Merkel und Lagarde - Die Titaninnen der Weltwirtschaft

Endlich ist Schluss mit den Zeiten, in denen sich alles um Paare männlicher Protagonisten auf der Weltbühne drehte. Das Schicksal der Weltwirtschaft liegt in den Händen von zwei Frauen.

Merkel Lagarde Titaninnen Weltwirtschaft
Merkel Lagarde Titaninnen Weltwirtschaft
Merkel und Lagarde – (c) EPA (JESCO DENZEL / GERMAN FEDERAL PR)

Obwohl wir in geschichtsbewegten Zeiten leben, haben wir die wahre Bedeutung des historischen Moments noch nicht erkannt. Das Schicksal der Weltwirtschaft liegt zum ersten Mal in den Händen von zwei Frauen, Angela Merkel und Christine Lagarde, der deutschen Bundeskanzlerin und der französischen IWF-Chefin. Endlich ist Schluss mit den Zeiten, in denen sich alles immer um Paare männlicher Protagonisten auf der Weltbühne drehte. Bei allem Gerede um die Bedeutung des Barack O., Mitt R., Jintao H., Nicolas S., David C., wir leben in der Ära von Angela und Christine.

Und im feinen Unterschied zu den Männerschlachten der Vergangenheit (à la Kennedy und Chruschtschow, Reagan und Gorbatschow) geht es bei den beiden heutigen Protagonistinnen nicht um übergroße Egos. Die globale Finanzkrise hat nur etwas beschleunigt, was sich seit einigen Jahrzehnten abzeichnet: Frauen werden bei der Gestaltung der politischen Zukunft der Welt eine wesentlich wichtigere Rolle spielen, als das bisher der Fall war. Gewiss, wir haben auch in der Vergangenheit schon Momente gehabt, in denen jeweils eine Frau – sei es eine Victoria, Katharina oder Elisabeth – eine bedeutsame Rolle spielte.

Richtig spannend wird die Sache, wenn man das Verhältnis der beiden Titaninnen einmal näher betrachtet. Als Lagarde bis zum Frühsommer 2011 noch französische Finanzministerin war, gab es immer wieder Bilder dieses mächtigen Duos, wie sie im Umfeld eines Haufens Männer bei EU-Gipfeln in Brüssel vertrauensvoll miteinander sprachen, offensichtlich bestrebt, Ordnung in das vermeintliche Nirwana zu bringen.

Noch während Lagardes Zeit in Paris kam es allerdings zu inhaltlich bedingten Spannungen. Die französische Regierung war bestrebt, die Deutschen anzumahnen, endlich ihre „systemisch bedingten“ Leistungsbilanzüberschüsse abzubauen. Der Hintergrund des Vorstoßes war klar. Das französische Außenhandelsdefizit steigt rapide an, was in unserem Nachbarland aktuell zu einem wenig rühmlichen Wahlkampfthema geworden ist. Zuletzt war es der scheidende EADS-Chef, Louis Gallois, der gar vor einer regelrechten Deindustrialisierung Frankreichs warnte.

Auf einmal ging es also in den bilateralen Gesprächen der beiden Frauen nicht länger nur darum, einen gütlichen Ausweg aus der Krise zu finden. Handfeste nationale Interessen kollidierten mit wirtschaftlichen Grundüberzeugungen und Philosophien.

Dieser Zwist ist prononcierter geworden, seit Christine Lagarde als erste Frau in der Geschichte der Institution das Ruder beim IWF in die Hand bekam. Dort hat sie sich zügig den Ruf einer kompetenten Managerin erworben. Aber es gibt doch Bedenken, dass es der Preis ihres Aufstiegs war, mit den Amerikanern beim Piesacken der Deutschen gemeinsame Sache zu machen.

Und so ist es in der Zwischenzeit denn auch gekommen. Nachdem für lange Monate der amerikanische Finanzminister, Tim Geithner, immer wieder in die Bresche sprang, um den Europäern die Leviten zu lesen, erledigt Frau Lagarde nun diesen Job.

Es gibt sogar Bedenken, dass sich ein altes Spiel wiederholt, demzufolge der Hauptstellvertreter des jeweiligen IWF-Chefs, immer ein Amerikaner, die wahren Fäden in der Hand hält, während der (bisher immer europäische) Chef durch die Welt reist, um diese Weisheiten zu verkünden.

Zu diesem Bild passt gut, dass der aktuelle „First Deputy Managing Director“, David Lipton, nicht nur ein Ex-Clinton-Regierungsmann ist, sondern pikanterweise seitdem für einen der größten Hedgefonds der Welt gearbeitet hat.

