Deutsch für Inländer – eine unendliche Geschichte

Unsere Sprache. Die Serie wird auf Wunsch vieler Leser fortgesetzt. Alte und neue Fehler liefern das Material dazu.

Wir fangen wie immer ganz unvermittelt an und setzen dann unsystematisch fort: Das Formular, das die Stadt Graz zur Bestellung einer Wahlkarte aufgelegt hat, enthält folgende Formulierung: Bitte beachten Sie, dass das Geburtsdatum vor dem 30. 9. 1997 liegen muss, um wahlberechtigt zu sein. Interessant, dass in Graz sogar die Geburtsdaten wahlberechtigt sind. Natürlich war etwas anderes gemeint, und das hätte so ausgedrückt werden müssen: „... dass Ihr Geburtsdatum ...“ liegen muss, damit Sie wahlberechtigt sind.

Wichtige Projekte werden vor sich hergeschoben. Wie machen das die Projekte nur?

Wir versuchen, die heilige Messe zu feiern, wie sie den Vorgaben des Konzils entsprechen, las ich in einer Mitteilung meiner Pfarre. Soll die Messe dem Konzil entsprechen oder die Vorgaben den Vorgaben?

So kann Kirche. Eigentlich hätte man gern gewusst, was die evangelische Kirche, die diesen Satz plakatierte, kann. Sie hat die Wendung aus Deutschland eingeschleppt, dort hieß es im Bundestagswahlkampf: Steinbrück kann Kanzler.

Wir haben fertig. Auch das stand in einer Werbung zu lesen, ich weiß aber nicht, was es bedeuten soll. Anscheinend ist es der Versuch, sich Immigranten der zweiten oder dritten Generation anzubiedern und deren oft rudimentäre Sprache zu imitieren.

Die Melanzani und die Aubergine. Was war da gemeint? Wirklich mehrere Melanzani und nur eine Aubergine, wie es dasteht?

Ein Grafitti. Derselbe Fall. Der Singular lautet: Grafitto.

Das Tor vom Priesterhaus.Selbst die renommierte „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ verwendet diese Vulgärform des Genetivs.

Wie bildet man den Komparativ eines Adjektivs? Indem man ein -er dazuhängt. (Bei manchen Wörtern ändert sich zusätzlich auch der Stamm z.B. bei groß.) Das gilt auch für Adjektive, die auf er enden. Es heißt daher nicht: eine noch düstere Musik, sondern eine noch düsterere Musik. Das widerstrebt manchem ORF-Moderator.

Eva Glawischnig hat das nullste Verständnis für die deutsche Sprache und dokumentiert das dadurch, dass sie in keinster Weise sagt.

Der Leserbriefschreiber hat meine vollste Zustimmung. Voll ist eben voll, ein solcher Begriff lässt sich nicht steigern. Voller als voll ist unmöglich.

Das Ganzeste, was ein Mensch erreichen kann ... schreibt der schweizerische Dichter Adolf Muschg. Auch ganz lässt sich nicht steigern: Ganz, ganzer, am ganzesten, Herr Muschg?

In und durch so viele. Damit glauben manche Journalisten, es sich leichter zu machen, das ist aber in der deutschen Sprache unzulässig. In verlangt den Dativ, durch den Akkusativ. Mit und ohne in einem Atemzug zu schreiben, stellt dasselbe Problem.

Zweifellos wäre Goethe außerstande gewesen, seinen „Faust“ zu schreiben, ohne dass sein Gehirn nicht ordnungsgemäß funktioniert hätte. So formulierte es ein bekannter Fernsehphilosoph, dessen Sprachhirn in diesem Fall nicht ordnungsgemäß funktionierte. (Das nicht ist zu viel). Derselbe Fall: Bevor die Blackbox nicht gefunden ist.

In seiner heutigen Form ist die Diözese Lausanne 1924 gegründet worden, schrieb die Kathpress. Diese falsche Form des Possessivpronomens bürgert sich immer mehr ein. Falls es jemand nicht wissen sollte: Es muss heißen, in ihrer heutigen Form. Die Diözese ist weiblich.

Die anglikanische Staatskirche verliert das Vertrauen in seine eigenen Institutionen. Die Kirche ist weiblich, es muss also heißen, in ihre Institutionen.

Sie bestehen auf gepanzertes Auto für Papst. Es muss richtig heißen: bestehen auf gepanzertem Auto ...

