"Debatte": Brief an den täter

warum ich ihnen schreibe – mich zu behaupten gegen den anschlag auf mich, mein leben, meine seele. ich will, dass sie wissen, dass ich überlebt habe.

Debatte Brief taeter
Debatte Brief taeter
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18.3.

sicher denken sie nicht so oft an mich. ich denke an sie fast jeden tag. sie müssen jetzt an die siebzig sein. was möchte ich ihnen sagen? dass sie in mir und in meinem leben, wie es sich anschließend entfaltet hat, die größten verwüstungen angerichtet haben? oder lieber, dass ich jetzt nach vierzig jahren bewässerung und gärtnerischer bemühung doch noch auf ein halbes gemüsebeet schauen kann?

warum gerade jetzt, fragen sie. ich weiß das auch nicht. wann, wenn nicht jetzt, war einer jener sätze, die mich in christa wolfs kindheitsmustern am meisten anrührten. wann also, wenn nicht jetzt? wenn sie tot sind? ja, das wär ihnen sicher lieber. vielleicht schreib ich ja gerade deshalb, weil z.b. heinz u. vor kurzem gestorben ist, mein damaliger lebensretter, und ich mein das nicht metaphorisch, der hat mir das leben gerettet – und gleichzeitig sie voll gedeckt. da hat es mir doch einen stich gegeben, dass ich ihm das jetzt nicht mehr werd sagen können. nie niemals nicht.

 

22.3.

wozu das alles? schuldeinsicht? da kannst lange warten. beim geschworenengericht vielleicht, wegen der strafminderung, aber sonst natürlich alles abstreiten und die autorität heraushängen lassen, wie der hanswurst von der wirtschaftsuni, das arme vergewaltigte schwein von groß- und hauptprofessor. das ja das seltsamste, wenn einmal der groschen gefallen ist, wie meine mutter sich ausdrückt. der groschen fällt, und von stund an hat man einen sechsten sinn für wer opfer ist und wer täter. den hätt ich schon früher brauchen können, den sechsten, hätt ich mir manches erspart, aber darum geht's hier nicht. es geht nicht darum, wie oft und wie bös ich später noch und wieder opfer geworden bin. jetzt geht es darum, dass ich aufgehört hab opfer zu sein.

so richtig opfer, langzeitopfer wurde ich ja erst im jahr fünf, als alles vorbei war, endlich vorbei und ich so zerrüttet und fahrig im studium, dass ich keinen ganzen satz mehr aufnehmen konnte, die worte tanzten im hirn herum, nicht die buchstaben oder was, nur die worte machten diesen ringelreien, und am ende kam immer nix heraus, als was ich eh schon wusste, dass ich nicht ganz richtig bin im kopf. das blieb so, und ich hab mich folgerichtig schnurstracks vom internat auf die couch begeben zwecks analyse.

da kam aber auch nix raus, nicht einmal beim wilhelm-reich-geschulten bioenergetiker. beim ex-theologen sowieso nicht. und trotzdem ist diese rechnung nicht aufgegangen, dass jeder von ihnen vergewaltigte zögling selber wieder täter wird und die schuld weiter reicht, wie im anfang so auch jetzt und alle zeit und in ewigkeit, nix da!

was ist es denn, was diesen gang der ereignisse herbeigeführt hat? meine jetzige frau ist wesentlich beteiligt, der lange aufenthalt in fremden kulturen, mein bisschen mut und die reste von leben und lebendigkeit, die ich mir über die jahre gerettet hab, irgendwie gerettet und meistens verzögert, und deshalb kommt alles so spät in meinem leben, auch dieser brief.

