Immigration und andere Überraschungen in Südtirol

Kulturkampf. Die meisten Einwanderer in Südtirol wissen nicht, dass dort auch Deutsch gesprochen wird. Versteckter Wettbewerb um Zuwanderer.

Am Waltherplatz in Bozen schlurfen schwarzafrikanische Wanderverkäufer herum und versuchen, Schieber-Hüte, Plastikspielzeug und beinahe echte afrikanische Schnitzereien an den Mann zu bringen. Man kennt das aus allen italienischen Städten. Die Afrikaner fallen zwar besonders auf, sie sind aber nur eine sehr kleine Minderheit unter den Zuwanderern in Südtirol.

Die viel größeren Zahlen stellen Albaner, Afghanen und Pakistaner. Etwa acht Prozent Ausländer leben in Südtirol, davon ein Drittel Deutsche und Österreicher.

Das sind geradezu idyllische Zustände, könnte man meinen. Wenn es da nicht einen Umstand gäbe, der die Immigration komplizierter macht als anderswo. Die Zuwanderer müssen nicht nur in eine ihnen fremde Gesellschaft integriert werden, sondern auch in ein kompliziertes System der Mehrsprachigkeit. Sie bringen jene Einrichtungen aus dem Gleichgewicht, auf denen das gesamte politische Leben aufgebaut ist und um die die Südtiroler jahrzehntelang gekämpft und die sie schließlich im „Südtirol-Paket“ von 1972 erreicht haben.

 

Der ethnische Proporz

Es sind die Garantien für den Bestand der deutschen und ladinischen Volksgruppe: Das Autonomiestatut für die Provinz Bozen, das getrennte Schulwesen und den „ethnischen Proporz“ bei der Vergabe von Posten im öffentlichen Dienst des Landes und – sehr eingeschränkt – auch des Staates.

Wie der ethnische Proporz anzuwenden ist, hängt von der Volkszählung ab. In diesem Herbst findet wieder eine in ganz Italien statt. Jeder Bürger in Südtirol hat dabei eine „Sprachgruppenzugehörigkeitserklärung“ abzugeben. 1981 hatte der damalige grüne EU-Abgeordnete Alexander Langer aus Sterzing etwa 800Leute dazu gebracht, diese Erklärung zu verweigern – und auch jetzt hat es wieder vereinzelte Proteste dagegen gegeben. Sie fanden aber kaum ein Echo. Im Grunde sind alle ganz zufrieden mit dem System. Es gibt diesmal aber eine wichtige Neuerung: Die Erklärung wird nur für die statistische Gesamtberechnung verwendet, nicht aber dem Einzelnen zugerechnet.

Die Volkszählung ist immer eine Zeit politischer Nervosität im Land an Etsch und Eisack. Eine offene „Wahlwerbung“ zu machen, wäre verpönt. Das dürfen nur die Ladiner, denen man das nachsieht, weil ihre Zahl mittlerweile unter die der Nicht-EU-Ausländer gesunken ist. Um die Südtiroler muss sich ohnehin niemand Sorgen machen, die Volksgruppe ist stärker und selbstbewusster denn je.

„Am liebsten wäre es Luis Durnwalder ja, wenn die Zahl der Italiener leicht zunähme“, meint ein politischer Beobachter in Bozen sarkastisch, „dann hätte er Ruhe im Land.“ Durnwalder, der seit 22Jahren im Amt ist und hohes Vertrauen auch bei den Italienern genießt, hat dabei noch einen Hintergedanken: Wenn die Stimmung der Italiener gut ist und sie keine Angst um ihren Bestand als Gruppe in Südtirol haben müssen, wird sich bei ihnen der Trend verstärken, deutsche Parteien, vor allem natürlich die SVP, zu wählen.

Da es keine attraktive Auswahl an italienischen Parteien der Mitte gibt, werben die Parteien der Südtiroler klammheimlich um die Italiener. Sehr offensiv können sie die Werbung aber nicht betreiben, sonst käme womöglich ein Italiener auf die Idee, sich um die Mitgliedschaft bei der SVP zu bewerben. Das aber geht nicht, denn die SVP ist als ethnische Partei der Südtiroler gegründet worden.

