Momentaufnahme in bewegten Bildern: Wie die Linke zum Justemilieu derjenigen werden konnte, „die über unsere Kultur bestimmen“, die in dem Bewusstsein leben, nicht nur „im Recht zu sein“, sondern „einfach immer recht zu haben“.

Dabei geht es nicht nur um die Trittbrettfahrer der Geschichte, die aus jedem Unglück ihren persönlichen Gewinn zu ziehen verstehen, nicht um die blinden Passagiere, die das Kommando an Bord übernehmen wollen, sobald das Schiff den Hafen verlassen hat, wie die Erben der DDR-Diktatur, die in der Bundesrepublik längst mitreden und mitregieren, es geht um eine Form der kulturellen Hegemonie, die sich flächendeckend breitgemacht macht, ein Perpetuum mobile, das seine Energie aus der Wechselwirkung von Größenwahn und Impotenz bezieht. Denn die Linke ist größenwahnsinnig und impotent zugleich. Sie will die ganze Welt verändern, wird aber mit ein paar Migranten mit Kriminalitätshintergrund vor der eigenen Tür nicht fertig. Sie möchte alle Ressourcen gerecht verteilen, achtet dabei vor allem darauf, dass sie bei der Umverteilung nicht zu kurz kommt. Sie nimmt sich gerne der vielen Opfer des Kapitalismus an, die sie zum eigenen Vorteil noch einmal viktimisiert.

Beispiele liegen auf der Straße. Für all das liefert Fleischhauer eine Fülle von Beispielen. Sie liegen sozusagen auf der Straße, er hat sich nur die Mühe gemacht, sich nach ihnen zu bücken. Eine ebenso einfache wie effektive Methode des Chronisten, der sicher sein kann, dass sich seine Leser nicht einmal an das erinnern können, was sie gestern in der „Tagesschau“ gehört haben.

Geschweige denn an das, worüber vor 40 Jahren geredet wurde. Fleischhauer zitiert aus einem im Oktober 1967 im „Kursbuch“ abgedruckten Gespräch unter vier hauptberuflichen Revolutionären, die im Begriffe waren, den Garten Eden auf Erden zu errichten und damit „die fantastische Erfüllung eines uralten Traums der Menschheit“ zu verwirklichen. Jeder verstockte Atheist, der dieses Protokoll gelesen hat, wird dem Allmächtigen dafür danken, dass Er diese totalitäre Utopie verhindert hat.

Deutschland benachteiligt. Derselbe Grusel stellt sich beim Leser ein, wenn Fleischhauer seine Eindrücke von einer Sitzung der „Deutschen Islamkonferenz“ wiedergibt, deren Teilnehmer sich gegenseitig vorjammern, wie sehr sie in Deutschland benachteiligt werden. Der Vertreter der repressiven Mehrheitsgesellschaft kann da nur zur Kenntnis nehmen, „welche Zumutung er und die anderen 75 Millionen Deutschen für die Fremden in ihrer Mitte bedeuten“.

Auch Fleischhauers Buch ist eine Zumutung – für alle, die an der fixen Idee festhalten, dass man die Natur des Menschen „par ordre du mufti“ ändern könne, vorausgesetzt, der Mufti ist ein Gutmensch, der sich in sein benachteiligtes Gegenüber einfühlen kann.

Es ist ein Genuss, Fleischhauer zu lesen, so viel kluge Bosheit kommt selten so leichtfüßig daher. Er schreibt so, wie Jackie Chan kämpft. Auch dessen Gegner merken erst, dass sie getroffen wurden, wenn sie am Boden liegen. Das hätte sogar Rudolf Krämer-Badoni gut gefallen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.05.2009)

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