Die Amerikaner weisen solche Überlegungen und Anspielungen freilich als vollkommen unbegründet zurück. Sie interpretieren derlei Interpretationen als pure europäische Gedankenspiele. Diese zeugten von einer Phobie der Europäer, die beim IWF mit allen Mitteln an ihrer immer weniger zeitgemäßen Überrepräsentation festhalten wollten.

Was also ist – jenseits der Anspielungen und Unterstellungen – von dem Zwist Merkel–Lagarde zu halten? Beide sind große Profis, wenn sie auch auf ganz andere Stilmittel zurückgreifen. Die eine setzt vom Auftritt her auf eine androgyne, französisch eingefärbte Eleganz. Die andere auf das genaue Gegenteil, eher die bodenständige, dabei sehr bürgerliche Form der Mutter Courage.

Beide haben sich im Laufe ihrer Karrieren in Männerwelten durchsetzen müssen. Christine Lagarde tat dies im harten Geschäft der weltweit operierenden amerikanischen Anwaltskanzleien. Vor dem Wechsel in die französische Politik stand sie an der Spitze einer dieser Kanzleien. Angela Merkel hatte den großen Vorzug, dass sie – unbesehen aller Talente – von den Männern (und Konkurrenten) ihres unmittelbaren politischen Umfelds immer grob fahrlässig unterschätzt wurde.

Auch wenn sie von ganz unterschiedlichen Wertvorstellungen herkommen (französisch-amerikanisch bzw. deutsch-europäisch), so ringen sie nun ernsthaft und ehrlich um den besten Lösungsweg – und zwar sowohl für die Krise der Eurozone als auch der Weltwirtschaft ganz allgemein. Die Wahrheit wird am Ende, wie so häufig, in der Mitte zu finden sein.

Wenn die eingangs aufgestellte These, dass es bedeutsam ist, dass wir in einer Zeit leben, in der zum ersten Mal zwei Frauen das wirtschaftliche Geschehen auf der Weltbühne bestimmen, richtig ist, dann muss man sich fragen, ob dies einen Vorzug haben könnte.

Die schlüssigste Antwort ist, wie es der ehemalige kanadische Außenminister Pierre Pettigrew einmal gesagt hat, dass das Zeitalter der Globalisierung im Kern mit davon geprägt sein wird, dass Frauen eine sehr viel stärkere Rolle bei der Suche nach Lösungen spielen werden. Die immer weiter ansteigende Komplexität des Weltgeschehens kann von der bei Frauen entsprechend stärker angelegten Kompetenz zum Multitasking positiv aufgefangen werden. Und noch ein Weiteres: Sie verstehen es besser, Wege zum Interessenausgleich zu finden, anstatt diadochenhaft aufeinander loszustürmen. Auch wenn manch einer diesen Interpretationsansatz all zu schablonenhaft empfinden mag, hat er zumindest den Vorzug, dass er Hoffnung vermittelt – und bisher auch noch nicht widerlegt worden ist.

Bei Angela M. und Christine L. jedenfalls hat man den Eindruck, dass sie nicht fremdbestimmt sind, sondern miteinander ehrlich ringen. Dass es dabei zu pikanten Formen des Rollentauschs kommt, macht die Sache am Ende nur umso spannender. So zelebriert die Bundeskanzlerin mit ihrem Beharren auf fiskalischer Konsolidierung die klassische Rolle des IWF, während sich Letzterer unter Lagarde aktuell eher in der Rolle einer keynesianisch gestimmten nationalen Regierung gefällt. Auch das ist eine Form der internationalen Arbeitsteilung.

Es hat den Anschein, als seien die beiden Frauen – so wie seinerzeit auf der europäischen Bühne (und noch nicht der Weltbühne) – dabei, einen fein abgesteckten Pas de deux durchzuexerzieren. Denn am Ende braucht es ja all das, was diskutiert wird: die Konsolidierung, die Restrukturierung, die Wachstumsmaßnahmen und Rettungsschirme. Die eigentliche Schlacht geht darum, in welcher Reihenfolge dies unternommen wird.

Wo auch immer man bei dieser Debatte steht, beide Lager können sich bei einer der beiden Titaninnen wohlaufgehoben fühlen. Und noch etwas: Beide verfügen über enormen Respekt im Lager derer, die politisch genau an das Gegenteil dessen glauben, was Frau Lagarde bzw. Frau Merkel verfechten. Chapeau.

Stephan G. Richter

Herausgeber von theglobalist.com.
„The Globalist“ ist ein täglich erscheinendes Onlinemagazin, das sich bei den Chancen und Risken der Globalisierung mit neuen Aspekten befasst. Es erscheint seit Jänner 2000.

Leiter des „Globalist Research Center“. Richter lebt in Washington, D.C.

www.theglobalist.com
Twitter: @theglobalist

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.03.2012)

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