Es gibt Berechnungen, nach denen die SVP zwei ihrer 18Mandate und damit die absolute Mehrheit der 35Sitze im Landtag den Stimmen von Italienern verdankt – und das geht allein auf das Konto von Durnwalder.

 

Die problematischen Albaner

Die allermeisten Einwanderer haben freilich von diesen Dingen keine Ahnung. Vom subtilen Wettkampf um ihre Stimme bei der Spracherklärung bekommen die wenigsten etwas mit. Viele glauben jedenfalls, in Südtirol werde nur Italienisch gesprochen. Dass sie außerdem noch Deutsch lernen sollen, ist ihnen nicht vermittelbar.

Am schnellsten erfährt es etwa eine Pflegerin aus der Slowakei, wenn sie am Bett einer Patientin aus dem hintersten Ahrntal steht, die kein Wort Italienisch spricht – was sie auch nicht muss. Denn sie hat Anspruch darauf, sich in einer öffentlichen Einrichtung in ihrer Muttersprache zu verständigen.

Der Kulturkampf findet vor allem auch in der Schule statt. Dass sich die Zugewanderten eher für eine italienische Identität entschieden, war den Südtirolern anfänglich ganz recht. Als sich die Italiener darüber beklagten, dass alle Ausländer in ihre Schulen kämen, wurde ihnen bedeutet, sie sollten froh sein, sonst müsse man manche Schule aus Mangel an Kindern schließen.

Jedenfalls überließ man die als problematisch geltenden Albaner gern den Italienern. Da diese zuhause seit jeher italienisches Fernsehen gesehen hatten, taten sie sich mit Italienisch auch nicht schwer. Erst zu spät hat die SVP bemerkt, dass sich damit auch das ethnische Verhältnis verschiebt.

Stattdessen drängt die italienische Ober- und Mittelschicht in die deutschen Schulen, weil diese als besser gelten und dort mehr Disziplin herrscht. Außerdem wollen die Eltern damit ihren Kindern den Weg in die wirtschaftlich und politisch dominierende deutschsprachige Gesellschaft Südtirols ebnen.

 

Lieber Englisch als Italienisch

Das hat dazu geführt, dass in manchen deutschen Schulen in Bozen, Meran oder Brixen Italienisch die Lingua franca geworden ist. Im Vorjahr hat sich in Bozen der paradoxe Fall ereignet, dass italienische Eltern sich darüber beschwert haben, es werde in „ihrer“ deutschen Schule zu viel Italienisch geredet und die Kinder lernten nicht genug Deutsch. Es soll sogar italienische Eltern geben, die sich bei ihren Bekannten dafür entschuldigen, dass ihre Kinder in eine italienische Schule gehen.

Auf der anderen Seite sinkt die Bereitschaft der Deutschen, Italienisch zu lernen „geradezu dramatisch“. Das Prestige des Italienischen sinkt. „Die Italiener haben im Land ohnehin nichts zu sagen, und Rom macht sich nur durch Störungen bemerkbar.“

Symptomatisch dafür ist, dass 2010 bei den Aufnahmsprüfungen in die Bozener Universität mehr Deutsche und Österreicher die Italienisch-Prüfung bestanden haben als Südtiroler. Diese lernen lieber Englisch als Zweitsprache. Aus dem Traum einer multikulturellen, vielsprachigen kleinen Welt in Südtirol – falls ihn überhaupt jemand gehabt haben sollte – ist nichts geworden.

 

Aushöhlung der Regeln

Ausgehöhlt werden die bisher fast sakrosankten Regeln des ethnischen Proporzes aber vor allem am Arbeitsmarkt. Mit zwei bis drei Prozent Arbeitslosigkeit herrscht in Südtirol so gut wie Vollbeschäftigung. In der Krankenpflege gelten die Sprachvorschriften praktisch nicht mehr, denn die Krankenschwestern aus Polen und der Ukraine kann man nicht zwingen, zwei Sprachen zu lernen.

Dazu kommt, dass Deutsch schwerer zu erlernen ist als Italienisch, aber das darf man in Südtirol nicht aussprechen. Ein Landesrat gestand kürzlich, es vergehe keine Sitzung der Landesregierung, „ohne dass wir irgendeine Ausnahme vom ethnischen Proporz beschließen müssen“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.11.2011)

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