Wieso hat sich Merkel nicht entschuldigt?

Wenn ich sehe, wie gleichgültig die deutsche Kanzlerin mit dem Leben von Arabern und Muslimen umgeht, muss ich unweigerlich an unsere nubischen Vorfahren denken, die in den Käfigen von Berlins Zoo gefangen waren, während Deutschesie vergnügt betrachtet haben.

(c) Reuters (Thomas Peter)

Carl Hagenbeck wurde 1810 in Hamburg geboren und liebte Tiere seit seiner Kindheit. Dank seines Vaters konnte er eine beträchtliche Sammlung an Tieren sein Eigen nennen und als Carl Hagenbeck heranwuchs, traf er die Entscheidung, sich seinen Lebensunterhalt durch das Organisieren von Tiervorführungen zu verdienen. Mit seiner Kollektion von seltenen Tieren tourte er durch alle Zoos im Westen und verdiente viel Geld. Doch nach einigen Jahren in diesem Gewerbe entschied er sich für eine neue Aktivität: Er sendete Mitarbeiter zu fernen Orten in der Welt, wie Samoa oder Lappland, um Gruppen indigener Völker zu „sammeln“, sie in Käfige zu stecken und dann in den Tiergärten Europas und der Vereinigten Staaten auszustellen.

Dies bringt uns zu einem unbekannten Kapitel in den ägyptisch-deutschen Beziehungen.

1876 schickte Hagenbeck seine Männer nach Südägypten, ließ sie eine Gruppe Nubier einfangen und in Käfige stecken und begann mit diesen durch europäische Städte zu ziehen. Die Nubierausstellung war ein großer Erfolg – und mit ihm begründete Hagenbeck einen neuen Typ der Attraktion: den menschlichen Zoo. Diese entsetzlichen Ausstellungen wurden 60 Jahre lang erfolgreich in Europa durchgeführt, bis man sie ab 1930 mehr und mehr einstellte.

Für die Popularität der Darbietungen gab es drei Gründe: erstens, das Bedürfnis der Europäer, ihr Gefühl der Überlegenheit zu behaupten, indem sie andere Völker wie Tiere in Käfigen zur Schau stellten.

Zweitens war der westliche Kolonialismus auf seinem Höhepunkt – und die Kolonialherren brauchten eine moralische Rechtfertigung für ihre Morde, Diebstähle, Vergewaltigungen und andere Straftaten. Die Zurschaustellung der Kolonialisierten in Käfigen zeigte, dass diese nicht vollkommen menschlich waren, was ihnen das Recht auf menschliche Behandlung und Gerechtigkeit entzog.

Der dritte Grund war, dass zu dieser Zeit europäische Wissenschaftler von den Evolutionstheorien des englischen Naturforschers Charles Darwin betört waren und – Sie werden es nicht glauben – die Bewohner der Kolonien in den Käfigen studierten, um das fehlende Glied zwischen Mensch und Affe, von dem Darwin sprach, zu finden.

Als ich über diese abscheulichen rassistischen Aktivitäten las, die Millionen im Westen über Jahre praktiziert hatten, ohne die geringste Verlegenheit oder ein Schuldgefühl zu empfinden, fragte ich mich: „Wie konnte irgendjemand, aus welchen Gründen auch immer, akzeptieren, dass ein menschliches Wesen wie er selbst gefangen, in einen Käfig gesteckt und wie ein Affe zur Schau gestellt wird?“

Die Frage blieb unbeantwortet, bis ich das „Berliner Literatur Festival“ besuchte und eine schwarze Frau mit afrikanischen Wurzeln namens Grada Kilomba traf, die Vorlesungen an der psychologischen Fakultät der Universität Berlin hält. Ich fragte sie, ob sie als Schwarze in Deutschland mit Problemen zu kämpfen habe. Grada lachte und sagte: „Sie haben die richtige Person gefragt.“ Dann überreichte sie mir ein Exemplar ihres ausgezeichneten Buches „Plantation Memories. Episodes of Everyday Racism“, in dem sie über ihre Erfahrungen mit rassistischen Deutschen berichtet und erzählt, wie sehr sie unter diesen litt.

Sogar als sie sich an der Universität zum Doktoratsstudium anmelden wollte, wurde sie ersucht, Dutzende Papiere und Dokumente vorzuweisen, die von offizieller Seite nicht verlangt werden und die weiße deutsche Studenten nie einreichen mussten. Aber Grada war dickköpfig, fleißig und schlau. Sie reichte alle Dokumente ein und bestand alle Prüfungen. Zu guter Letzt traf sie auf eine deutsche Professorin, die sie gedankenlos fragte: „Sind Sie sicher, dass Sie hier ein Doktorat machen möchten? Wieso machen Sie keines dort (in Afrika)?“

Grada Kilomba befragte für ihr Buch etliche afrikanische Frauen, die in Deutschland leben, und die Resultate waren erstaunlich. Es stellte sich heraus, dass sie alle Diskriminierungen aus rassischen Gründen und ständigen Erniedrigungen ausgesetzt waren. Eine der Frauen berichtete, dass sie als Jugendliche Bauchschmerzen hatte und in der Gegend, in der sie lebte, zu einem deutschen Arzt ging. Sie bezahlte die Gebühr für eine Untersuchung und wartete auf den Arzt. Dieser untersuchte sie, verschrieb ihr ein Medikament und als sie gerade gehen wollte, hielt er sie zurück und bot ihr einen Job als Dienstmädchen in seinem Haus an. Die Frau meinte, sie sei krank gewesen und habe die Arztgebühr bezahlt wie alle anderen auch. Nur weil sie schwarz ist, nahm der Arzt an, dass sie als Bedienerin arbeite.