Die Honigbiene steht europaweit enorm unter Druck. Die arme!

Der Sprecher der Bank verwehrte sich dagegen, dass ...“ Erklären wir es wieder einmal: Der Sprecher verwahrte sich dagegen, dass ..., der Portier der Bank verwehrt einem Bewaffneten den Eintritt. Sich verwahren ist intransitiv, verwahren ( z.B. das Geschmeide im Safe) und verwehren sind transitiv.

Es ist eine Zusammenarbeit auf der Basis des kleinsten gemeinsamen Nenners. Eigentlich sollte besser Rudolf Taschner erklären, warum das falsch bzw. sinnlos ist. Im Mathematikunterricht mussten wir seinerzeit den größten gemeinsamen Nenner und das kleinste gemeinsame Vielfache ermitteln. Der kleinste gemeinsame Nenner ist null, das größte gemeinsame Vielfache unendlich.

Dass Stronach es ruhiger angehen lassen möchte. Ohne das Wort lassen wäre der Satz richtig und sinnvoll.

Per präsidentieller Verordnung. Per amtlichem Schreiben. Alle Jahre wieder ist daran zu erinnern, dass per den Akkusativ verlangt. Also: Per präsidentielle Verordnung bzw. per amtliches Schreiben.

Die Feinstaubbelastung überstieg den Grenzwert um das Doppelte. Also auf das Dreifache. War das gemeint?

Noch mal eben. Kann mir jemand sagen, was das heißt?

Bischof Kurt Krenn habe für eine Kirche gestanden, informierte uns die Kathpress. Diese Wendung ist nicht nur unelegant, sie ist auch falsch. Krenn sei für eine Kirche gestanden, sagt man in Österreich. Dasselbe nocheinmal: Was am Anfang der Auseinandersetzung gestanden hat. Gestanden ist, heißt das bei uns. Hier ein Beispiel, wie es richtig geht: Der Angeklagte ist vor dem Richter gestanden und hat sein Verbrechen gestanden. Das ist einer der Fälle, in denen das österreichische Deutsch facettenreicher ist als das deutsche.

Angesichts weniger werdender Katholiken, lasen wir irgendwo. Wie tut ein Katholik, wenn er weniger wird? Nimmt er ab?

Die Telefone sind angeschalten gewesen. Dieses Beispiel eines Mehrfachversagens lieferte uns der ORF. Richtig hätte es heißen müssen: eingeschaltet gewesen.

Ich bin, wie ich zugeben muss, bei den Musikmoderatoren auf Ö1 besonders empfindlich. Eine sehr gekünstelt auftretende Moderatorin (es ist die, die mit Schmelz in der Stimme anschließnd, kommnd, Schub't sagt) hat folgenden unvergleichlichen Superlativ geschaffen: die wenig bekannteste Musik. Gemeint hatte sie die am wenigsten bekannte Musik. Eine andere sagte: Der sich zurückgezogen habende Rossini. Da beutelt's mich.

Die indirekte Rede korrekt zu verwenden, fällt den österreichischen Journalisten besonders schwer. Deshalb ein Lob der Kathpress für folgenden Satz: Alle entscheidenden Dokumente trügen aber auch die Unterschrift des Bischofs. Im üblichen Journalisten-Deutsch hieße der Satz nämlich so: Alle Dokumente würden die Unterschrift des Bischofs tragen. Hier bestätigt sich, dass das Falsche oft auch hässlich ist.

Dazu hätte es der Meldung gar nicht bedürfen. Wendungen wie es hätte bedurft sind zwar noch irgendwie bekannt, aber man weiß sie nicht mehr richtig anzuwenden.

Mit Stumpf und Stil. (aus der „Presse“) Hoffen wir, dass es nur ein Tippfehler war.

Zuhause im Gemeindebau, schrieb eine von der Gemeinde Graz herausgegebene Zeitschrift. So redet kein Grazer. Warum hieß es nicht: Daheim im Gemeindebau? Daheim ist ausdrucksvoller und trägt in sich auch den Ton von Heimat.

DER AUTOR

Hans Winkler war langjähriger
Leiter der Wiener Redaktion der
„Kleinen Zeitung“.

Debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.08.2015)

Kommentar zu Artikel:

Deutsch für Inländer – eine unendliche Geschichte

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen