"Wenn du meinen Sohn anfasst, schneide ich dir..."

Die linksalternative deutsche Zeitung "taz" ist aus eigener Verstrickung Vorreiterin bei der Aufarbeitung eines heiklen Themas geworden: Wie die Ideologie der sexuellen Befreiung die Pädophiliebewegung zuerst hoffähig gemacht, dann aber doch in den Orkus geschickt hat.

Wenn meinen Sohn anfasst
Wenn meinen Sohn anfasst
Taz – (c) AP (REINHOLD HUEGERICH)

Genau vor einem Jahr begannen die Missbrauchsfälle in einem Berliner Jesuitengymnasium auch in Österreich erste Kreise zu ziehen. Mitte März erreichten diese ihren medialen Höhepunkt. Anders als in Österreich, wo das Thema de facto auf den katholischen Bereich beschränkt blieb, gab und gibt es aber in Deutschland durch den medienwirksamen Fall der Odenwaldschule auch das Nebenthema „Missbrauch in progressiven Kreisen“. Dieses erlebte in den vergangenen Tagen eine kleine Renaissance, als bekannt wurde, dass einer der Mitbegründer der linksalternativen Tageszeitung „taz“, Dietrich Willier, in seiner Zeit als Kunstlehrer der Odenwaldschule von 1969 bis 1972 zu den Missbrauchstätern gehört hatte. Willier hatte für die 1978 gegründete „taz“ lange Jahre als Stuttgarter Korrespondent gearbeitet, aber auch für „Spiegel“, „Stern“ und „Zeit“ geschrieben.

Auf die Nachricht, dass auch er zu den Tätern gehört haben soll, reagierte die linke Tageszeitung, wie es sich gehört: mit publizistischem Nachspüren der dunklen Flecken der Vergangenheit – nicht nur jener des „pädosexuellen taz-Kollegen“, wie die Zeitung selbst formuliert (unter dem etwas verkrampft daherkommenden Titel „Didi war den Frauen zugetan“). Sondern darüber hinaus: „Die Verbindungen zwischen Kindesmisshandlern, der deutschen Linken und auch der ,taz‘ zu der Zeit sind offensichtlich noch nicht ausreichend geklärt“, sagt der stellvertretende Chefredakteur Reiner Metzger. Die „taz“ hat mit der Klärung schon im April des Vorjahres begonnen. Nun reichte sie mehrere Artikel zum Thema nach.


Tatsächlich hat es in der linken Szene bis in die 1990er-Jahre starke Sympathien für „intergenerationale Sexualität“ gegeben – aber auch vehemente Attacken dagegen. Es kam auf den Blickwinkel an: Waren Pädophilie und Päderastie so wie Homosexualität oder Transgender von den Fesseln und Unwerturteilen bürgerlich-repressiver Sexualmoral zu befreien – oder waren Beziehungen zu Kindern im Gegenteil der schlimmste Ausdruck einer Sexualmoral, die auf Herrschaft beruhte? „taz“-Autor Jan Feddersen stellt dazu nun fest: „In den Anfangsjahren der ,taz‘, als eine kleine Gruppe von HomoaktivistInnen gelegentlich eine Seite der Zeitung zubereiteten, wurde unumwunden ,die Möglichkeit‘ gefordert, dass sich ,Schwule, Lesben, Pädophile, Transsexuelle etc. autonom organisieren‘ können. Damit waren diese ehemaligen ,taz‘-KollegInnen keineswegs avantgardistisch oder gegen den Zeitgeist unterwegs, sondern im Mainstream der linksalternativen Bewegung.“

Die Idee, dass Sex mit Kindern enttabuisiert gehöre, wurde als Dienst an der Befreiung der kindlichen Sexualität erklärt. Und nicht wenige Wissenschaftler unterstützten das. Wenn Olaf Stüben, Mitglied einer Hamburger Päderastengruppe, in der „taz“ im Jahr 1979 Pädophilie als ein „Verbrechen ohne Opfer“ bezeichnen konnte (und über seine sexuellen Erfahrungen mit Jugendlichen schwärmte), dann lag das im Einklang mit Sexualforschern wie dem Österreicher Ernst Bornemann, nach dem „die ernsteste Gefahr, der Kinder beim Geschlechtsverkehr ausgesetzt sind, nicht der Geschlechtsverkehr selber ist, sondern die Panik der Erwachsenen und die Peinlichkeit eines Gerichtsverfahrens“. Und der Sexualwissenschaftler Eberhard Schorsch erklärte apodiktisch: „Ein gesundes Kind in einer gesunden Umgebung verarbeitet nicht gewalttätige sexuelle Erlebnisse ohne negative Dauerfolgen.“ Er hat sich allerdings davon längst distanziert.