 

23.3.

warum ich ihnen schreibe – mich zu behaupten gegen den anschlag auf mich, mein leben, meine seele. ich will, dass sie wissen, dass ich überlebt habe. dass ich nicht als der nächste fritzl durchs land renn und meinen wohnzimmerboden aufstemm. dass ich es verweigert habe, zielstrebig über jahrzehnte eine machtposition auszubauen, um es der welt heimzuzahlen. dass ich nach vierzig jahren ein halbwegs umfassendes verständnis davon hab, dass heimzahlen nix hilft. und wie sehr es ihnen noch recht geben würde, sozusagen übers grab hinaus.

dass ich überlebt habe, verdanke ich wesentlich und zuallererst der liebe meiner mutter. der starken, klaren, geraden liebe meiner mutter, auch wenn ich an ihr verzweifelt bin, als sie mir nicht glauben wollte, jahrelang. das bildst dir ein. bis ich die einbildung selber geglaubt hab. dabei ist es ja unmöglich, dass das opfer die traumatisierenden vorgänge klar und detailliert erinnert, schon aus neurologischen gründen. traumaforschung war aber in den siebzigern noch ganz am anfang, besonders in österreich, wo rückschau, gesellschaftliche auf- und durcharbeitung traumatisierender vorgänge sowieso nicht die größte tradition haben. das überleben hatte aber auch seinen preis: vierzig jahre heimatlos, je ferner je lieber. schon mit zwanzig wusste ich, dass ich mich in autoritären systemen nicht aufhalten kann. ich wusste das ganz sicher, auf eine komische art, so wie man weiß, dass man hämorrhoiden hat oder ein magengeschwür. man weiß das durch beharrliches wegschauen. so, wie ich wusste, was sie mir angetan haben. an-ge-tan, schönes distanzierungsvokabel, aber leider kompletter unsinn. ich hab den täter in mir, auch wenn's mich reckt vor grausen, ich hab ihn ja physisch in mir gehabt. was hilft's, dass ich ein kind war.

und dann hab ich, gegen alle ehelichen, therapeutischen und sonstigen ratschläge, nun doch ihre nummer gewählt. es hätt mir ja auch gleich klar sein können, der akzent, die schwierigkeiten mit der wortstellung im deutschen satz, aber nein, zweimal muss ich mir die ansage anhören, bis ich glauben kann, dass das wirklich sie sind. mein gott, was für ein würstl! diese dünne, ängstliche stimme, das zögern in jedem wort, von den rundlaufschwierigkeiten des uraltkassettenrekorders noch ins jenseitige gesteigert. speaking of which: was gedenken sie denn ihrem herrn schöpfer zu sagen am tag des jüngsten? zittern? wehklagen? ich hab halt nicht anders gekonnt? die triebe? wo wir doch beide wissen, und der herr schöpfer sicherlich auch, dass es da überhaupt nicht, betone, in keinster weise, um sexualität geht, bloß um aggression.

elias canetti versteht das am besten: töten, um zu überleben, und erst wenn er seinen fuß auf den körper des untergebenen setzt, weiß der präfekt, dass er wirklich lebt, weil jeder zögling eine bedrohung seines überlebens ist, so wie ich die ihre bin jetzt: die lebende, lebendige, frei herumspazierende bedrohung des systems schuld, sühne und vergebung und was sich sonst noch an schwachsinn zusammenbraut in einem jesuitengehirn, das aus selbstverschuldeter tausendjähriger nacht nicht herausfindet. hitler, stalin, lubicek*. und wenn man erst einmal angefangen hat mit dem umbringen, da gibt's natürlich kein aufhören. (* Name von der Red. geändert)

25.3.

was ich wirklich wissen möcht von ihnen: was haben sie sich dabei gedacht? er wird es vergessen? es wird ihm eh nix tun? es iss mir wurscht, wenn es ihn umbringt? ich will ihn kaputt sehen? wie viel und welche arten lüge, vorwand, verleugnung es braucht, bis ein halbwegs erwachsener mensch so was tut, das hätt ich gern aus ihrem mund gehört. im großen ist es eh klar: heide, klassenfeind, untermensch, dreinhauen, wegnehmen, umbringen, in dieser reihenfolge, das instrumentarium der eskalation. einschränken zuerst und benachteiligen, wo's nur geht, dann ein bisserl unterdrücken, schlagen, enteignen, mit dem umbringen aber unbedingt zuwarten, bis zumindest das einsperren allgemein akzeptierter brauch ist. das war ja bei ihnen auch so, hosentaschen zuerst, zuckerlkontrolle, dann schwanzbegrapschen unter der dusche, nächtliche gebetsstunden mit masturbation, nur die vergewaltigung kam nicht zum schluss, die war krönender beginn.