Das Wichtigste, das Grada Kilomba in ihrem Buch erklärt, ist der Unterschied zwischen rassistischen Praktiken und rassistischem Bewusstsein. Rassistische Praktiken sind Verhaltensmuster oder diskriminierende Handlungen oder auf rassistischer Einstellung basierende Gewalt. Rassistisches Bewusstsein schlummert sogar in den liebenswürdigsten „Gutmenschen“. Es äußert sich immer in dem einem Satz: „Sie sind anders als wir.“

Rassistisches Bewusstsein setzt voraus, dass andere Menschen – andere als Weiße aus dem Westen – eine andere Kultur und Denkweise haben und anders empfinden. Das impliziert für rassistisch Denkende, dass diese anderen nicht dieselben Rechte verdienen. Nach Kilombas Theorie waren diejenigen, die Tickets kauften, um den Anblick von Afrikanern in Käfigen zu genießen, nicht böse, sondern bloß gewöhnliche Menschen mit rassistischem Bewusstsein. Dieses Bewusstsein mache die Menschen glauben, dass fremde Völker anders und unbedeutender wären. Der deutsche Arzt, der seine Patientin fragte, ob sie als Dienstmädchen arbeiten wolle, war möglicherweise ein „anständiger“ Mensch – doch sein rassistisches Bewusstsein veranlasste ihn, die afrikanische Frau als vollkommen anderes Wesen anzusehen als etwa seine Tochter.

Ich betone hier, dass ich nicht alle Deutschen des Rassismus beschuldige, weil die Deutschen brillante und nachhaltige Beiträge zum Wohl der Menschheit erbracht haben. Ich kenne viele Deutsche, die tolerant sind und Respekt für alle Völker zeigen. Es stimmt zwar, dass rassistische Straftaten in Deutschland in einer beängstigenden Art und Weise zugenommen haben – allein im Jahre 2006 wurden 12.000 Fälle aufgezeichnet. Es stimmt aber auch, dass sich überall in Deutschland eine starke Antirassismusbewegung ausbreitet.

Daher war ich bestürzt und aufgebracht über die Art und Weise, wie die deutsche Regierung auf den schrecklichen Mord an Marwa el-Sherbini und das Baby in ihrem Mutterleib reagierte.

Der Kriminelle, der Marwa el-Sherbini ermordete, war ein deutscher Terrorist – und natürlich sind Regierungen nicht verantwortlich für die Straftaten ihrer Bürger. Doch dieses Verbrechen geschah in einem deutschen Gericht und wir haben das Recht zu fragen, wie der Mörder in der Lage war, das Gebäude mit einem Messer zu betreten. War es ein empörendes Versagen der Sicherheitskräfte?

Der Killer stach 18 Mal im Laufe von acht Minuten auf Marwa ein und niemand griff ein, um sie zu retten. Kommt dieses Versagen nicht einem Verbrechen gleich – einem Verbrechen aus Nachlässigkeit, das zum Mord an einer unschuldigen Frau und ihrem ungeborenen Baby geführt hat? Noch dazu vor den Augen ihres Kindes und ihres Mannes? Nachdem auf Marwa mehrmals eingestochen worden war, tauchte endlich ein deutscher Polizist auf – doch er feuerte auf Marwas Mann statt auf den Killer. Ist es nicht eine gesetzliche und politische Pflicht, diesen Polizisten strafrechtlich zu verfolgen?

Er hat zwei Verbrechen begangen: Er versäumte, Marwa zu Hilfe zu kommen, und er versuchte, ihren Ehemann zu töten, weil dieser arabisch aussah.

All dies macht die deutsche Regierung direkt für den Mord mitverantwortlich – nach dem Gesetz, der Moral und der Logik. Eine ganze Woche lang schwieg die Regierung jedoch beharrlich und der Regierungssprecher gab dann allgemeine Kommentare ab, ohne spezifische Maßnahmen zu nennen, die Sicherheitsbeauftragten im Gericht zur Verantwortung zu ziehen – die sich alle durch Nachlässigkeit und Rassismus am Mord mitschuldig gemacht haben. Die Zeitungen berichteten, die deutsche Kanzlerin Angela Merkel würde eine offizielle Erklärung abgeben, in der sie sich bei der Familie von Marwa el-Sherbini und bei allen Ägyptern für die Fahrlässigkeit der deutschen Regierung, an deren Spitze sie steht, entschuldigen würde.

Hat Frau Merkel etwa abgelehnt, das zu tun? Weshalb hat sie sich nicht im Namen der deutschen Regierung entschuldigt? Ist Marwa el-Sherbini als ägyptische Muslimin, die einen Hijab trägt, kein Mensch? Hat sie nicht Familie und Freunde, die sie lieben, so wie Frau Merkel ihre Familie und ihre Freunde liebt? Ist es vereinbar mit dem Status eines gewählten Oberhaupts in einem demokratischen Land, sich derart vor der Verantwortung zu drücken? Wenn ich sehe, wie gleichgültig Angela Merkel mit dem Leben von Arabern und Muslimen umgeht, muss ich unweigerlich an unsere nubischen Vorfahren denken, die in den Käfigen von Berlins Zoo gefangen waren, während Deutsche sie vergnügt betrachteten, und ich erinnere mich an das Statement meiner Freundin Grada Kilomba: „Rassismus fängt immer mit einem Satz an: ,Sie sind anders als wir.‘“

Übersetzung aus dem Englischen:
Olivier Gergely

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.07.2009)

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