Heute ist vielen Beteiligten klar, dass sie damals ideologische Scheuklappen daran hinderten, das Gefährliche zu sehen oder sehen zu wollen. Jan Feddersen schreibt etwa in der „taz“ vom 2. Februar über die schillernde Figur des Peter Schult, eines frühen homosexuellen und pädophilen Aktivisten, der einst Vorsitzender der deutschen Jungdemokraten war und nach Offenbarwerden einer homosexuellen Beziehung zur Fremdenlegion ging: „Der hatte eine astreine pädosexuelle Identität, und zwar bekennenderweise. Sein im linken Trikont-Verlag 1978 erschienenes Buch ,Besuche in Sackgassen‘ war ein kleiner Bestseller in der alternativen Szene – man goutierte Schults Affinität zur RAF, zu Drogen, zum Anarchismus, seine Mitarbeit in der Roten Hilfe München. Als er 1982 erneut wegen sexueller Handlungen mit Jugendlichen, die noch keine 14 Jahre alt waren, angeklagt wurde, erhielt er öffentliche Unterstützung durch linkskulturelle Promis jener Jahre, etwa Volker Schlöndorff, Margarethe von Trotta oder Brigitta Wolf. Auch die ,taz‘ berichtete mehrfach mitfühlend über den Mann, der gelegentlich für sie schrieb. Ein Verfolgter wie er – durch ihn hatte auch das Pädosexuelle nicht mehr den fiesen Beigeschmack des Kinderschänderischen.“

Die Ambivalenz der politischen Solidarität mit linker Päderastie wird deutlich in dem von der „taz“ wiedergegebenen Ausspruch von Achim Bergmann, dem Geschäftsführer des Trikont-Verlages, der zwar Schults Buch verlegte, ihm aber klarmachte: „Wenn du meinen Sohn anfasst, schneide ich dir die Eier ab.“


Wenn auch die Ideologie der sexuellen Befreiung den Pädophilen eine Zeit lang Solidaritätsgefühle auf linker Seite zutrug, war es aber dieselbe Ideologie, die diesem Wohlwollen dann ziemlich drastisch den Garaus machte. Denn Befreiung ist ja das Aufbrechen von Herrschaftsstrukturen – und welche repressivere Herrschaft könnte es geben als die eines Erwachsenen über ein Kind? So argumentierten zunächst die Feministinnen. 1980 schrieb Alice Schwarzer in ihrem Magazin „Emma“ unter dem Titel „Emanzipiert Pädophilie?“: „Immer häufiger werden Pädosexuelle auch mit Feministinnen in einem Atemzug genannt: als solche, die doch eigentlich am gleichen Strang zögen. Ich meine: Das Gegenteil ist der Fall. Ich halte Pädophile nicht für eine zu befreiende verkannte Minderheit, sondern für das willkommene Sprachrohr einer Männergesellschaft, die es schon immer gut verstanden hat, ungleiche Beziehung als ,gleich‘ zu propagieren – um dann umso unbehelligter herrschen zu können...“ Bei der Pädophilie gehe es, so Schwarzer, „nicht um das Recht der Kinder auf ihre Sexualität, sondern um das Recht der Erwachsenen auf die Sexualität der anderen, der Kinder“.

Dass Sexualität die Ungleichheit der Beziehung eines Erwachsenen zu einem Kind auf unheilvolle Art manifestiert und zu lebenslangen Traumata führen kann, wurde gleichzeitig durch psychologische Studien so eindeutig belegt, dass heute in der Fachwelt kaum noch jemand die prinzipielle Gefährlichkeit pädophiler oder päderastischer Beziehungen leugnet. Ein Kind könne zwar in einen Sexualkontakt willentlich, aber nicht im Wissen darum, was es tut, einwilligen – daher gilt Sex mit Kindern heute immer als Missbrauch.

Mitte der 1990er-Jahre war es endgültig zu Ende mit den Sympathien. Offensichtlich wurde das 1985, als die Grünen in Nordrhein-Westfalen ein Papier verabschiedeten, in dem sie die völlige Straffreiheit für Pädophile forderten. Die Reaktion in den eigenen Reihen und im ideologischen Umfeld war heftig. Die Feministinnen, die Frauen in der Schwulenbewegung, die neuen Erkenntnisse der Wissenschaft und der neue Fokus auf Opferrechte gemeinsam sprachen ihr Verdikt über die „Befreiung intergenerationaler Sexualität“.

Aber Reste der ideologischen Nähe sind geblieben – alle Rechtfertigungs-Spins der Pädophilen leben im Halbverborgenen weiter: dass Erwachsene Kindersexualität befreien könnten, dass Kinder das mögen, gerissene kleine Verführer seien, dass verfemte Minderheiten solidarisch sein müssten. Jan Feddersen zitiert in seiner Aufarbeitung etwa einen „taz“-Kommentar von 1995, in dem die Preisgabe der „Pädos“ als Eintrittsgeld der Schwulenbewegung ins Establishment kritisiert wird.

Die Bedeutung der Selbstreflexion der „taz“ und ihrer offene Abrechnung mit der eigenen problematischen Vergangenheit sowie der ihres ideologischen Umfelds muss sehr hoch veranschlagt werden. Andere, die mit dem Thema gespielt haben, sind da noch etwas schuldig. Etwa das Magazin „konkret“ des Ulrike-Meinhof-Ehemanns Klaus Rainer Röhl, dem im Vorjahr zwei Töchter sexuelle Übergriffe in ihrer Kindheit vorwarfen. Röhl, der auf seine alten Tage zum Nationalliberalen mutiert ist, hat dementiert und von Pubertätsfantasien gesprochen. Sucht man auf der Homepage des Magazins – das in den 1970er- und 1980er-Jahren gerne Kindererotik auf das Cover gebracht hat – heute nach Artikeln mit den Stichwörtern „Missbrauch“ oder „Pädophilie“, liegt die Trefferanzahl bei Null.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2011)

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