dann wollt ich noch wissen, ob sie meine beschädigung beabsichtigt haben oder bloß billigend in kauf genommen. aber es kommt ja schon wieder nicht mehr drauf an, was sie dazu sagen, weil in sie hineinschauen kann ich nicht und können sie selber vermutlich grad so wenig. wie sollte das auch gehen nach fünfzig jahren ordensleben in der jugendseelsorge mit ihren neigungen? es muss ja in ihrem kopf, in ihrer seele ziemlich wild ausschauen. wieso hat niemand mit dem fritzl mitleid? was für ein armes schwein! kann sich denn überhaupt irgendwer vorstellen, wie's in dem zugeht? zuging? wieso interessiert das keinen? wieso interessiert das nur immer mich? weil bei der vergewaltigung das täter-ich in das opfer-ich hinüberschwappt, wie die anna sagt? das ist ja schon wieder so eine täter- und totschlagsprache wie beim pädophilenbericht. ich weise das zurück, da können sie gefälligst alleine schwappen, herr magister!

 

26.3.

das empörendste ist, dass sie so ein würschtl sind. man möchte wenigstens von einem riesen vergewaltigt worden sein, einem übermächtigen, übermännlichen überwältiger. was tut man mit so einer trauerfigur? in ihrer stimme höre ich noch vierzig jahre später, wie hoffnungslos, absolut aussichtslos es ihnen erschienen sein muss, auf dem freien markt der liebe irgendwas zu finden, in dem ausländerfeindlichen grätzel namens österreich praktisch unmöglich für einen kategorie-d-ausländer vom balkan. serbien muss sterbien!aber darum geht's nicht, sagt die anna. laut anna geht es gar nicht um sexualität, sondern überhaupt nur um gewalt. also, im kirchlichen bereich bin ich mir da nicht so sicher. gerade weil die anna im namen ihres allmächtigen und allliebenden gottes als traumatherapeutin an dutzenden missbrauchs- und vergewaltigungsopfern herumgepfuscht hat und selber als zukünftige heilige innerhalb dieser kirche eine hervorragende stellung einnimmt, reizt es mich hier zum widerspruch. das sexuelle elend in den katholenkasernen schreit doch landesweit zum himmel, und es ist weiß gott nicht jeder abt so aufgeklärt wie der von w., dass er mit der gesamten bruderschaft in den puff nach l. fährt. dabei ist der puff ja auch keine lösung, sondern nur eine verlagerung von ausbeutung und gewalt ein stückl weiter nach draußen, außerhalb der klostermauern.

gestern wollt ich sie noch fragen, was sie sich dabei gedacht haben, wollte canettianisch meinen fragefinger in ihren antwortkörper bohren, fühlte mich überlegen, fantasierte telefonterror. aber darum geht's ja nicht. es geht darum, dass ich weggehe, weg von ihnen, weg vom geschehenen. da ist honolulu grad weit genug. das hilft, aber nicht immer. es hat auch nicht geholfen, dass ich den leuten nicht in die augen schauen konnte, die ganze zeit. sagt sich so leicht, schließt aber drei ehefrauen mit ein, nur schnell beispielshalber. wie lebt, liebt, werkt man vierzig jahre ohne augenkontakt? was hätt ich mir alles ersparen können, welche wahrheiten sind mir entgangen? vor zwei jahren hab ich die leute von SNAP noch belächelt, als sie darauf bestanden haben, survivor zu sein, nicht victim. da war ich halt noch nicht soweit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.03.2010)

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