Allerheiligen, Allerseelen: Was wissen wir vom Tod?

Über die letzten Dinge. Sterben und Tod in den Todesanzeigen von Tageszeitungen – und was sich alles aus den Parten herauslesen lässt.

Heute ist Allerseelen. Ein wenig beachteter Tag. Der obligate Friedhofsbesuch wurde schon gestern erledigt. Allerseelen ist der zweite Tag eines Festes, dessen erster ein Fest der Freude war. Freude darüber, dass Menschen – unzählige vor uns – ein exemplarisches, andere inspirierendes und nachahmenswertes Leben geführt haben.

Nur wenige von ihnen sind uns noch bekannt. Sie sind dadurch in Erinnerung geblieben, dass sie formell zu Heiligen erklärt wurden. Zu Allerseelen gedenken wir aber auch aller anderen Toten, die als Lebende weder auffallend noch vorbildhaft waren und die ihr manchmal schönes oder viel öfter schweres Leben einfach getragen haben.

Dieser Tag drängt uns aber auch dazu, an den eigenen Tod zu denken, denn „media in vita mortis sumus“, wie es in einer mittelalterlichen Antiphon heißt, „mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen“. Oder wie es Rainer Maria Rilke in einem Gedicht formuliert hat:

„Der Tod ist groß.

Wir sind die Seinen

lachenden Munds.

Wenn wir uns

mitten im Leben meinen,

wagt er zu weinen

mitten in uns.“

Wie halten wir es mit Tod und Sterben? Was wissen wir davon, oder was glauben wir? Was erwarten wir oder erwarten wir eben nicht? Gibt es einen Trost für den Verlust von Angehörigen und Freunden und einen Trost für unseren eigenen Tod? Dürfen wir etwas hoffen?

Obwohl in Wien kaum gebräuchlich, sind Todesanzeigen ein wichtiger Teil in den großen Regionalzeitungen, aber auch in internationalen Prestigeblättern wie der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ oder auch der „Neuen Zürcher Zeitung“. Und nebenbei sind sie auch noch eine gute und verlässliche Einnahmequelle. Sie sind aufschlussreich dafür, was die Menschen über den Tod denken. Oft widerspiegeln sie auch die schiere Ratlosigkeit.

Eine erschütternde Parte wurde in der Grazer „Kleinen Zeitung“ abgedruckt. Als Überschrift hatten die Angehörigen das bekannte Wort des antiken Philosophen Epikur gewählt: „Das schauerlichste Übel, der Tod, geht uns nichts an; denn solange wir existieren, ist der Tod nicht da. Und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr.“

Das ist scharfsinnig und erscheint als die abgeklärte Weltsicht eines Weisen schlechthin. Es ist aber auch Ausdruck eines fürchterlichen Nihilismus. Dem der Parte beigestellten Foto nach zu schließen, war der Verstorbene ein sehr junger Mann. Welcher Schmerz, welche Verzweiflung muss die Eltern ergriffen haben, dass sie dieses Wort hinschrieben?

Goethe ist immer richtig, möchte man sagen. Er weiß zu jeder Lebenslage etwas zu sagen, und sei es eine nette Unverbindlichkeit: „Eines Morgens wachst du nicht mehr auf./Die Vögel singen, wie sie gestern sangen./Nur du bist fortgegangen./Du bist nun frei und unsere Tränen wünschen Dir Glück.“

Sehr häufig wird in Parten eine bleibende Verbindung des Toten mit den hinterbliebenen Lebenden beschworen: „Man stirbt nicht, wenn man in den Herzen der Menschen weiterlebt, die man verlässt“, heißt es, oder: „Abiit, non obiit.“ („Er ist gegangen, aber nicht gestorben.“) „Und immer sind da Spuren Deines Lebens, Gedanken, Bilder und Augenblicke. Sie werden uns an Dich erinnern, uns glücklich und traurig machen und Dich nie vergessen lassen.“

 

Undurchdringliche Grenze

Wie lange das hehre Versprechen wohl halten wird? Auch auf Lateinisch gibt es den Spruch, den man oft liest: „Non iam ibi es, ubi eras, sed ubique es, ubi sumus.“ („Du bist nicht mehr, wo Du warst, aber überall wo wir sind.“) „Es gibt ein Land der Lebenden und ein Land der Toten, und die Brücke zwischen ihnen ist die Liebe, die einzig Bleibende, der einzige Sinn“ (Thornton Wilder).

Oft weicht man dem Gedanken an den Tod aus mit Wünschen an ein geglücktes Leben: „Jede Zeit ist umso kürzer, je glücklicher man ist.“ Der Leser darf raten, was und wer etwa mit diesem Hinweis gemeint ist: „Großer und langsamer Wind aus der Bibliothek des Meeres. Hier darf ich ruhen.“ „Einschlafen dürfen, wenn man müde ist, eine Last fallen lassen können, die man lange getragen hat, das ist eine tröstliche, eine wunderbare Sache.“ Das findet wohl nur Hermann Hesse, von dem der Satz stammt.

Eine besondere Gattung von Parten sind die, in denen der Gestorbene sich selbst zu Wort kommt lässt, weil er es noch zu Lebzeiten formuliert hat. Manche teilen der Nachwelt mit, dass „ich keine Trauerfeier und ähnliche Riten und Rituale wünsche“ – und die hält sich schon dadurch nicht daran, dass sie eine solche Parte aufgibt. Man darf darin wohl den Versuch sehen, irgendwie die undurchdringliche Grenze des Todes zu überbrücken.

Nur selten erfährt man in einer Parte etwas von den Leiden und Schmerzen, die viele Menschen vor ihrem Tod durchmachen müssen: „Leider muss ich zweimal sterben, einmal als der Mensch, der ich war, und einmal als der Mensch, den die Krankheit aus mir gemacht hat.“

 

Die Antworten des Glaubens

Ganz anders klingen die Parten, die vom christlichen Glauben inspiriert sind: „Unsere Zeit steht in Gottes Händen“ ( Psalm 31,16), ist da zu lesen, oder das schlichte Sprüchlein, das Franz von Sales zugeschrieben wird: „Die Todesstunde schlug so früh, doch Gott der Herr bestimmte sie.“ Das Wort aus dem Propheten Jesaia: „Fürchte Dich nicht, denn ich habe Dich erlöst; ich habe dich bei Deinem Namen gerufen, du gehörst zu mir“, spricht vom Gottvertrauen auch und gerade im Tod.

„Der Prinz zu Hannover, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg gibt „tiefbetrübt Nachricht, dass es Gott dem Allmächtigen gefallen hat, Prinzessin Monika von Hannover, Herzogin zu Braunschweig und Lüneburg, Gräfin zu Solms-Laubach in die Ewigkeit heimzurufen.“ Diese Todesanzeige mag Ausdruck von Standesdünkel sein. Zugleich aber vertraut sie die Tote den Verheißungen des Glaubens der (hier evangelischen) Kirche an. Der Auftraggeber der Parte malt sich weder ein Danach noch ein Jenseits für die Verstorbene aus. Aber er weiß, dass die Tote „gerufen“ wurde, und er spricht von der Ankunft in einer „Heimat“.

Die ganze Unerhörtheit des jüdischen und christlichen Glaubens wird einem klar, wenn man in einer Parte den Satz aus dem Weisheitsbuch des Alten Testaments liest: „Gott hat den Menschen zur Unvergänglichkeit erschaffen und ihn zum Bild seines eigenen Weges gemacht.“ Das Schicksal des Menschen ist besiegelt. Er ist unvergänglich, weil er nach dem Bild Gottes geschaffen ist. Wer traut sich noch, einen so kühnen Gedanken zu fassen und auszusprechen?

 

Sterben und auferstehen

Das Christentum hat es sich immer versagt, sich das Paradies vorzustellen oder irgendwie auszumalen. Es hofft auf eine große, alles Vorstellbare überbietende Begegnung. An die Unsterblichkeit glauben nur Heiden. Die Christen glauben an Tod und Auferstehung. Im 1. Korintherbrief heißt es, dass „kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gedrungen ist, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.“

DER AUTOR

Hans Winkler war langjähriger
Leiter der Wiener Redaktion der
„Kleinen Zeitung“.

Debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.11.2015)

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